Volle Auftragsbücher: Es brummt auf dem Bau und viele Betrieb kommen nicht mehr hinterher. Doch das Handwerk hat zu wenig Mitarbeiter - das heißt für Häuslebauer, Architekten und Gemeinden oft warten. | Foto: dpa

Bauboom und Nachwuchsmangel

Warten bis der Handwerker kommt

 

Häuslebauer, Eigenheim- oder Wohnungsbesitzer, Architekten oder Kommunen, letztendlich sitzen alle im gleichen Boot. Denn ob der Regen in die Turnhalle tropft oder das Rathaus dringend gestrichen werden müsste, das Klo kaputt ist oder der Rolladen seinen Dienst quittiert hat – es gibt etwas, das verbindet: Warten auf Handwerker. Oft Wochen, manchmal monatelang.

Branche im Boom – und doch in der Krise

Egal ob Elektriker, Maler, Installateur, Fliesenleger, Glaser oder Schreiner, die Bücher sind voll und die Betriebe kommen nicht mehr hinterher. Der Umsatz in der Bau- und Handwerkerbranche wächst. Aber werden auch mehr Menschen beschäftigt? Nein. Es fehlt an Fachkräften, vor allem aber an jungen Leuten. Nachwuchs ist schwer bis gar nicht zu bekommen. So paradox es klingt, die Handwerksbranche ist im Bauboom – und doch in der Krise.

Ich sehe keine Entlastung

„Der Markt ist leergefegt. Der Mangel betrifft ja nicht nur das Handwerk sondern alle Bereiche“, sagt Frank Zöller. Er ist nicht nur Obermeister der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Karlsruhe-Bruchsal sondern auch Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Region Karlsruhe (mit 34 Innungen unter ihrem Dach). Hoffnung auf bald rosigere Aussichten macht Zöller nicht. „Ich sehe keine Entlastung, ich wüsste nicht, wo wir die herbekommen sollten.“ Im Gegenteil: „Die Lage wird sich mittelfristig noch zuspitzen“, vermutet er.

Was hält Jugend von Handwerksberuf ab?

„Wenn man dann doch mal jemanden bekommt, ist der oft nicht für den Beruf geeignet“, macht Rolf Meinzer, Chef von Fenster Meinzer in Eggenstein, deutlich. Was aber hält junge Leute vom Handwerk ab? „Ich weiß es nicht“, sagt Meinzer, der seit 1989 Obermeister der Glaser- und Fensterbauinnung Karlsruhe ist und von 1992 bis 2016 stellvertretender Landesinnungsmeister Baden-Württembergs war. Es habe weniger mit dem Geld zu tun, meint er. Es sei mehr eine Kopfsache.

Schlechtes Image

Handwerk werde mit schwer tragen, schmutzig werden oder Wind und Wetter ausgesetzt sein, assoziert. Auch wenn alle Gewerke betroffen wären, das Bauhandwerk hätte einen schwereren Stand als Branchen, die es mit Elektronik oder Computern zu tun haben. „Die Leute wollen einen körperlich einfachen Job. Und pünktlich Feierabend“, so Meinzer. „Dabei“, fügt er hinzu, „sind Handwerksberufe doch  interessant.“  Auch bei ihm ist die Auftragslage sehr gut. Und gibt es Wartezeiten? „Nicht so lange“, erklärt Meinzer. „Wir operieren in einem kleineren Umkreis. Eggenstein-Leopoldshafen, Linkenheim-Hochstetten, Karlsruhe. Da lässt sich leichter planen.“

Die Leute haben keine Geduld mehr

Sicher werde man die Seniorin oder eine Familie mit kleinen Kindern nicht hängen lassen, wenn die Heizung streikt das Wasser kalt bleibt. Die Kundenzufriedenheit sei in diesem Kontext natürlich auch ein „ganz großes Thema“, sagt Frank Zöller. „Bis 2005, als das Handwerk etwas kriselte, wurden Mitarbeiter abgebaut. Und heute sind wir jetzt in der Position, dass wir nicht mehr genug Leute haben.“ Anders ausgedrückt: Es kann schon Mal dauern, bis der bestellte Handwerker kommt; wer kann davon kein Lied singen? „Wir stellen uns auf die massive Kritik ein“, erklärt Zöller. „Die Leute haben heute aber auch keine Geduld mehr“, findet er.

