Gehört nicht hierher: Ein eingeschleppter stattlicher Roter Amerikanischer Sumpfkrebs, auch Louisianakrebs oder roter Amerikaner genannt, aus dem Baggersee in Blankenloch. | Foto: Manfred Spitz

Baggersee „erobert“

Invasiver Louisianakrebs in Blankenloch: Rote Amerikaner in Massen

Anzeige

Nicht genug, dass sich der eingeschleppte nordamerikanische Kalikokrebs mit rasender Geschwindigkeit in der Region immer weiter ausbreitet und zu einer Bedrohung für das Leben in den heimischen Gewässern geworden ist. In Stutensee, wo die zerstörerisch-gefräßige, sich explosionsartig vermehrende invasive Kaliko-Armada Ende Juli in der Alten Bach aufgetaucht ist, gibt es im Blankenlocher Baggersee noch eine weitere Flusskrebsart, die nicht hierher gehört: Den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs, nach seinem Hauptverbreitungsgebiet auch Louisianakrebs oder kurz Roter Amerikaner genannt.

Größenvergleich: Links 3 Kalikokrebse, rechts ein deutlich größerer Roter Amerikanischer Sumpfkrebs. | Foto: Manfred Spitz

Roter Amerikanischer Sumpfkrebs im Baggersee Blankenloch

„Die erste Sichtung des Roten Amerikaners erhielten wir im Zusammenhang mit dem Aufruf, wandernde Kalikokrebse zu melden“, erklärt der Umweltbeauftragte der Stadt Stutensee, Reiner Dick. „Von einem Badegast.“ Andreas Martens, Biologie-Professor und Krebsexperte an der Pädagogischen Hochschule (PH) Karlsruhe habe bei Nachforschungen vor Ort das Vorkommen des Louisianakrebses verifiziert und Kontakt mit dem Angelsportverein (ASV) Blankenloch aufgenommen, so Dick. Gemeinsam sei dann sofort reagiert worden. „Die Zusammenarbeit Kommune, PH, Angler funktioniert in Stutensee bestens“, betont Dick – auch wenn es derzeit noch wie nach einem Kampf gegen Windmühlen aussieht.

Professor Andreas Martens von der PH Karlsruhe (links) und Reiner Dick, Umweltbeauftragter der Stadt Stutensee. | Foto: Manfred Spitz

In 2 Monaten 4000 Exemplare gefangen

„In zwei Monaten haben wir 4 000 Rote Amerikaner rausgefangen“, so der ASV-Vorsitzende Uwe Döbelin. 20 Reusen liegen in den Uferbereichen des vier Hektar großen Baggersees aus, „60 bis 100 Tiere am Tag sind da drin – und es nimmt noch nicht ab“, verdeutlicht Döbelin. Im Gegensatz zum Kalikokrebs steht der Rote Amerikanische Sumpfkrebs schon seit 2016 auf der EU-Liste „invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ und ist meldepflichtig.

Stichwort: Invasive Art
Eine „gebietsfremde Art“ (Tiere oder Pflanzen) wurde aus ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet heraus in ein anderes, fremdes Gebiet oder Land gebracht, schafft es dort zu überleben und sich anschließend fortzupflanzen. Invasiv wird diese Art, wenn sie sich ausbreitet und dadurch die biologische Vielfalt, andere Tier- und Pflanzenarten und damit auch die heimischen Ökosysteme gefährdet.

Außer dem Roten Amerikanischen Sumpfkrebs gibt es in diesem Gewässer beim Industriegbiet Nord noch den nicht minder gefräßigen invasiven Marmor- und den Kamberkrebs, der den europäischen Edelkrebs an den Rand des Aussterbens gebracht hat. Weil er, wie alle anderen amerikanischen Flusskrebsarten, die sogenannte Krebspest überträgt, gegen die er selbst resistent ist. Auch Marmor- und Kamberkrebs stehen auf der EU-Liste.  „Aber 95 bis 98 Prozent“, schätzt Uwe Döbelin, „sind hier im Blankenlocher Baggersee Rote Amerikaner“.

