Umstrittener Rückkehrer: Um die sich abzeichnende Ansiedlung des Wolfes in Baden-Württemberg ist eine kontroverse Debatte entbrannt. | Foto: Wagner

Kritik aus Forbach

Wolfsprävention „komplett an der Realität vorbei“

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Der Wolf kommt: Seit Monaten mehren sich die Hinweise auf eine Rückkehr des Raubtieres in das Murgtal. Hans-Jörg Wiederrecht, Vorsitzender der Ziegenfreunde Bermersbach, sorgt sich deshalb um seine Tiere – und malt ein düsteres Bild für die Zukunft. Der 52-Jährige geht davon aus, dass der Wolf im Murgtal sesshaft wird und die Weidetierhaltung mit ihm dauerhaft verschwindet. Im Gespräch mit BNN-Redakteur Dominic Körner übt Wiederrecht Kritik an der Politik.

Herr Wiederrecht, die jüngsten Ereignisse zeigen: Der Wolf ist im Nordschwarzwald angekommen. Als Weidetierhalter dürften Sie ein mulmiges Gefühl im Magen haben…

Wiederrecht: Nach dem Wolfsriss in Bad Wildbad geht es uns allen so, wenn wir morgens auf die Weide fahren. Man weiß: Es kann jede Nacht passieren und wir können nichts dagegen tun.

Dabei stellt das Land Tierhaltern Fördermittel für die Wolfsprävention in Aussicht…

Hans-Jörg Wiederrecht | Foto: Körner

Wiederrecht: Aus meiner Sicht war das ein Schnellschuss aus dem Umweltministerium, der komplett an der Realität vorbeigeht. Was bringt mir eine Bezuschussung der Materialkosten für einen Zaun, den ich gar nicht errichten kann? Bei einer Umzäunung von insgesamt 28 Kilometern Länge reden wir von 700 Arbeitsstunden. Das ist für uns nicht zu bewältigen. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer auf das Material, die das Land nicht erstattet. Aus Niedersachsen weiß man mittlerweile übrigens, dass Wölfe auch vermehrt in vermeintlich wolfssichere Weiden eindringen.

In diesem Fall sollen Herdenschutzhunde die Tiere verteidigen, deren Unterhalt das Land mit jährlich 1.950 Euro fördern will.

Wiederrecht: Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Hunde im Ernstfall tatsächlich einen Wolf angreifen und vertreiben würden. Und vergessen wir nicht, dass der Unterhalt für einen großen Herdenschutzhund bei bis zu 900 Euro monatlich liegt. Letztlich bleibt der Tierhalter auf dem Großteil der Kosten sitzen. Eine Förderung kommt ohnehin erst ab 60 Muttertieren in Frage. Viehhalter mit kleinen Herden lässt man im Regen stehen.

Dem Umweltministerium stellen Sie also kein gutes Zeugnis aus?

Wiederrecht: Baden-Württemberg galt jahrelang als Wolfserwartungsland. Bei den ersten Rissen war nicht einmal klar, ob das Umweltministerium oder das Ministerium für den Ländlichen Raum zuständig sind! Soviel zum Thema „Wir sind vorbereitet“.

Das alles klingt, als müsse man darauf hoffen, dass der Wolf im Wald bleibt…

Wiederrecht: Wie wir in Bad Wildbad gesehen haben, tut er das nicht. Wölfe sind hochintelligent und sehr anpassungsfähig. Bei Nahrungsknappheit werden sie, wie Wildschweine und Füchse auch, in die Nähe der Menschen kommen. Ich glaube nicht an eine angeborene Scheu des Wolfes. Solange er nicht lernt, dass eine Begegnung mit dem Menschen für ihn unangenehm ist, wird er dort jagen, wo er am leichtesten Beute machen kann – auch auf unseren Weiden.

Und Sie sehen kein wirkungsvolles Mittel dagegen?

Wiederrecht: Um ehrlich zu sein: Nein. Wir denken zwar darüber nach, die Herden zusammenzulegen und näher ans Dorf zu bringen. Das ist allerdings frühestens Ende 2019 möglich, wenn unsere Beweidungsverträge mit dem Landwirtschaftsamt auslaufen. Viel wichtiger ist, dass unsere Gesellschaft bewusst mit dem Thema umgeht und auch zu den Konsequenzen steht.

Inwiefern?

Wiederrecht: Wir wollen im Einklang mit der Natur leben – und das ist grundsätzlich gut. Nur wird der Wolf oft verklärt, gerade von Städtern. In bestimmten Fällen, etwa wenn ein Exemplar dreimal Vieh gerissen hat, plädiere ich für eine Entnahme (Abschuss, die Red.). Vergessen wir nicht: Es handelt sich um ein Raubtier, das tötet und gravierende Auswirkungen auf unser Ökosystem hat.

Zum Beispiel?

Wiederrecht: Sehen Sie: Schaffen wir Schutzräume für das Auerhuhn, profitieren auch andere lichtliebende Lebewesen davon. Die Verbreitung des Wolfes dagegen führt aus meiner Sicht in letzter Konsequenz zum Artensterben: Wenn die Weidetierhalter aufhören, wächst unsere Landschaft zu. Somit geht wichtiger Offenland-Lebensraum verloren, etwa für Libellen, Schmetterlinge und Singvögel.

Hintergrund: Der Wolf in Baden-Württemberg
Ein überfahrenes Tier wird 2015 im Ortenaukreis gefunden. Im Mai 2016 filmt eine Privatperson einen Wolf bei Bad Dürrheim. Es ist die erste Wolfssichtung im Land seit 150 Jahren. Ein toter Wolf wird im Juli 2017 aus dem Schluchsee geborgen – er ist erschossen worden. Im Oktober 2017 reißt ein Wolf drei Lämmer im Kreis Heilbronn, im Dezember 2017 wird Rotwild bei Forbach gerissen. Ende April 2018 sterben bei einer Wolfsattacke in Bad Wildbad mehr als 40 Schafe. Am 30. Juli 2018 werden in Hutzenbach vier tote Schafe gefunden, die derzeit noch auf Wolfsspuren untersucht werden.
Das Umweltministerium weist die Förderkulisse „Wolfsprävention“ aus, der auch das Murgtal angehört. Dort übernimmt das Land 90 Prozent der Materialkosten zum Schutz von Herdentieren vor dem Wolf. Ab einer Größe von 60 Muttertieren fördert es den Einsatz von Herdenschutzhunden mit 1.950 Euro im Jahr.

Glauben Sie tatsächlich an das Ende der Weidetierhaltung im Murgtal?

Wiederrecht: Fachleute prognostizieren, dass der Wolf hier sesshaft wird und sich vermehrt. Spätestens in fünf Jahren sprechen wir auch bei uns von Rudeln. Ich glaube nicht, dass sich unsere Form der Beweidung mit dem Wolf vereinbaren lässt, aber vielleicht gelingt es der großen Politik ja ein anderes, tragfähiges Weide- oder Landschaftserhaltungssystem zu etablieren, was ich persönlich allerdings nicht glaube!

Als Förster, Anfang 50, sind Sie viel im Wald unterwegs. Gehen Sie davon aus, dass Sie in Ihrer Dienstzeit noch auf einen Wolf treffen?

Wiederrecht: Da bin ich mir sicher.