Schlauer Räuber: Der Wolf ist vor einigen Monaten ins Murgtal zurückgekehrt. Dadurch ist eine Diskussion über den Schutz von Weidetieren entbrannt.
Schlauer Räuber: Der Wolf ist vor einigen Monaten ins Murgtal zurückgekehrt. Dadurch ist eine Diskussion über den Schutz von Weidetieren entbrannt. | Foto: Pleul

Maßnahmen gegen Wolfsangriffe

Strom und Stärke schrecken ab

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Zäune, Stromschläge, Hunde: Wie lassen sich Weidetiere wirksam vor dem Wolf schützen? Darüber diskutieren Experten, Politiker und Tierhalter seit der Rückkehr des Raubtieres in das Murgtal. Zuletzt sprach sich der Loffenauer Schafzüchter Thilo Studer dafür aus, Wölfe mittels GPS-Chip zu orten und bei Annäherung an eine Herde Gummigeschosse einzusetzen (die BNN berichteten).

Ein Grünen-Politiker bringt Stromschläge ins Gespräch, einige Tierhalter setzen auf Zäune und Herdenschutzhunde. Martin Hauser, der Wildtierbeauftragte des Landkreises Rastatt, bewertet in den BNN die verschiedenen Maßnahmen zur Wolfsprävention – und nimmt die Politik in die Pflicht.

Zusammenleben von Mensch und Wolf

„Wenn man die Rückkehr des Wolfes unterstützt und gleichzeitig die Offenhaltung der Landschaft wünscht, muss man Tierhaltern unter die Arme greifen“, betont Hauser. Grundsätzlich begrüße er alle Überlegungen, die ein Zusammenleben von Mensch und Wolf zum Ziel hätten. Gleichwohl sieht der Wildtierexperte einige Vorschläge kritisch.

GPS ist keineswegs metergenau.

Studers Idee, den Raubtieren GPS-Chips zu implantieren und sie durch Gummigeschosse zu vertreiben, hält Hauser für wenig praktikabel: „Die GPS-Ortung ist keineswegs metergenau“, weiß der Wildtierbeauftragte, der zu Forschungszwecken regelmäßig Hirsche besendert. Und selbst wenn sich ein Wolf einer Herde nähere, sei ihm mit Gummigeschossen kaum beizukommen: „Bis der Alarm auslöst und man vor Ort ist, könnte er sich längst woanders aufhalten.“

Große Verunsicherung: Tierhalter wie Hans-Jörg Wiederrecht fürchten sich vor Wolfsattacken.
Große Verunsicherung: Tierhalter wie Hans-Jörg Wiederrecht fürchten sich vor Wolfsattacken. | Foto: Körner

Tierschutz muss bedacht werden

Der Grünen-Kreisrat Manuel Hummel hatte vorgeschlagen, Wölfe mit einem Halsband auszustatten und in der Nähe von Weidetieren mit Stromschlägen oder Vibration abzuschrecken. Dies sei „tierschutzrechtlich möglicherweise problematisch“, gibt Hauser zu bedenken. Hinzu kommt: Die Lebensdauer der Sender-Akkus ist begrenzt. Geht sie zu Ende, setzt das GPS-Gerät eine entsprechende Meldung ab und fällt automatisch vom Halsband. „So können wir es wieder einsammeln“, erklärt Hauser.

Wölfe graben sich durch

Einen wirksamen Schutz bieten seiner Meinung nach vor allem Elektrozäune. Allerdings müssten Tierhalter darauf achten, „dass die unterste Litze in Bodennähe ständig unter Strom steht“, so Hauser. Es sei bekannt, dass Wölfe in der Regel versuchten, sich unter den Zäunen durchzugraben. Über Sichthöhe, und damit auch über die 90 Zentimeter hohen Umzäunungen, springen laut Hauser nur „Problemtiere“.

Übernahme des Personalaufwands

Ein solches sei „GW852m“, der Wolfsrüde aus dem Murgtal, nicht: „Bislang hat er keine Tiere auf wolfssicheren Weiden angegriffen“, betont Hauser. Er plädiert für eine umfangreiche Unterstützung der Tierhalter. „Neben den Materialkosten sollte auch der Personalaufwand übernommen werden.“ Denkbar sei eine Beauftragung von Fremdfirmen für den Zaunbau durch das Land, dort, wo Tierhalter damit überfordert seien. So hatte Hans-Jörg Wiederrecht, Vorsitzender der Ziegenfreunde Bermersbach, moniert, der Verein verfüge nicht über das Personal, um die wolfssicheren Weidezäune zu errichten.

Hunde bellen und demonstrieren Stärke.

Martin Hauser hält bei großen Herden auch den Einsatz von Schutzhunden für sinnvoll. Dass es sich bei ihnen um „Killermaschinen“ handele, die nicht zwischen Wolf und Mensch unterscheiden, wie Thilo Studer behauptet hatte, sei unzutreffend. Eine ihm bekannte Schäferin aus Niedersachsen, deren Herde durch ein von zwei Wolfsrudeln bevölkertes Gebiet zieht, habe damit gute Erfahrungen gemacht. „Die Hunde bellen und demonstrieren Stärke, das schreckt den Wolf ab“, erklärt Hauser. Gleiches gelte für Begegnungen mit dem Menschen: „Dominantes Verhalten hilft, denn der Wolf ist sehr vorsichtig.“ Eine schwere Verletzung sei für das Raubtier das „sichere Todesurteil“.

Verantwortung des Landes

Die Stadt Gernsbach, wo der Wolf im September mehrere Schafe im Ortsteil Reichental getötet hatte, sieht bei der Prävention das Land in der Verantwortung. „Wir tun, was wir können, um Tierhalter zu unterstützen“, sagt Bürgermeister Julian Christ, allerdings seien die Präventionsmaßnahmen „Ländersache“. In Forbach hat man unterdessen Förderanträge für den Schutz von zwei gemeindeeigenen Zaunanlagen gestellt. Mit den Ziegenfreunden Bermersbach, so Bürgermeisterin Katrin Burke, befinde man sich in Gesprächen, um eine Lösung zu finden.

Infos zu Förderanträgen finden sich auf www.landkreis-rastatt.de. Ehrenamtliche Hilfe beim Zaunbau bietet die Plattform www.wikiwolves.org an.