Uwe Döbelin, Vorsitzender des Angelsportvereins Blankenloch, zeigt einen Roten Amerikanischen Sumpfkrebs. | Foto: Manfred Spitz

Durch seine Anspruchslosigkeit – wie die meisten Flusskrebsarten ist der Rote Amerikanische Sumpfkrebs Allesfresser – hat er ein hohes Potenzial, sich zu verbreiten und gehört deshalb weltweit zu den problematischen Neozoen. „Der Karpfen vermehrt sich nicht mehr, der Weißfischbestand hat in diesem Jahr nicht so zugenommen und der Bewuchs im Unterwasserbereich scheint weniger geworden zu sein. Ursache könnte das Vorkommen des Amerikanischen Sumpfkrebses sein“, sagt Döbelin. Definitiv ein Anzeichen sei, dass Kröten zwar zum Ablaichen an den Baggersee gekommen sind, „aber nicht eine zurückgewandert“ ist.

Louisianakrebs vom Aquarium in Baggersee

Im Falle der Kaliko-Ausbreitung im Oberrheingebiet, die Anfang der 1990er Jahre in der Nähe des heutigen Baden-Airparks bei Hügelsheim ihren Anfang nahm, war „mit ziemlicher Sicherheit ein Soldat, der die damalige kanadische Airbase in Richtung Heimat verließ und seinen Tieren die Freiheit gab“ (Martens), die Wurzel allen Übels. Dass der Rote Amerikaner den Baggersee in Blankenloch eingenommen hat, dürfte ebenfalls einem unüberlegt handelnden Zeitgenossen zu „verdanken“ sein. „ Das sind Aquarientiere“, ist Experte Martens überzeugt und spricht von einem „Sonderfall“; er weiß auch, dass es den Roten Amerikaner in der Region nur noch in den Kronauer Kiesgruben, dort aber „schon lange“ gibt. Den Marmorkrebs habe es auch mal bei Forchheim gegeben, jetzt noch in der Nähe von Heidelberg.

Andere Gewässer sind zu weit weg

Die Blankenlocher Louisianakrebs-Population betrachtet Andreas Martens „als Pilotversuch, wie ein See, der mit dem Roten Amerikaner besetzt ist, saniert werden kann.“ Martens: „Andere Gewässer sind zu weit weg, der bleibt hier“, vermutet er. „Das ist unsere Chance, ihn in den Griff zu bekommen, die Blankenlocher Fischer haben Solides dafür geschaffen.“  Diese Arbeit sei „aufwendig und nicht zu unterschätzen“, macht Uwe Döbelin deutlich. „Dafür sind zwei  Mann täglich eineinhalb Stunden am Wasser.“

Kalikokrebs dürft es nicht in Blanckenlocher See schaffen

Dass es auch noch der Kalikokrebs – auf natürlichem Weg – in den Baggersee Blankenloch schaffen könnte, hält Andreas Martens für ausgeschlossen. Im Spöcker Baggersee hingegen kommt der Kaliko vor; er muss dort eingebracht worden sein, vermutet der Karlsruher Biologie-Professor.

Aale im Baggersee eingesetzt

Mit Reusen werden die großen Exemplare der invasiven Krustentiere von den Blankenlocher ASV-Mitgliedern aus dem Baggersee geholt; nur Angler dürfen das. „Außerdem“, macht Reiner Dick deutlich, „haben wir bei einem Berliner Berufsfischer 200 Kilogramm Aale gekauft und eingesetzt. Die fressen die kleinen Krebse – und sie bleiben gerne bei einem Futtertier.“

Gefangene Tiere müssen eingefroren werden

Was aber geschieht mit den gefangenen Blankenlocher Krebsen? Lebend ins heiße Wasser werfen (Kochen) ist, wie auch beim Hummer, „nicht mehr erlaubt“, macht Joachim Schneider, der Leiter des Amtes für Umwelt und Arbeitsschutz im Landratsamt Karlsruhe, deutlich. „Da gibt es Tierschutzbestimmungen, die nun Mal zu befolgen sind.“ Erlaubt sei, die Krebstiere einzufrieren, um sie auf diese Weise zu töten. „Das wird in Blankenloch auch so praktiziert. Dann werden sie der Tierkörperbeseitigung zugeführt“, erklärt Stutensees Umweltbeauftragter Reiner Dick. Man sei dabei, andere Optionen (Futtertiere für den Karlsruher Zoo; Gastronomie) zu prüfen, fügt er hinzu. „Unter dem Zugzwang der Ereignisse“, so Dick, „waren wir dazu noch nicht gekommen.“

„Stutensee-Sumpfkrebs mit Dip“?

