Über eine Service-Klingel für Kunden mit Gehbehinderung bei der Bäckerei Köhler in Dettenheim-Liedolsheim freuen sich Brigitte Köhler (zweite von links) und die Initiatoren, die Landfrauen Liedolsheim (von links:) Monika Zimmermann, Ingrid Beele-Luppold und Inge Zimmermann. | Foto: Irmeli Thienes

Der weite Weg zur Inklusion

Die Barriere muss aus dem Kopf

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Geradeaus gedacht hat Ingrid Beele-Luppold, Vorsitzende der Landfrauen Liedolsheim, als sie eine Nachbarin traf, auf dem Weg zum Brötchenkauf im Supermarkt. Diese war mit dem Rollator an der Bäckerei vorbeigegangen, denn dort hinauf führen fünf Stufen. Die Landfrauen fragten die Bäckerei Köhler nach einer Kunden-Klingel, die Bäckerei den Hauseigentümer: Die Service-Klingel ist nun unten an der Treppe installiert.

Der Hintereingang ist keine Option

Das Ziel aber sieht anders aus: Es ist die Zugänglichkeit ohne fremde Hilfe. Barrieren auszuschalten beginne im Kopf, sagt Hans-Peter Haigis, Sprecher der Agenda „Menschen mit und ohne Handicap“ in Bruchsal. Wo Rollstuhlfahrern angeboten werde, sie in die Veranstaltung hineinzutragen, fehle das richtige Verständnis. Andrea Sauermost von der Lebenshilfe Karlsruhe: „Teilnehmen zu können, ohne bitten zu müssen, hat mit Würde zu tun.“ Der Hintereingang sei keine Option.
Wie Pfinztals Bürgermeisterin Nicola Bodner äußern sich viele Amtskollegen: „Wir kämpfen mit Versäumnissen von Jahrzehnten.“ Doch inzwischen seien Gemeinderäte geschult, öffentliche Bauvorhaben sofort auf Inklusion abzuklopfen. Manchmal wundere man sich allerdings über wenig inklusive Architektenentwürfe, so Reimar Neumann, Behindertenbeauftragter des Landkreises Karlsruhe.

Das hat mit Würde zu tun

Aus den Rathäusern hört man von einem „permanenten Prozess“, alle Betroffenen seien einzubinden, während ehrenamtliche Vertreter von Senioren- oder Behindertenorganisationen die Mängel vor Ort sammeln und die Verwaltungen informieren. Diese nehmen Hilfe gern an, auch von eigenen ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten. Kreisweit gibt es solche in Pfinztal, Kronau und Karlsbad-Langensteinbach. Doch sowohl dem Landkreis-Beauftragten wie auch den Ehrenamtlichen der Kommunen fehlt weitere Handhabe.
Traudel Theune zeigt „neuralgische Punkte“ auf: Bürgerhaus, Bildungszentrum und Hallenbad sind in Söllingen nur über Treppen erreichbar. Die Bürgermeisterin sagt dazu, es handle sich um historische Bauten, neue Überplanung und Umsetzung seien nötig. Man könne nicht überall zugleich ansetzen. Das Argument ist wiederholt aus Rathäusern zu hören. Bodner ergänzt, man habe mit dem Behindertenbeauftragten für Pfinztal ein gutes Signal gesetzt.
Das Gewerbe hilft Menschen mit Handicap auf seine Weise, liefert eine Warenauswahl nach Hause oder bedient auf Klingel- oder Klopfzeichen hin. Der Seniorenbeirat Pfinztal besucht im Auftrag des Kreisseniorenrats (KSR) Karlsruhe Unternehmen und empfiehlt diese zur Zertifizierung dem KSR, der sie mit Urkunden für ihr Bemühen auszeichnet. In Söllingen erhielten aktuell elf seniorenfreundliche Betriebe die Anerkennung. Bürgermeister Bernd Stober weist für Eggenstein-Leopoldshafen auf eine KSR-Zertifizierung hin für öffentliche Einrichtungen mit „seniorenfreundlichem Service“. Kommunen mühen sich fortlaufend um Minimierung von Barrieren: Bei Sanierung oder Entstehung öffentlicher Bauten werden behindertengerechte Toiletten installiert oder elektronische Türöffner, Aufzüge oder Plattformlifte eingebaut, und auf Plätzen wird Kopfsteinpflaster abgeschliffen. Bordsteine werden abgesenkt, an Rampen wird gedacht, ob an mobile oder feste.

„Noch viel Optimierungsbedarf“

In Eggenstein-Leopoldshafen überlässt die Gemeinde dem Gewerbe Gehwegfläche für den Rampen-Bau. Doch sieht Stober, wie seine Kollegen Klaus Demal aus Stutensee, Eric Bänziger aus Weingarten und andere „viel Optimierungsbedarf“. Mancherorts wird an inklusiven Einrichtungen gearbeitet, andernorts sind Kindergärten und Schulen schon barrierefrei oder inklusiv. Ein dauerndes Ärgernis überall sind zugeparkte Gehwege. „Es geht nicht in die Köpfe“, so Theune. Nicht minder dicke Bretter sind bei Haltestellen zu bohren, für Busse oder Bahnen. Immerhin sollen die Bushaltestellen in Graben-Neudorf bis Ende 2020 alle barrierefrei sein. Linkenheim-Hochstetten beteiligt sich am barrierefreien Ausbau von sechs Haltestellen mit rund 850 000 Euro, ausgenommen ist die Haltestelle Rathaus. Und Barrierefreiheit wird hier auch etwa beim Gemeindeentwicklungskonzept 2017 einbezogen.