Während der Dämmerungszeiten und nachts ist die Gefahr von Wildwechsel auf Straßen besonders hoch. | Foto: Patrick Pleul/dpa

Im Hardtwald Damwild unterwegs

Wildunfälle: Gefährliche Begegnungen mit verliebten Rehen

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Junge Rehböcke, die ein neues Revier suchen, verliebte Rehe, die unvermittelt auf die Straße springen, eine Wildschweinrotte, die stur ihrem Weg folgt, auch wenn der über den Asphalt führt: Autofahrer werden häufiger als man vielleicht vermutet, damit konfrontiert. Besonders in Gegenden mit viel Wald sowie entlang von Feldern und Wiesen: Kollisionen mit Wild stehen ganz weit oben bei den Unfallursachen.

Gefährliche Begegnung

Jäh wird die beschauliche Feierabend-Nachhausefahrt im Hardtwald zwischen dem „Halsabschneiders-Eck“, wo die Kreisstraße 3579 auf die Landesstraße 559 trifft, und Friedrichstal unterbrochen. Zwei funkelnde Punkte, ein Schatten am rechten Straßenrand – dann geht alles blitzschnell. Ein Reh oder Damtier, wie das weibliche Damwild genannt wird, springt über die Straße und verschwindet einen Sekundenbruchteil später auch schon wieder auf der anderen Seite im Dunkel des Waldes. Vollbremsung – der Puls rast. Tief durchatmen nach diesem Schreck. Zum Glück ist kein anderes Auto hinten dran. Puh… Noch mal gut gegangen.

Wildschweine auf Wanderschaft

Derzeit gibt es wieder mehr Wildunfälle, weil die Tiere während der Dämmerung und in der Nacht die Straßen queren. „Wildschweine gehen gerne auf Wanderschaft. Sie können nachts schon mal bis zu 30 Kilometer zurücklegen und sind nicht nur im Frühjahr, sondern zum Beispiel auch dann, wenn die Äcker abgeerntet werden, eine Gefahr“, sagt Thomas Hauck, Pressesprecher der Jägervereinigung Karlsruhe.

Rehböcke suchen ein neues Revier

Jetzt komme noch das Rehwild dazu. Die jungen Rehböcke suchen ein neues Revier und sind verstärkt unterwegs. Außerdem locke das Äsungsangebot im Frühjahr Rehe öfter über die Straße. „Wenn alles grün und hoch gewachsen ist, hat man als Autofahrer kaum eine Chance, wenn neben der Straße ein Tier rauskommt“, erklärt Hauck. „Extrem ist es während der Paarungszeit im Juli und August“, fügt er hinzu. Und: Nicht selten würden Tiere tagsüber aufgeschreckt durch freilaufende Hunde. Das, meint Hauck, sei manchmal schon ein Problem.

Im Hardtwaldt muss mit Damwild gerechnet werden

„Im Hardtwald zwischen Karlsruhe, Stutensee und Graben-Neudorf muss auch mit Damwild gerechnet werden“, verdeutlicht Hauck. Damwild ist tagaktiv, da kann es selbst bei Sonnenschein zur unverhofften Begegnung kommen. Der Damhirsch ist deutlich größer als das Reh, charakteristisch sind die großen Schaufeln, und er kann es schon locker auf 80 Kilogramm Körpergewicht bringen. Wie auch die Keiler (die männlichen Tiere) unter den Wildschweinen. „Wenn es da zu einem Zusammenprall kommt, ist das, als würde man gegen einen Baum fahren“, verdeutlicht Thomas Hauck.

Lieber eine Kollision riskieren

Trotzdem wären Autofahrer besser beraten, „nicht zu versuchen auszuweichen, sondern das Lenkrad gerade zu halten und lieber eine Kollision zu riskieren“, sagt Ralf Minet von der Pressestelle der Polizeidirektion Karlsruhe. Grundsätzlich empfiehlt er, in Waldstücken und generell überall dort, wo auf Wildwechsel hingewiesen wird, langsam und wachsam zu fahren, ständig in Bremsbereitschaft zu sein und das Fernlicht einzuschalten. Allerdings: „Wenn Wild an der Straße auftaucht, sofort abblenden. Das Tempo verringern – und Ruhe bewahren“, so Minet.

Wildunfälle: Keine Polizei-Statistik

Schwarz- und Rehwild ist überall anzutreffen. Ebenso Fuchs und Dachs (nachts). „Die“, betont Thomas Hauck, „sind auch nicht zu unterschätzen.“ Eine Wildunfall-Statistik gibt es bei der Polizei nicht, präsidiumsweit sei aber von 20 bis 30 derartiger Vorkommnisse pro Woche auszugehen, so Ralf Minet.

Achtung Wildwechsel: Überall wo dieses Schild steht, können unvermittelt Tiere auftauchen und plötzlich die Straße überqueren. Autofahrer sollten hier immer wachsam und bremsbereit sein. | Foto: Manfred Spitz

Laut Angaben des Kreisjagdamtes im Landratsamt Karlsruhe machte im Jagdjahr 2018/19 beim Rehwild das Unfallwild 857 (Gesamtstrecke 4995) Tiere, beim Schwarzwild 150 (2590) Tiere aus. Im Jagdjahr 2017/18: Rehwild: Gesamtstrecke 4684, davon Unfallwild 725; Schwarzwild: (4137/238). Und davor, 2016/17: Rehwild: Gesamtstrecke 5088, davon Unfallwild 813; Schwarzwild: (3092/235).

