Alles erst mal richten: Ute Ellwein bereitet die Sachen vor, die für den Obstbaum-Veredelungskurs benötigt werden. Am wichtigsten sind die Edelreiser für die neuen Sorten und ein gutes Messer. | Foto: Kuld

Obstbaum-Veredelungskurs

Das Geheimnis des ziehenden Schnitts

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Obstbäume? Veredelungskurs? Wer macht denn so was noch? Die Obst- und Gartenbauvereine klagen ja landauf, landab über die geringe Zahl von Aktiven, die in einer eigenen Anlage mithelfen.
Dieter Rommel vom Obst- und Gartenbauverein Jöhlingen berichtet von Problemen. Hans Dieter Kraut aus Spielberg und Andreas Deininger aus Etzenrot auch. Wer braucht da noch einen Veredelungskurs oder gar zwei? Viel, viel mehr als man denkt. In der ersten Aprilwoche begrüßte Ute Ellwein vom Landwirtschaftsamt beim Landratsamt Karlsruhe fast 60 Teilnehmer in Waldbronn, am Freitag waren es knapp 30 in Walzbachtal-Jöhlingen.

Alte Methode

Um was geht es beim Obstbaum-Veredeln? Das Ganze gibt es professionell beim „Baumschuler“, aber auch in Kursform für Hobby-Landwirte, die etwa einen alten Apfelbaum im Garten ersetzen wollen oder eine Streuobstwiese pflegen. Es ist auch interessant für die, die einen einzigen Baum im Garten haben, aber zwei oder drei Sorten ernten mögen. Das „Umpfropfen“ oder Veredeln ist nichts Neues auf dieser Welt, gibt es seit 3 000 Jahren. Es wirkt für Außenstehende freilich ein wenig altbacken. So, wie viele vielleicht den „OGV“ am Ort als ein wenig verstaubt ansehen. Sie alle sollten an einem Kurs von Ute Ellwein teilnehmen.

Begeisterung

Die Fachfrau vermittelt schwäbisch-direkt alles Wissenswerte rund ums Veredeln und versteht es, ihre Kursteilnehmer zu begeistern. Nach zwei Stunden Kurs bei Ute Ellwein hat man die Grundzüge des Veredelns verinnerlicht und kann fast nicht mehr anders, als dem Obstbaum in eigenen Garten mit den neuen Kenntnissen zu Leibe zu rücken.

Edelreiser

Wer also neue Sorten haben möchte, einen alten Baum erhalten will oder einfach auch etwas für die Vielfalt in der Natur tun möchte, muss zwecks Veredelung fürs Werkzeug nicht tief in de Tasche greifen. Ein gutes Messer, etwas Material – und einen Satz „Edelreiser“. Edelreiser? „Ein Edelreis ist ein wenige Zentimeter langes Teilstück einer Rute einer Edelsorte“ – so liest man im Internet. Für Unbedarfte: das Ästchen, aus dem der neue Apfel am alten Baum hervorsprießen soll.

Erstens…

Nach den Basics im Veredeln geht es von der Theorie in die Praxis. Ute Ellwein verteilt die Edelreiser und predigt ihr Mantra vom „ziehenden Schnitt“. Das Reis muss unterhalb des Auges – der Knospe – so ziehend geschnitten werden, das einige Zentimeter und vor allem das „Kambium“ offen liegen. Diese Schicht ist entscheidend, wenn das Reis mit dem zuvor geschnittenen Baum verbunden wird. „Kambium auf Kambium“ macht Ute Ellwein deutlich, die jedem Teilnehmer zeigt, wie er das Reis halten muss – linker Daumen drückt an, rechter Daumen drückt das Messer – damit der rechte Schnitt gelingt: „Ziehen, nicht drücken.“

…zweitens…

Drücken muss man hingegen beim nächsten Schritt, dem „Kopulationsschnitt“. Mit dem entsprechenden Messer drückt man in die „Unterlage“ – den Zweig des Baumes – und hebt die Rinde leicht an. Nun wird das Edelreis in den schmalen Spalt gesteckt. Fast fertig.

…und drittens

Schritt drei: Edelreis und Unterlage werden mittels Bast verbunden und danach mit Wachs abgedichtet. „Passet Se uff Ihre Kiddel uff“, macht Ute Ellwein mehrfach deutlich. Das Wachs, das Reis und Unterlage verbindend abdichtet, klebt arg.

Bernhard Zimmerer aus Zeutern kennt sich im Veredeln aus, lernt bei Ute Ellwein aber noch dazu. | Foto: Kuld

Mehr Obst, mehr Vielfalt

Und jetzt? Nach wenigen Wochen wird das Ergebnis sichtbar. Ein Baum mit Apfelsorte A kann bald auch B liefern. Und, wenn man will, auch C. Alles an einem Baum. Michael Reuß kümmert sich in Gölshausen um Streuobstbäume. „Ich finde es wichtig, die regionalen Sorten zu erhalten.“ Das ist ein Ziel der Veredelung. Ein anderes kann die Produktion eigenen Apfelsaftes sein, wie ihn Hans Dieter Kraut etwa in Söllingen pressen lässt. Bernhard Zimmerer aus Zeutern ist breiter aufgestellt. Er kümmert sich in der Anlage am Ort um mehrere Obstsorten und verkauft diese auch. „Aber Sie wissen doch schon alles, Herr Zimmerer?“ „Ich weiß einiges, aber bei Ute Ellwein kann man immer etwas lernen.“ Die ist derweil in der Gruppe unterwegs: „Kann man noch was schimpfen?“, fragt sie lachend in die Runde. Nein – die Fachfrau verteilt die Edelreiser unterschiedlicher Sorten, die bald in Gärten in der Region blühen werden.

Schönes Hobby

Obstbäume? Veredelungskurs? „Ein schönes Hobby, das zur Artenvielfalt beiträgt und für die Natur gut ist.“ Hans Dieter Kraut und Andreas Deininger machen das gerne und tragen ihr Hobby weiter – in Schulen, Kindergärten und in den örtlichen Obstlehrpfad, auch wenn nicht viele Aktive mithelfen. Nach der Teilnahme beim Veredelungskurs könnte es der eine oder andere mehr geworden sein.