So sehen gesunde Trauben am Rebstock aus. Für den Weingartener Winzer Gerd Siegrist hat in seinen Weinbergen die Lese begonnen. | Foto: Klaus Müller

Chardonnay statt Riesling

Weinanbau im Klimawandel: Riesling leidet unter der Hitze

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Sonne und Reben sollten sich eigentlich gut vertragen. Die Spätsommersonne sorgt in den Trauben an den Rebstöcken für die notwendigen Öchslegrade (Zuckergehalt) im Weinanbau. Zuviel Sonne  als Folge vom Klimawandel freilich kann den Trauben schaden und hat beim Keltern direkte Auswirkungen auf den Alkoholgehalt des Weins.

Von Klaus Müller

Die Auswirkungen zu starker und zu langer Sonneneinstrahlung lassen sich längst in den heimischen Weinbergen feststellen. „Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen“, lautet zusammengefasst das Ergebnis einer BNN-Recherche zum Weinanbau. Nachgefragt wurde beim Kellermeister der Weinmanufaktur Weingarten, Volker Hartmann, beim Geschäftsführer der „Winzer von Baden“ (vormals Winzerkeller Wiesloch), Wolfgang Riesterer, und beim Weingartener Winzer Gerd Siegrist.

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Klimawandel und Rebsorten

Einig sind sich die drei darüber, dass vor allem der Riesling unter den veränderten Wetterverhältnissen leidet. Die Weißweintraube verträgt keine Hitze. Den Trauben drohe der Sonnenbrand, erklären Hartmann und Riesterer. Die Trauben würden regelrecht verdorren und könnten damit nicht weiterverarbeitet werden. Gefahren durch zu starke und zu lange Sonneneinstrahlung sieht der Weingartener Kellermeister auch für andere Weißweine wie Müller-Thurgau und Burgunder. Beim Burgunder zeigt sich Riesterer aber etwas entspannter. Mit entscheidend ist für ihn nicht zuletzt die „Dicke“ der jeweiligen Beerenschalen: je dicker, desto größer sei der Schutz vor Witterungseinflüssen. Nüchtern bewertet Winzer Siegrist die Entwicklung beim Riesling: „Was nicht mehr funktioniert, funktioniert eben nicht mehr.“ Derzeit würde er jedenfalls bei der Neuanlage eines Weinberges nicht mehr auf den Riesling setzen.

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Sonne und Zucker

Bis zu einem gewissen Grad tut Sonne den Trauben gut. Der „Run“ nach möglichst vielen Öchsle ist bei den Winzern aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie gerne kolportiert wird. Bei zu hohem Zuckergehalt wird der Alkoholwert in den Weinen laut Hartmann und Riesterer zu hoch – der Wein zu „schwer“. Normal seien etwa elf bis 13 Volumenprozent. Zu hohe Öchslezahlen indes führen zu einem Volumenprozent von 15 und mehr. „Das wollen viele Kunden nicht“, sagt Riesterer. Der Trend gehe in Richtung „easy drinking“, zu fruchtigen, leichten und frischen Weinen.

Zucker und Säure

Als Hauptproblem im Weinberg macht nicht nur Hartmann die teilweise extreme Sonneneinstrahlung aus. Abgesehen von den Auswirkungen auf den Alkoholgehalt finde durch diese klimatische Entwicklung in den Trauben ein Säureabbau statt, so Siegrist, was sich auf den Geschmack des späteren Endproduktes auswirke. Riesterer spricht von „Säure, die einfach verpufft“.

Strategien für den Weinanbau

Neben dem Anbau neuer Sorten, die aus südlichen Gefilden übernommen werden können – zum Beispiel Chardonnay, Merlot, Cabernet – gibt es begrenzt Möglichkeiten, kurzfristig auf die Auswirkungen des Klimawandels zu reagieren. So werden nach Auffassung von Hartmann die Blätter an den Rebstöcken immer wichtiger als Schutz vor Sonnenbrand. Wichtig ist ebenso Feuchtigkeit. Dadurch gelangen die geschmacksprägenden Mineralstoffe in die Traube. Entwickelt sich der Klimawandel in dem Tempo weiter, dürfte (so Hartmann) Tröpfchenberegnung in den Weinbergen ein wichtiges Thema werden. Etwas skeptischer bewertet dies Winzer Siegrist: Pro Stock wären (vor der Lese) in einer Woche zwölf bis 15 Liter Wasser notwendig – wöchentlich 50 Kubikmeter Wasser für einen Hektar. Solche Wassermassen müsse man erst einmal in die Weinberge bringen.

Zeitfenster und Lese

Um mit Öchslegraden und Co auf der sicheren Seite zu sein, einfach die Lese vorzuziehen, bringt nicht viel. „Die Trauben brauchen den Reifeprozess. Was den Wein zum Wein macht, wird in der Reife gebildet“, betont Siegrist.

Lese und Verarbeitung

Problematisch sind nicht allein die hohen Tagestemperaturen, sondern auch zu milde Temperaturen in den Nächten. Trauben, die mit einer Temperatur von 25 bis 30 Grad der Verarbeitung zugeführt werden, muss man erst einmal energie- und kostenaufwendig runterkühlen. „Ansonsten wird der Gärungsprozess zu schnell eingeleitet“, klärt Hartmann auf. Um Stress im Weinkeller zu vermeiden, wird laut Riesterer im Bereich der „Winzer von Baden“ bei Bedarf nachts mit dem Vollernter gelesen. Die Überlegung hält Winzer Siegrist generell für gut – mit der Einschränkung, dass er nicht in finsterer Nach mit dem Vollernter durch die Weinberge fahren wolle. Etwa gegen sechs Uhr morgens, da sei es eh am kühlsten, wäre besser.

Fazit

Der Klimawandel ist in den Weinbergen angekommen. „Wir beobachten das schon einige Jahre“, so Hartmann. Von heute auf morgen lasse sich darauf nicht reagieren. Ähnlich wie bei der Waldbewirtschaftung wird beim Weinanbau in Jahren gedacht und geplant. Der Klimawandel vollziehe sich schnell – wahrscheinlich viel zu schnell, meint Siegrist.