Ungewöhnliche Nachwuchssuche

Bisweilen ist Nachwuchs so schwer zu bekommen, dass sich Unternehmer etwas besonderes ausdenken müssen. So ging ein Glasermeister aus Niedersachsen einen ungewöhnlichen Weg – und avancierte zum Star. Über vier Millionen Mal wurde sein Facebook-Video angeklickt, die Bewerbungen stapelten sich im Büro des Meisters. Der coole Norddeutsche mit der lustigen blauen Mütze lässt eine große Glasscheibe fallen – um dann im Scherbenhaufen stehend locker („Moin, ich habe zwei Ausbildungsplätze zu vergeben. Mich interessiert nicht, wo du herkommst oder welche Schulbildung du hast. Aufgeben oder abbrechen der Ausbildung so nach dem Motto, die anderen sind toll, ist keine Option….“) für seinen Betrieb zu werben.

Ich muss verrückt sein 🤔😂😀😉

Gepostet von Glaserei Sterz am Freitag, 16. Februar 2018

Zwei Azubis hat er gesucht, drei eingestellt. Und er wurde mit seinem Viral-Hit deutschlandweit bekannt. Rolf Meinzer kennt das amüsante Filmchen aus dem Netz. „Das ist so ein Hype, der mal hochkommt, eine Ausnahme“, meint der Eggensteiner. „Und was für Bewerbungen er bekommen hat, das weiß man ja nicht.“

 

Architekten kämpfen um jeden Handwerker

Nicht nur Herr A in Walzbachtal, der seine Terrasse aufhübschen lassen möchte oder Frau B in Dettenheim, die eine gefühlte Ewigkeit auf den Heizungskundendienst wartet, bekommen den Personalmangel im Handwerk bisweilen unliebsam zu spüren. Handwerker für die Baustellen zu finden, wird selbst für die Profis immer schwieriger. Architekten zum Beispiel müssen trotz eines jahrelang aufgebauten Netzwerks ebenfalls um jeden Handwerker kämpfen. Zwar haben viele von ihnen in Zeiten des Baubooms ebenfalls mehr Aufträge, aber auch mehr Probleme.

Ein extremes Thema

„Handwerker: Ein extremes Thema. Ganz schwer zurzeit“, treibt es Frank Mayer Falten auf die Stirn. Da herrsche Land unter, nicht gehe mehr, fügt der freie Architekt aus Stutensee-Spöck hinzu. Seit 1993 ist er selbstständig. Den Boom spüre er, klar, erzählt Mayer. Bauherren in spe rennen ihm, wie den meisten seiner Kollegen, momentan förmlich die Tür ein.

Kann ein Lied davon singen: Auch Architekt Frank Mayer aus Stutensee-Spöck muss um jeden Handwerker kämpfen. | Foto: Spitz

Wunsch-Einzugstermine illusorisch

Handwerkern mit Strafen oder Abzügen zu drohen, bringe nichts, meint Mayer. „Die winken ab und sagen nur, dann soll’s eben ein anderer machen.“ Durch den Handwerkerengpass ziehen die Preise an und auch Material wird teurer, „das ist gerade auch für die Bauherren ein Problem“, so Mayer „Dadurch steigt der Druck, schneller fertig zu werden.“ Illusionen gebe er sich keinen mehr hin, verdeutlicht er. Und auch wenn die meisten seine Auftraggeber natürlich mit einem Wunsch-Einzugstermin zu ihm kommen würden: „Nein, da ist nichts zu machen. Ich kann keine Garantie mehr geben, wann ein Projekt fertig ist.“

