Das Verbotsschild gibt an, dass Gefahrguttransporte aller Art nur nach Lingenfeld hineinfahren dürfen, wenn sie dort etwas abliefern. Das Gefahrgutlager aber liegt außerhalb des Ortes. Dennoch verirren sich regelmäßig Lkw in den Ort.
Das Verbotsschild gibt an, dass Gefahrguttransporte aller Art nur nach Lingenfeld hineinfahren dürfen, wenn sie dort etwas abliefern. Das Gefahrgutlager aber liegt außerhalb des Ortes. Dennoch verirren sich regelmäßig Lkw in den Ort. | Foto: Schmidhuber

Gefahrgutlager in Germersheim

„Das Risiko ist unkalkulierbar“

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In Germersheim und Lingenfeld – nur wenige Kilometer von der Grenze zu Baden-Württemberg und dem Landkreis Karlsruhe entfernt – gehen die Bürger wegen der geplanten Erweiterung eines Gefahrgutlagers auf die Barrikaden. Die dort stationierte amerikanische Armee will in dem betreffenden Gebäude künftig bis zu 1 900 statt wie bisher 70 Tonnen teils sehr giftiger und krebserzeugender Stoffe pro Tag umschlagen. Es wäre das zweite große Lager am Ort. In einem anderen Gebäude werden bereits bis zu 1 200 Tonnen giftiger, entzündlicher und umweltschädlicher Stoffe gelagert.

In der vergangenen Woche haben Gegner des Projekts eine Bürgeriniative ins Leben gerufen. Diese übergab Fritz Brechtel, dem Landrat des Kreises Germersheim, 3 333 Unterschriften gegen das Lager. Denn die Kreisverwaltung entscheidet über den Antrag der Amerikaner.

Lagerplatz für Kampfstoffe?

Nach Angaben der US Army sollen in dem Lager harmlose Stoffe wie Schmieröl, Enteisungsflüssigkeit, Hydraulikflüssigkeit oder Reinigungsmittel aufbewahrt werden. Dinge, die in jedem Baumarkt zu haben seien. Dietmar Bytzek und die Mitinitiatoren der Bürgerinitiative sehen das anders: Der Sicherheitsingenieur hat beinahe jede einzelne Seite des Antrags fotografiert und mithilfe von Experten analysiert. „Es ist nicht ersichtlich, was genau dort gelagert werden soll“, sagt Bytzek. „Das stellt ein unkalkulierbares Risiko dar.“
Im Antrag sind meist nur die Lagerklassen und einige Beispielstoffe genannt. „Darunter Dimethylsulfat, das im Ersten Weltkrieg als Lungenkampfstoff eingesetzt wurde. Oder Formamid, das bei einer Erwärmung auf über 90 Grad hochgiftige Blausäure abspaltet“, so Bytzek. „Es ist eine Unverschämtheit, zu behaupten, diese Stoffe seien im Baumarkt zu bekommen.“

Freibrief für alle giftigen Stoffe

Die Army hingegen weist in ihrem Antrag darauf hin, dass die Chemikalien nicht in Reinform, sondern in verschiedenen Gemischen gelagert werden. Außerdem sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Stoffe nie auftauchen, sagte der von der Army beauftragte Tüv-Mitarbeiter auf einer Infoveranstaltung für Bürger. Aber weil man nicht voraussehen könne, ob und wie sich die Gemische in Zukunft noch verändern, wolle die Army eine „vernünftige Flexibilität“ haben. Die Bürgerinitiative hingegen sieht darin einen „Freibrief, alle giftigen Stoffe lagern zu können“.

 

Nachbarn machen sich Sorgen

Ebenfalls besorgt zeigt sich Stefan Martus, Bürgermeister der Stadt Philippsburg, deren Stadtteil Rheinsheim nur durch den Rhein von Lingenfeld getrennt ist. Er verlangt, dass die Stadtverwaltung am Entscheidungsprozess beteiligt wird. „Bei Ost- und Südsüdwestwind liegen wir in dem Bereich, in dem im Fall einer Störung massive Beschwerden bei Bürgern auftreten können. Und es ist unsere Feuerwehr, die dann hinzugerufen wird“, sagt Martus.

Mögliches Terrorziel

Von einem Störfall spricht man zum Beispiel, wenn Stoffe austreten oder es zu einem Brand oder einer Explosion kommt – einer von vielen Streitpunkten: Die Bürgerinitiative bemängelt, dass die Depotfeuerwehr auch nach der Lagererweiterung nicht aufgestockt wird. Es fehlten Notfall- und Wartungspläne für das geplante sowie für das bestehende Großlager, für das Bytzek inzwischen auch eine Stilllegung und Akteneinsicht beantragt hat. Die rund 200 Lkw, die das Lager dann täglich ansteuerten, würden sich nicht nur bei Sperrung der B 9 trotz Verbotsschildern in Lingenfeld verirren und festfahren. „Und zu guter Letzt ist ein solches Lager sowohl für Terroristen als auch im Verteidigungsfall ein begehrtes Ziel“, sagt Bytzek.

Den bisher anvisierten Erörterungstermin am 12. September sieht Kreischef Brechtel inzwischen schwinden. Nachdem Stimmen laut wurden, eine Entscheidung dieser Größenordnung könne nicht auf Kreisebene getroffen werden, will die Verwaltung neben externen Sachverständigen auch mit Behörden auf Landes- und Bundesebene zusammenarbeiten. Das kostet Zeit. Am kommenden Montag wird außerdem auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf dem Gelände erwartet.