Bis in den Osten kam die Karte einer Neunjährigen aus Linkenheim-Hochstetten 1988. | Foto: Ole Spata/dpa

Neunjährige erlebt Mauerfall

„Die DDR, das war Tobias“

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Als in der Nacht des 9. November 1989 die Mauer fiel, holten die Stiebs ihre kleine Tochter Katja aus dem Bett. „Es war klar, dass das ein historischer Tag war und sie wollten mir das zeigen“, erinnert sich Katja Stieb 30 Jahre später. Und zu den letzten Tagen der DDR hat sie auch einen ganz persönlichen Bezug. Der hat mit einem Ballonwettbewerb, einer Brieffreundschaft und einem Besuch im Osten zu tun. Und einem damals 17-Jährigen, den die Grundschülerin schon ziemlich nett fand.

 

Die Geschichte beginnt 1988. Bruce Springsteen („Born In The USA“) tritt in jenem Jahr in Ost-Berlin auf, das größte Konzert, das die DDR je erlebt hat. Und auf dem Spöcker Straßenfest gibt eine Neunjährige einem Ballon die Freiheit. An dessen Schnur hat  sie einen Brief mit ihrem Namen geknotet. Der Wind treibt den Ballon Richtung Osten – er kommt von allen Ballons am weitesten. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich gewonnen hab’“, sagt Katja Stieb heute. Denn viel spannender war ein Brief, der „viele, viele Wochen später“ für sie ankommt.

Der Brief aus Dingelstädt

Ballon landet jenseits des Eisernen Vorhangs

Der Brief war in Dingelstädt, Thüringen, gestempelt. Allein das elektrisiert die Eltern. „Hallo Katja, als ich am Sonntag in die Disko ging, habe ich Deine Adresse auf der Straße gefunden“, steht in dem Brief, den  ein gewisser Tobias zurückschreibt, erzählt Katja Stieb. „Meine Eltern waren gerührt“, weiß sie noch. Bald lernt die Neunjährige mehr über jene verworrene Zeit der deutsch-deutschen Teilung: „Die durften nicht zu uns, wir aber schon. Und das haben wir auch gemacht.“ – „Meine Eltern sind politisch sehr interessiert“, sagt Katja Stieb. Deshalb die Rührung über einen Brief aus der DDR, deshalb auch die umgehende Kontaktaufnahme zu der Familie jenes 17-jährigen Tobias, der so höflich und freundlich einer Neunjährigen geschrieben hat. Und deshalb auch ein Besuch bei der Familie im Osten, zu der man auf dem ungewöhnlichen Weg Kontakt bekommen hatte.

 

Familie Stieb fährt in die Ostzone

„Diese Reise ist mir noch sehr in Erinnerung, obwohl ich damals noch ein Kind war. Ich bin auch dankbar, dass ich die DDR noch sehen und erleben durfte“, blickt Katja Stieb heute zurück. Die Straßen in Thüringen, die Anspannung der Eltern, nachdem sie über die Grenze gefahren waren. All das ist der heute 40-Jährigen, die nach dem Studium wieder in ihre Heimatgemeinde zurückgekehrt ist und als Pressereferentin der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten arbeitet, noch deutlich in Erinnerung. Und natürlich er: Tobias.

 

„Toll sah er aus, sehr sportlicher Typ!“

„Toll sah er aus, sehr sportlicher Typ, blond, eher still“, erzählt Katja Stieb. Es habe Spaß gemacht, ihren Brieffreund kennenzulernen. Der sei damals gerade in einer Ausbildung gewesen. Und sie habe sich gern mit ihm unterhalten. „Wir haben uns jetzt nicht das Herz ausgeschüttet“, sagt sie, dafür sei der Altersunterschied auch einfach zu groß gewesen. Und nichts Politisches: „Ich glaube nicht, dass das Ost-West-Thema für uns eine große Rolle gespielt hat.“ Viel wichtiger war, dass ihr Vater – aktiver Tennisspieler – dem 17-Jährigen einen abgelegten Schläger schenkte. Regelmäßig wurde vor und nach dem Besuch telefoniert und dann auch der Hörer an die damalige Grundschülerin weitergegeben, damit sie mit ihrem Brieffreund reden konnte. Und in ihrer damaligen kindlichen Wahrnehmung war Tobias quasi die DDR, erinnert sich Katja Stieb.

 

Empörter Brief an „Honni“

Das mit der deutsch-deutschen Teilung war danach ein ganz großes Thema für die junge Katja. Bei wem sie sich beschweren könne, dass die Ostdeutschen eingesperrt waren, wollte Katja Stieb von ihrem Vater wissen. „Beim Honecker“, habe er geantwortet. Also schrieb die Neunjährige an Erich Honecker, Staatskanzlei, Berlin (Ost). „Ich hab’ ihm geschrieben, dass ich das unfair finde und er das ändern sollte“, sagt Katja Stieb heute und lacht. Geantwortet hat ihr „Honni“ nicht. Deshalb habe sie den Herrn Honecker auch nicht leiden können – woran sich auch später nichts geändert habe.

 

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Gegenbesuch nach dem Mauerfall

Dann kam der 9. November 1989, weniger als ein Jahr nach der Fahrt der Stiebs nach Thüringen. Vor laufenden Kameras erklärt  Günter Schabowski vom Zentralkomitee der SED die deutsch-deutsche Teilung für Hinfällig. Reisefreiheit! „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, stammelt er. Und Tausende Ostdeutsche setzen sich in Bewegung, sofort, unverzüglich. Auch Tobias kommt mit seiner Familie nach der Wende zwei, drei Mal nach Linkenheim-Hochstetten, die Welt jenseits von Mauer, Grenzanlagen und Todesstreifen erkunden.

Katja Stieb | Foto: privat

Erinnerung an das Ende einer verrückten Zeit

Der Kontakt zwischen ihren Familien sei nie abgerissen, berichtet Katja Stieb heute. Zu den wichtigen Anlässen, Geburtstagen beispielsweise, klingele noch immer das Telefon. „Wir haben uns auch einmal in Karlsruhe getroffen, da hatte er am Bahnhof zu tun“, erzählt sie. Tobias sei Innenausstatter geworden und habe da einen Auftrag gehabt. Rund 15 Jahre sei das jetzt her. Ansonsten? „Verheiratet ist er und hat Kinder“, sagt Katja Stieb und man hört ein wenig die Neunjährige heraus, die über eine verrückte Zeit staunt, die sie erlebt hat.