Auch Gemeinden rennen hinterher

Wären da noch die Gemeinden. Auch sie haben mit der Überlastung der Handwerksbetriebe zu kämpfen. „Auf der kommunalen Ebene ist das nicht besser, als im privaten Bereich“, sagt Oliver Leucht, Bauamtsleiter in Weingarten. „In Notfällen, wenn der Wasserhahn tropft, können wir das selber machen. Klar. Aber wir brauchen auch Fachfirmen.“ Man habe zum Teil Rahmenverträge, wodurch es schneller gehe als normal. Zum Beispiel im Straßenbau. Aber: „Die Firmen haben zwar Verträge mit uns, trotzdem ist es teilweise schwierig, Handwerker auf die Baustellen zu bekommen“, betont Leucht.

Geht uns nicht anders als Privatleuten

„Wir hätten zwar die rechtlichen Möglichkeiten, zum Beispiel über Vertragsstrafen was zu machen. Aber viele würden dann gar keine Lust mehr haben, zu kommen. Und: Wenn die Chemie von Anfang an nicht stimmt, wäre das natürlich keine gute Basis“, meint Weingartens Bauamtsleiter. Was ihn aber vor allem nervt: „Oft ist es sehr mühselig, zeit- und energieaufwendig den Leuten hinterher zu telefonieren.“ Da, meint er, „geht es uns nicht anders als Privatleuten“. Ein schwacher Trost.

Kommentar: Man mag gar nicht daran denken, dass im Haus oder in der Wohnung etwas den Geist aufgeben könnte, dass ein Kundendienst fällig wird oder ein Projekt in Angriff genommen werden soll – kurzum, dass etwas ansteht, für das man Handwerker braucht. Besonders zu bedauern ist, wer „zwei linke Hände“ hat, und das Heimwerker-Talent allenfalls zum Auswechseln einer defekten Lampe reicht. Führt letztlich kein Weg daran vorbei, einen Experten zu kontaktieren, sollte folgendes beachtet werden: Unbedingt ein gutes Nervenkostüm zulegen. Eine gewisse Beharrlichkeit schadet nicht. Vor allem aber: Zeit und Geduld mitbringen. Denn es kann dauern, bis die Handwerker kommen.
Zur Ehrenrettung der oft gescholtenen Handwerkszunft: Viele Betriebe sind am Anschlag und würden, um sich Luft zu verschaffen, liebend gern Leute einstellen. Aber die gibt der Markt nicht her. Fachkräfte sind rar, da geht es dem Handwerk nicht besser als vielen anderen Branchen. Und: Egal in welchem Gewerk, Nachwuchs wird händeringend gesucht. Obwohl keine Quellen ausgelassen würden, aus denen Auszubildende kommen könnten, die Zahl stagniere, betont der Kreishandwerksmeister der Region Karlsruhe, Frank Zöller. Volle Bücher, zu wenig Mitarbeiter – das Handwerk steckt in der Zwickmühle.
„Volles Rohr Zukunft. Wir drehen Anlagen auf, machen Körper heiß und haben Energie ohne Ende. Also tanz an.“, heißt die neue SHK-Ausbildungskampagne. Ob’s was bringt? Die Einführung von Werkunterricht an allen deutschen Schulen forderte kürzlich der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Kinder hätten zu Handys mehr Bezug als zu Holz oder Metall. Und sie hätten den Bezug zu handwerklichem Arbeiten verloren, meint er. Kann so das Problem gelöst werden kann?
Flächendeckender Werkunterricht ist eine Sache. Überzeugungsarbeit leisten eine andere. Handwerksberufe wären lange schlecht geredet worden, an diesen Altlasten hätte man zu kratzen, sieht Frank Zöller vielmehr als Wurzel des Übels. Bessere personelle Zeiten scheinen mittelfristig jedenfalls nicht in Sicht – und bei Häuslebauern wie Eigenheim- oder Wohnungsbesitzern wird ein langer Atem weiter gefragt sein. Apropos: Heimwerkerkurse boomen, „Do-it-yourself“ liegt so was von voll im Trend. Selbst ist der Mann und natürlich die Frau. Statt warten bis der Handwerker kommt. Denn das kann dauern.