Angst um Gesangvereine: Frauenchöre, wie hier die Gruppe des Gesangvereins „Fidelia“ Leopoldshafen, Männerchöre sowie gemischte Formationen sieht der Vorsitzende der Chorverband-Gruppe Hardt, Wolfgang Weisel, aufgrund des Coronavirus um Jahre zurückgeworfen. | Foto: pr

„Online fehlt das Feeling“

Chöre und Musikvereine in der Hardt: Warum Corona für viele den „Super-Gau“ bedeutet

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Während der Musikverein Freundschaft Berghausen langsam aus dem Lockdown herauskommt und die erste Probe im Freien abgehalten hat, bangt der Vorsitzende des Chorverband-Gruppe Hardt darum, wie es mit den Gesangvereinen weitergeht.

Ein Platzkonzert war es noch nicht, aber die Musiker haben sicherlich wieder ein wenig das Vereinsleben pflegen können, das – corona-bedingt – brach lag. Beim Musikverein Freundschaft Berghausen haben sich die Musiker vor knapp einer Woche zu einzelnen Registerproben im Freien bei der Kulturhalle versammelt. Die Tenorhörner und Klarinetten machten den Anfang, natürlich mit Einschränkungen: Maximal fünf Musiker, inklusive Dirigentin mit entsprechendem Abstand – 2,5 Meter.

Probe lockt Zuhörer an

Aber: „Die Leute haben aus sicherer Entfernung zugehört“, erzählt der Vorsitzende Stefan Wippert. Das große Ziel hat der Musikverein aber noch vor sich: Vor den Sommerferien will man sich noch an ein oder zwei Proben mit dem gesamten Orchester wagen. Am 5. Juni ist das Hygienekonzept des Bundes Deutscher Blasmusikverbände veröffentlicht worden.

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Wippert ist optimistisch, dass man das Konzept so in der Festhalle umsetzen kann. Voraussetzung sei jedoch, den Schutz der Musikerinnen und Musiker zu gewährleisten, fügt er hinzu. Was für die Großen gilt, ist jedoch für den Nachwuchs noch nicht drin. Das Jugendorchester hält noch online die Registerproben ab. Wenn möglich soll das Probenschema des großen Orchesters auf die Jugend und die Bläserkids übertragen werden, so der Vereinsvorsitzende.

Verein setzt digitale Ideen in die Tat um

Während des Lockdowns hat sich der Verein digital etwas einfallen lassen. So standen Video-Drehs zu Geburtstagsständchen, einer Klopapier-Challenge und zur virtuellen Instrumentenvorstellung für die kommende Bläserklasse am Ludwig-Marum-Gymnasium auf dem Plan. Normalität kann man es noch nicht zu 100 Prozent nennen, aber ein Schritt dorthin, vollzieht ebenfalls die Musikschule Hardt. Dort dürfen die Musiklehrer wieder ihre Schüler unterrichten – ausgenommen sind aber Bläser, Flöten und Sänger, wie man einer Mitteilung entnehmen kann.

Das hat der Laienchor-Szene gerade noch gefehlt.

Wolfgang Weisel, Vorsitzender der Chorverband-Gruppe Hardt

Aufatmen auf der einen Seite, dass es irgendwie weitergeht, bangen auf der anderen Seite, ob es irgendwie weitergeht. Wolfgang Weisel ist der Vorsitzende der Chorverband-Gruppe Hardt. Dem Verband gehören 26 Vereine an. Rund 90 Prozent der Chöre würden mit den Proben erst wieder Anfang September beginnen, obwohl sie laut Corona-Verordnung vom 29. Mai wieder grundsätzlich erlaubt sind.

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Den Lockdown bezeichnet er als Super-GAU. „Das hat der Laienchor-Szene gerade noch gefehlt“, sagt Weisel, der 13 Jahre lang Vorsitzender des Gesangvereins Fidelia Leopoldshafen war. Männer- und Frauenchöre oder gemischte Formationen seien um Jahre zurückgeworfen worden.

Probe per Laptop: Beim Musikverein „Freundschaft“ Berghausen wurde digital unterrichtet. Das große Orchester probt seit vergangener Woche, nach Registern, im Freien.

Chöre wechselten Dirigenten

In den vergangenen Jahren habe es in der Gruppe viele Chorleiter-Wechsel gegeben. Die Dirigenten seien euphorisch ans Werk gegangen. Auch dieses Jahr seien wieder konzertante Projekte, Musicals und dergleichen geplant gewesen. Das sei Anfang März allerdings komplett zum Erliegen gekommen oder abgesagt worden.

Zwar hätten gerade junge Chöre auch probiert, digital Proben abzuhalten, jedoch bedeute das mehr Planungsaufwand. Bei Online-Proben „fehlt einfach das Feeling“, sagt er. Kinder- oder Jugendformationen oder moderne Chöre seien jedoch wandelbarer, dynamischer und könnten autodidaktisch proben.

Hygienekonzept „schwer umsetzbar“

Das vom Sozialministerium verabschiedete Hygienekonzept, damit Chöre wieder mit den Singstunden beginnen können, hält er aber „in der Praxis für sehr schwer umsetzbar“ – allein schon wegen der Zeit. Die Konzeption hätte ebenfalls noch dem Gesundheitsamt vorgelegt werden müssen. Schwer auch die Raumgröße, beispielsweise bei einem Chor mit 75 Sängern. Er kenne keinen einzigen Verein, der das Konzept des Sozialministeriums umgesetzt habe.

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Dazu komme noch die Skepsis von Sängerinnen und Sängern im fortgeschrittenen Alter, die zu Risikogruppen gehörten, und sich der Gefahr, sich womöglich mit dem Virus anstecken zu können, nicht aussetzen wollten.

Skepsis ist verständlich

Die Skepsis sei ihnen schwer zu nehmen, aber berechtigt, erklärt Weisel. Seine Angst ist, dass Sänger, die zu dieser Gruppe gehörten, sich nun überlegen würden, ihre Vereinskarriere endgültig an den Nagel zu hängen. Der Chorverband-Vorsitzende fordert, dass man die Vereine begleiten muss, wenn man im Spätjahr wieder an den Start geht. „Mein Gefühl sagt mir, dass es auf jeden Fall weitergeht, aber unter komplett anderen Voraussetzungen“, resümiert er.

Chorverband: Der Chorverband-Gruppe Hardt gehören 26 Mitgliedsvereine an, inklusive derer in den Karlsruher Stadtteilen Neureut und Hagsfeld. Die Gruppe wurde 1928 in Eggenstein gegründet. Laut Wolfgang Weisel, der seit 2013 Gruppenvorsitzender ist, sind dies 60 einzelne Chorgruppen. Zusammen mit den Chorverband-Gruppen Albtal, Pfinz und Karlsruhe/Rheinstetten bildet die Gruppe Hardt den Chorverband Karlsruhe. Laut Website hat der Chorverband Karlsruhe rund 7.500 aktive Mitglieder.