Nach einer Kollision mit Haarwild – das sind alle Tiere, die laut Jagdrecht bejagt werden –  muss zuerst die Unfallstelle abgesichert und die Polizei verständigt werden. Es besteht in vielen Bundesländern, so auch in Baden-Württemberg, eine Meldepflicht, auch wenn keine Personen zu Schaden gekommen sind. Liegt das Tier auf der Straße, sollte es nicht angefasst werden, wegen der Tollwutgefahr. Flüchtet das Tier, sollte man sich die Richtung merken. „Nichts selbst unternehmen, immer die Polizei verständigen. Die informiert den Jagdpächter oder Förster und der wird sich dann darum kümmern“, erklärt Ralf Minet. Die Polizei stellt auch eine Wildbescheinigung für die Versicherung aus.

Auf keinen Fall mitnehmen

„Auf keinen Fall darf das angefahrene Tier mitgenommen werden“, macht Thomas Hauck deutlich. Denn das ist Wilderei, also strafbar. Wer nach einem Wildunfall nichts mache, so Ralf Minet, begehe Unfallflucht. „Und könnte, wenn das Tier verletzt ist, schnell mit dem Tierschutzrecht in Konflikt geraten“, fügt Hauck hinzu. Die Kadaver toter Tiere werden übrigens in eine der zwölf im Landkreis Karlsruhe eingerichteten Verwahrstellen gebracht und in Tierbeseitigungsanstalten entsorgt.

Nach einem Wildunfall sollte immer die Polizei verständigt werden. Die informiert dann den Jagdpächter oder Förster. | Foto: Patrick Pleul/dpa

Jäger sind ehrenamtlich unterwegs

„Die Polizei ist der richtige Ansprechpartner“, betont Thomas Hauck und weist darauf hin, dass die Jäger im Grunde keinerlei Verpflichtung hätten, sich um die toten Tiere zu kümmern, natürlich aber kommen, wenn sie gerufen werden. Hauck:  „Die rechtliche Zuständigkeit liegt beim Straßenbaulastträger. Die Jäger sind ehrenamtlich unterwegs.“

Wildzäune und blaue Reflektoren

Als Schutzmaßnahme am wirkungsvollsten haben sich Wildzäune entlang der Straßen erwiesen. Billiger sind die blauen Reflektoren, die von den Kreisjägervereinigungen an den Leitpfosten vieler Straßen angebracht worden sind. Durch das Scheinwerferlicht eines Fahrzeugs suggerieren diese Bewegung und schrecken die am Straßenrand stehenden Tiere ab. Die Zahl der Wildunfälle sei so zurückgegangen, sagt Thomas Hauck.

Meldepflicht: Nach einem Unfall mit Haarwild, das sind alle Tiere, die laut Jagdrecht bejagt werden, heißt es wie nach jedem Unfall: Ruhe bewahren, Warnblinker einschalten und die Unfallstelle absichern. Sind Personen verletzt, muss Erste Hilfe geleistet und der Rettungsdienst sowie die Polizei verständigt werden. Sind keine Personen zu Schaden gekommen, muss dennoch die Polizei informiert werden. Sie verständigt den Revierinhaber, der das getötete oder verletzte Tier von der Straße nimmt. In vielen Bundesländern besteht eine Meldepflicht, auch in Baden-Württemberg. Eine Meldung sollte direkt nach dem Unfall erfolgen.
Versicherung benachrichtigen: Nach einem Zusammenstoß mit Haarwild muss die Versicherung benachrichtigt werden. Haben Autofahrer eine Wildunfall-Bescheinigung der Polizei oder des Revierpächters sowie aussagekräftige Fotos vom Unfallort und vom Schaden, sollte die Abwicklung kein Problem sein. Allerdings nur bei Teil- oder Vollkaskoversicherung.
Was ist, wenn ich einen Wildunfall nicht melde? Verstößt man gegen die Meldepflicht, wird das geahndet. Streng genommen verletzt man das Recht, Jagd auszuüben, wenn man ein Wildtier verletzt oder tötet. Verlässt man den Unfallort, und das Tier ist verletzt, lebt aber noch, ist das ein Verstoß gegen das Tierschutzrecht. Beides kann mit Bußgeldern belegt werden.
Was ist Haarwild? Haarwild ist die Oberkategorie für alle Wildtiere, die dem Jagdrecht unterliegen, die also gejagt werden können. Dazu gehören unter anderem Wildschwein, Reh, Rot- und Damwild, Hirsch, Wolf, Wildkatze, Luchs, Dachs, Fuchs, Marder oder Hase. Daneben kann auch Federwild bejagt werden. Rehe, Rotwild und Damwild sind die am häufigsten in Deutschland lebenden Hirscharten, wobei Rehe die kleinste, Rotwild die größte Hirschart ist.
Weitere Infos auch unter: www.jagdverband.de oder www.jv-karlsruhe.de