Ob also demnächst „Stutensee-Sumpfkrebs mit Dip und Brötchen“ auf der Speisekarte steht? Die bis zu 15 Zentimeter langen Roten Amerikaner mit den auffälligen dornigen Scheren sind – wie die deutlich kleineren und deshalb kulinarisch weniger attraktiven Kalikokrebse – genießbar und könnten, um ihren Bestand zu verringern, auf den Teller kommen.

„Stutensee Sumpfkrebs mit Dip“: Kommt der Rote Amerikanische Sumpfkrebs auf die Speisekarte? | Foto: Manfred Spitz

In Berlin, wo sich der robuste Einwanderer aus Nordamerika in zwei Gewässern massiv vermehrt hatte, kommt das Krebs-Problem auf den Tisch. In der Hauptstadt ist der Rote Amerikanische Sumpfkrebs für einen Fischereibetrieb zum Fang freigegeben worden, um seine weitere Ausbreitung zu verhindern. Als „Berlin Lobster” wird der Rote Amerikaner in der Markthalle Kreuzberg verkauft. Und trotz 29 Euro pro Kilo – berichtet der Berliner Tagesspiegel – kriegen die Kunden gar nicht genug davon.

Im Rathaus habe es schon eine „Krebsverkostung“ gegeben, erzählt der Umweltbeauftragte der Stadt, Reiner Dick, schmunzelnd. Und die sei ein großer Erfolg gewesen.

Kommentar: Pest oder Cholera
Ob in den Baggerseen von Blanckenloch und Spöck, in Biotopen bei Rheinstetten, auf den Albhöhen im Karlsbader Hermannsee, in Karlsruhe und dem Grabensystem zwischen Stutensee, Weingarten, Karlsdorf und Graben-Neudorf, den Rheinauen bei Philippsburg oder Dettenheim, wo der selten gewordene Moorfrosch um sein Überleben kämpft: Invasive Flusskrebsarten wie der Kalikokrebs und der Rote Amerikanische Sumpfkrebs vermehren sich explosionsartig, wandern, graben und fressen sich in der Region voran und sind eine Bedrohung für die Biodiversität in und an den heimischen Gewässern. Dabei ist es wie Pest oder Cholera, ob Kalikos oder Rote Amerikaner bei ihrem zerstörerischen Raubzug gegen Amphibien und Pflanzen in Bächen, Tümpeln und Seen oft nur noch eine braune Brühe ohne Leben hinterlassen.
Die für die heimische Flora und Fauna fatalen Einwanderer jemals wieder völlig los zu werden, das scheint utopisch. Kaliko, Roter Amerikaner und Co einzudämmen, eine weitere Ausbreitung so gut es irgend geht zu verhindern, darauf muss das Augenmerk gerichtet werden. Das heißt zuallererst: Die Umweltbeauftragten der Kommunen und die örtlichen Angelvereine müssen im Einsatz gegen die aggressiven Eindringlinge zum Schulterschluss kommen. Das heißt weiter: Die von den Experten des Biologischen Instituts der PH Karlsruhe erprobten Maßnahmen (Errichten von Baumstammbarrieren, Kiesaufschüttungen, Abfischen mittels Lochsteinen), die durchaus schon Erfolge zeitigten, müssen im Verbund wie Zahnrädchen ineinander greifen. Das heißt aber auch, das Landratsamt muss sich jetzt stellen. Es gilt, den Konflikt Artenschutz–Gewässerschutz–Gewässerdurchgängigkeit (nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie) zu lösen. Noch etwas erweist sich im Fall der wanderfreudigen „Killerkrebse“ als Bumerang: Die Biotopvernetzung. Sie öffnet ihnen bei ihrem Vernichtungszug Tür und Tor. Keine Frage, aus diesem Dilemma heraus zu kommen, wird schwer. Aber es muss angegangen werden.