Die kleinen Tomaten wandern in die mitgebrachte Schale: BNN-Mitarbeiterin Katja Stieb hat eine Woche lang bei ihren Einkäufen darauf geachtet, Plastikverpackungen zu vermeiden. | Foto: pr

BNN-Mitarbeiterin probiert’s

Geht doch (fast) – Verzicht auf Plastik

Anzeige

Wattestäbchen, Trinkhalme, Lebensmittelverpackungen – Plastik ist überall und wird tagtäglich oft achtlos konsumiert und entsorgt. Die Konsequenz: In den Ozeanen treiben unzählige Tonnen Plastikmüll und bedrohen die Ökosysteme. Die EU will diesem globalen Umweltproblem den Kampf ansagen und ausgewählte Einweg-Produkte zu verbieten. Doch wäre es nicht sinnvoller, den Menschen zum Umdenken zu bewegen, indem man, wo möglich, auf Plastikverpackungen verzichtet? Es geht doch auch ohne, oder? BNN-Mitarbeiterin Katja Stieb hat es ausprobiert: Eine Woche lang versuchte sie, beim Einkaufen komplett auf Plastik zu verzichten.

Freitag, 1. Juni

Voll motiviert und bestens vorbereitet: Der Einkaufskorb ist gefüllt mit mehreren leeren Frische-Boxen, die mir helfen sollen, mein Ziel zu erreichen. Der heutige Einkaufszettel ist überschaubar: Es fehlen Mineralwasser, Eier, Salat und Steaks. Da auch Mehrweg-PET-Flaschen seit heute ein Tabu sind, greife ich zu Glasflaschen. Kritisch beäuge ich die Verschlusskappen: Manche sind aus Plastik, andere aus Aluminium. Aber sind Letztere nicht innen mit Kunststoff beschichtet? Nach reiflicher Überlegung beschließe ich, dass Leitungswasser für die Dauer einer Woche auch eine Option ist. Die Eier im Pappkarton stellen kein Problem dar. Bleibt der Salat. Tatsächlich finde ich eine einzige Sorte, die nicht in Folie verpackt ist. Ausgerechnet Kopfsalat, den ich gar nicht mag. Beim Metzger lasse ich mir die Steaks in eine mitgebrachte Kunststoff-Box packen. Die Verkäuferin wirkt kurz überrascht, kommentiert die Bitte aber nicht weiter. Geschafft!

Samstag, 2. Juni

Eine Geburtstagseinladung am Abend macht einen Großeinkauf unnötig. Allerdings habe ich versprochen, einen Salat mitzubringen. Beim Blick ins Rezeptbuch atme ich auf: Tomaten, Paprika und Pfirsiche bekommt man mühelos auch ohne Plastik. Allerdings muss man Abstriche machen: Kleine Cocktail-Tomaten gibt es nur in Plastikverpackung, Paprika muss man einzeln kaufen, weil das Trio aus Rot, Grün und Gelb eingepackt ist. Und: Die Pfirsiche sind in dem von mir gewählten Markt nur im Plastikkörbchen erhältlich. Also nach nebenan zum Mitbewerber, der die Früchte einzeln anbietet. Fehlt noch der Feta, die wichtigste Zutat für den sommerlichen Salat. Den gibt es im Kühlregal in sechs Varianten – allesamt in Plastik verpackt. Ich bin ratlos. Dann fällt mir die Käsetheke ein. Fünf Minuten später habe ich den mit über fünf Euro fraglos teuersten Feta meines Lebens eingepackt.

Sonntag, 3. Juni

Erleichterung pur: Die Läden haben zu. Ein Tag im Freibad steht auf dem Programm. Das Frühstück gestaltet sich problemlos: Brot und Brötchen bekommt man plastikfrei. Sonst ist noch alles vorrätig, allerdings gehen Milch, Frischkäse und auch Kaffee zur Neige, was mir schon heute Sorgen bereitet. Am Kiosk im Freibad finde ich später tatsächlich ein Eis ohne Plastikverpackung, und der Snack am Mittag kommt auf dem Teller ebenfalls plastikfrei. Im letzten Moment habe ich geistesgegenwärtig auf das Pommes-Pappschälchen verzichtet: Das gibt es bekanntlich mit einer kleinen Plastikgabel.

