IT-Experte Thomas Heitlinger engagiert sich als Autor, Mundart-Kabarettist und Blogbetreiber für den nordbadischen Dialekt. | Foto: Knopf

„Badische Gutsele“

Dialekt-Blogger aus Stutensee-Blankenloch: „Mundart ist emotionaler und direkter“

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Für Thomas Heitlinger ist die nordbadische Mundart eine echte Herzensangelegenheit. Der 55-Jährige aus Blankenloch ist Autor etlicher Dialekt-Bücher, Hörspielautor, macht kabarettistische Führungen im Karlsruher Schloss auf Badisch und betreibt den Mundart-Blog „Badische Gutsele“. Befeuert wurde seine digitale Initiative ausgerechnet von einem Schwaben.

Von unserem Mitarbeiter Volker Knopf

Badische Mundart – was ist das eigentlich genau? Schließlich handelt es sich bei Baden um einen territorialen Begriff. So babbelt man in Mannheim und Heidelberg Kurpfälzisch, ab Rastatt wird es alemannisch und in der Region Karlsruhe spricht man die rhein-respektive südfränkische Variante. Thomas Heitliner, Informatiker und Mundart-Experte, hilft weiter: „Man muss sich seiner Historie bewusst sein. Baden war einst bekanntlich ein Flickenteppich. Daraus resultierte eine große Vielfalt von Mundarten“, sagt der 55-Jährige aus Blankenloch, der sich in der badischen Geschichte bestens auskennt.

Thomas Heitlingers Blog im Internet: www.badische-gutsele.de

Schnell hat er Anekdoten parat, beispielsweise über Markgraf Karl Wilhelm und seine Vorliebe für „Tulpenmädchen“ oder über Stéphanie de Beauharnais, Napoleons Stieftochter und badische Großherzogin.
Seit gut 30 Jahren engagiert sich der Nordbadener, der im Kraichgau aufwuchs, in Sachen heimischer Zungenschlag. In diesem Zeitraum absolvierte er mehr als 500 Lesungen.

Initialzündung im Jahr 2015

Eine Initialzündung – im negativen Sinne – gab es für den Informatiker im Jahr 2015. „Damals hat sich SWR 4 Baden Radio aus der Mundart zurückgezogen. Vorher gab es dort immer eine Spielwiese für Mundartautoren. Ein neues Konzept wurde angekündigt, aber nie realisiert. Hinzu kam das massive Sterben von Buchhandlungen. Der Absatzmarkt für Mundartprodukte in Form von Büchern oder CDs brach ein. Es musste irgendetwas passieren“, sagt er.

Die Geburt des „Badische Gutsele“

Nach dem Rückzug des SWR habe er wie andere Mundartautoren festgestellt, dass kaum noch Veranstaltungen wie Lesungen nachgefragt wurden. Die naheliegende Idee für einen IT-Menschen lag in einem Internet-Portal, um dem nordbadischen Idiom mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn im Gegensatz zum Schwäbischen oder zum Alemannischen sei der nordbadische Dialekt medial unterrepräsentiert, merkt der Mann aus Stutensee an. Und schon war der Blog „Badische Gutsele“ geboren.

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Befeuert wurde die digitale Initiative ausgerechnet von einem Schwaben: Ende 2018 lud Ministerpräsident Winfried Kretschmann, bekanntlich ein überzeugter Mundartsprecher, nach Stuttgart zu einem Symposium über Gegenwart und Zukunft der Dialekte. 2020 soll ein zweites folgen. In jedem Falle sahen sich Heitlinger und die rund 15 Mundartautoren von Neureut bis Hockenheim, die die neue Online-Plattform mit ihren Texten bestücken, ermutigt.

Die Mundart ist viel emotionaler und direkter. Man schwätzt, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Thomas Heitlinger

Dass der digitale Weg der richtige ist, davon ist der Familienvater aus der Hardt überzeugt. WhatsApp, Blog, Youtube statt Vereinsgründung heißt die Devise. Quasi eine Transformation des althergebrachten Dialekts vom Gutenbergschen Zeitalter in die Welt des World Wide Web. Vor allem Vernetzen steht bei der noch jungen Initiative auf der Agenda – beispielsweise mit der „Muettersproch-Gesellschaft“ in Freiburg oder mit den Kollegen von der anderen Rheinseite im Elsass.

Der Zivildienst prägte die Mundart-Passion

Für seine Passion in Sachen Mundart sei vor allem seine Zivildienstzeit in Freiburg prägend gewesen, erzählt Heitlinger. Als er damals von Eppingen in „Badisch Sibirien“ in die akademisch geprägte Breisgau-Metropole kam, habe dies in ihm etwas verändert. Als er nach dem Zivildienst wieder im Kraichgau gelandet sei, habe er versucht, sich mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, zu artikulieren. Und das sei eben der Dialekt gewesen, erklärt der Mann aus dem nördlichen Karlsruher Landkreis, der Mundart-Pionier Harald Hurst zu seinen Inspirationsquellen zählt.

Was man in der Mundart im Gegensatz zur Hochsprache besser formulieren kann? „Die Mundart ist viel emotionaler und direkter. Man schwätzt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die Hochsprache ist deutlich distanzierter“, betont der leidenschaftlicher Radfahrer, der an Stutensee vor allem den dörflichen Charakter schätzt.

Im Übrigen ist Heitlinger auch noch Science-Fiction-Autor, schreibt Kurzgeschichten im Computer-Magazin c‘t und wurde auch schon im US-Business-Magazin „Forbes“ erwähnt – aber dies ist wieder eine ganz andere Geschichte.