„Wie ein zweites Zuhause“: So liebevoll haben Besucher das Juze in Gernsbach mit „Jugendhauspapa“ Mathias Winter im BNN-Gespräch vor einem Jahr beschrieben. (Archivfoto)
„Wie ein zweites Zuhause“: So liebevoll haben Besucher das Juze in Gernsbach mit „Jugendhauspapa“ Mathias Winter im BNN-Gespräch vor einem Jahr beschrieben. (Archivfoto) | Foto: Sophie Nähring

Stadt plant Neukonzeption

Zukunft des Jugendhauses in Gernsbach ist noch ungewiss

Anzeige

Was wird aus dem Kinder- und Jugendhaus am Bahnhof? Mit dieser Frage befassen sich die Stadt Gernsbach und der Gemeinderat seit einiger Zeit. Auch ein Standortwechsel und ein neuer Träger sind im Gespräch. Eine Sozialraumanalyse soll Hinweise geben.

Was wird aus dem Kinder- und Jugendhaus am Bahnhof? Mit dieser Frage befassen sich die Stadt Gernsbach und der Gemeinderat seit einiger Zeit. Seit 1996 betreibt die Stadt das Juze. 2018 hat sie das Haus – ein ehemaliges Signalgebäude der Deutschen Bahn – gekauft. Im April 2019 fiel die Entscheidung, eine Neukonzeption zu erarbeiten. Dabei geht es nicht nur darum, das heruntergekommene Gebäude und Mobiliar instand zu setzen. Auch ein Standortwechsel und ein neuer Träger sind im Gespräch. Bei der Entscheidung, wie’s weitergeht, sollen Kinder und Jugendliche einbezogen werden.

Auch interessant: Stadt Gernsbach sagt wegen Corona das Altstadtfest ab

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie gut es sich als Kind und Jugendliche(r) in Gernsbach leben lässt, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt und was speziell das Jugendhaus bieten muss, hat die Stadt das Marktforschungsinstitut Katz aus Pforzheim mit einer Sozialraumanalyse beauftragt.

Inhaberin Andrea Katz hat die Ergebnisse am Montagabend in einer öffentlichen Gemeinderatssitzung vorgestellt.

Manche Jugendliche in Gernsbach wünschen sich mehr Freiraum

Grundsätzlich schätzt die Beraterin die Situation der Gernsbacher Jugend als gut ein. Sie leben in einer guten Nachbarschaft, können sich in mehreren Bauwagen, am Skaterplatz oder im Juze treffen und haben in Vereinen, Schule und Co. viele engagierte Menschen im Rücken.

Doch für manche Jugendliche sind die Strukturen zu eng. Ihnen fehlt Freiraum, um sich auszuprobieren. Diesen könnten etwa Bandräume oder Sprayer-Wettbewerbe bieten, schlug Andrea Katz vor.

Ihrem Eindruck nach fehlen auch weitere Treffpunkte, eine „Kneipenkultur“. Ferner vermisst sie Kinder- und jugendpsychologische Angebote.

Auch interessant: Gernsbacher ist Hobby-Landwirt aus Leidenschaft

Das Jugendhaus ist besser als sein Ruf

Das Jugendhaus selbst habe einen „guten Draht zu schwarzen Schäfchen“ und biete sozial schlechter gestellten Kindern ein Zuhause. Im Kern würden aber „nur Problemjugendliche erreicht“.

Bei Außenstehenden habe das Juze einen schlechten Ruf. Wer dem Jugendhaus einen Besuch abstattet, zeige sich jedoch positiv überrascht.

Die regelmäßigen Gäste wiederum fühlen sich im Haus wohl, ob es nun schmuddelig ist oder nicht. Sie wünschen sich keine großen Veränderungen, nur Kleinigkeiten wie neue Spielgeräte.

Derzeit bleibt das Juze zu
Der Sozialpädagoge Mathias Winter leitet das Kinder- und Jugendhaus in Gernsbach. Unterstützt wird er vom Erzieher Friedemann Roth. Die beiden bieten Kindern und Jugendlichen ab acht Jahren normalerweise an vier Nachmittagen pro Woche offene Treffs und Beratungen an. Corona-bedingt ist das Juze aber derzeit geschlossen.

Zeitnahes Handeln und mehr Personal sind wichtig

Zu ihren Ergebnissen kam Andrea Katz nach eigenen Angaben durch statistische Daten und Gespräche. Sie habe sich unter anderem in Schulen, Vereinen und bei der Polizei umgehört, aber auch direkt mit Kindern und Jugendlichen gesprochen.

Als wichtige Wünsche notiert sie zeitnahes Handeln, mehr Vernetzung mit Vereinen und mehr Personal. Gerade den letzten Punkt unterstreicht sie: „Das ist mir auch aufgefallen.“

Mit dem kleinen Zwei-Mann-Team im Jugendhaus „ist nicht viel zu machen“. Sie empfiehlt, die Jugendarbeit auszubauen und Jugendliche stärker zu beteiligen.

In die Jahre gekommen: Das Jugendhaus in Gernsbach ist in einem ehemaligen Bahngebäude untergebracht. Ob es dort bleibt oder umzieht, ist bislang nicht beschlossen.
In die Jahre gekommen: Das Jugendhaus in Gernsbach ist in einem ehemaligen Bahngebäude untergebracht. Ob es dort bleibt oder umzieht, ist bislang nicht beschlossen. | Foto: Susanne Dürr

Beraterin schlägt drei Szenarien für das Juze vor

Andrea Katz sieht drei mögliche Szenarien für das Jugendhaus. Option Eins: „bewahren und verbessern“. Dabei würde es in erster Linie darum gehen, mehr Kinder und Jugendliche anzusprechen.

Neben kosmetischen Bauarbeiten wären mehr Freizeitangebote und mehr Beratung nötig. Ein Risiko sieht Katz im schlechten Ruf der Einrichtung.

Junge Besucher müssen sich weiterhin wohlfühlen

Die zweite Möglichkeit wäre ein Umbau „mit erkennbar neuem Konzept“.  Die dritte Variante ist ein ganz neuer Standort. Katz könnte sich in diesem Fall vorstellen, mehrere Angebote zu vereinen – etwa für Eltern mit Kleinkindern und den Jugendtreff zugleich.

Sie sieht darin eine Chance, mehrere Generationen zusammenzubringen. Wichtig sei dann, „dass sich die Kinder und Jugendlichen immer noch wohlfühlen“.

Das sagt der Gemeinderat
Angesichts des schlechten Rufs der Einrichtung hält Birgit Gerhard-Hentschel (Grüne) es für nötig, „in der Bevölkerung darauf hinzuwirken, dass eine andere Stimmung entsteht“.
Die Gemeinderatsfraktionen bewerten die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an der Neukonzeption als sinnvoll und wichtig. Emelie Knöpfle (SPD) mahnt an, „dass dies kein Lippenbekenntnis bleibt“.
Gute Formate zu erarbeiten hält Volker Arntz (SPD) für nachhaltig. „Alles, was wir uns jetzt einfallen lassen, können wir später nutzen.“
Victoria Felder (CDU) hofft, dass viele Jugendliche sich aktiv einbringen. Uwe Meyer (FBVG) regte an, den Gemeinderat bei den Workshops zu beteiligen.