Montag, 4. Juni

Langsam wird die Vorratslage brenzlig: Der Einkaufszettel ist lang. Ganz oben steht Zahncreme. Im Drogeriehandel muss ich die erste Niederlage einstecken: Zahncreme ohne Plastik gibt es nicht. Ich muss mich geschlagen geben, denn ich bin definitiv nicht bereit, aufs Zähneputzen zu verzichten. Im Supermarkt brauche ich an diesem Tag doppelt so lange wie sonst und zahle rund ein Drittel mehr: Milch, Joghurt und Sahne werden in Glasbehältern gekauft. Sehnsüchtig blicke ich auf die in Plastik verpackten Käsescheiben, meinen Lieblingsjoghurt und den leckeren Kräuterquark. Auch in Sachen Dessert muss ich verzichten: Ich finde keine Eiscreme, die nicht ganz oder teilweise in Plastik verpackt ist. Ich muss einräumen, dass ich ein bisschen genervt bin. Wegen der Zahnpasta. Und weil ich kein Eis bekomme.

Dienstag, 5. Juni

Ich nehme gleich morgens die Vorratskammer in Augenschein. Am Abend soll es Pasta geben, und Nudeln sind plastikfrei schlicht nicht zu bekommen. Selbermachen bei 30 Grad Außentemperatur? Bitte nicht. Zum Glück sind Spaghetti da, dazu gibt es die noch vorrätigen Scampi. Die tiefgefrorenen Scampi sind tatsächlich nur in Karton verpackt, was mir zum ersten Mal auffällt. Für den späteren Abend hat sich eine Freundin angesagt, da ist ein Glas Prosecco Pflicht. Nach längerem Suchen finde ich eine Flasche ohne kunststoffhaltigen Deckel, sondern mit Korken und Schnur.

Mittwoch, 6. Juni

Ich bin schon wieder in der Drogerie und muss erschüttert feststellen, dass ich fast nichts kaufen darf: Die Spültücher sind in Plastik verpackt, das Waschpulver ebenfalls, selbst Wattepads und Shampoo sind plastikfrei nicht erhältlich. Zuhause beginne ich zu recherchieren, ob es Alternativen gibt und werde fündig: Es gibt mehrere Seiten im Netz, auf denen man Tipps für ein plastikfreies Leben bekommt. Ich finde auch einen Shop für plastikfreie Kosmetik- und Haushaltsprodukte: Ein Set aus Zahncreme im Glas und Holzzahnbürste kostet 9,95 Euro, das Buntwaschmittel im 0,8 Kilo-Glas 13,95 Euro, das Shampoo 8,95 Euro. Ich überschlage die Kosten und stelle fest, dass das keine Alternative ist, wenn ich dauerhaft finanziell überleben möchte. Ich muss also durchhalten bis Freitag und Reste aufbrauchen.

Donnerstag, 7. Juni

Tomaten und Salat werden heute gebraucht, außerdem etwas Obst, das bei der Hitze für Erfrischung sorgen soll. In einem Frischemarkt packt man mir meinen Salat anstandslos in die mitgebrachte Schüssel, die Aprikosen in eine Box. Es gibt dort sogar noch die guten alten, spitz zulaufenden Papiertüten. Mein Blick geht hinüber zu den herrlichen Sommerblumen im Angebot. Auf dem Weg halte in inne: Sie sind natürlich in Plastik getopft. Hoffentlich ist bald Freitag!

Fazit

Es war eine harte Woche, in der das Einkaufen nicht nur mehr Zeit gekostet hat, sondern auch deutlich mehr Geld. In vielen Fällen hat sich der erhöhte Preis gelohnt: Auf abgepackte Käse- und Wurstscheiben werde ich künftig wohl verzichten, denn die Produkte an den Frischetheken waren leckerer. Beim Obst und Gemüse, wo ich je nach Bedarf und Uhrzeit immer zwischen Supermarkt und örtlichem Gärtner wechselte, lohnt sich der Gang zum fast plastikfreien Familienbetrieb ebenfalls. Mit etwas gutem Willen kann man in jedem Fall seinen Plastikverbrauch deutlich reduzieren. Anders in der Drogerie: Kosmetik- und Haushaltsartikel ohne Plastik findet man kaum und hat nur die Alternative, Shampoo und Deodorant selbst herzustellen. Ob das im Alltag dauerhaft funktioniert, halte ich für fraglich.

Von Katja Stieb