Auf Lack und Scheiben: Überall sieht man dieser Tage „gelbe“ Autos. Ursache ist der in diesem Jahr heftige Pollenflug. | Foto: dpa

Gelber Blütenstaub unterwegs

Die Pollen nerven

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Es ist kaum zu übersehen und erinnert schon fast an einen Sandsturm: Zur Zeit sind außergewöhnlich viele Pollen in der Luft. Sie hinterlassen eine gelbe Schicht auf Straßen und Wegen, Autos und Fahrrädern, bedecken Fensterbänke, Vordächer und Balkone, Treppenstufen und Gartenmöbel.

Nur Platz unter der Linde

Viktoria Holzheimer aus Weingarten fällt die Polleninvasion besonders an ihrem Auto auf: „Ich habe keine Garage. Wenn ich bei der Arbeit bin, steht der Wagen unter einem Baum, der zur Zeit blüht, und Zuhause ist der einzige freie Platz oft unter einer Linde“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Pollen nerven. Wenn ich die Autotür aufmache, werden sie ins Innere gefegt.“

Mehrfach in die Waschanlage

Auch für Lydia Feiler aus Walzbachtal ist der gelbe Film ein Thema: „Vor drei, vier Wochen war mein Auto in der Inspektion und wurde gewaschen. Nur wenige Tage später war es von Pollen bedeckt.“ Der Grund für die auffallend starke Konzentration von Blütenstaub in der Luft liegt in der derzeitigen Wetterkonstellation und hat außerdem mit dem Wachstumszyklus von Bäumen zu tun. Das kühle und nasse Frühjahrswetter wurde in den vergangenen Wochen durch Trockenheit und Wärme abgelöst.

Der wärmste April

Der April 2018 war nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes der wärmste, seit es Wetteraufzeichnungen gibt, also seit 1881. Dies hat zu einer regelrechten Explosion der Natur geführt. Viele Bäume und Sträucher haben gleichzeitig zu blühen begonnen und folglich auch zeitgleich ihre Pollen in die Luft geschickt. Ausbleibender Regen, der die Luft reinwaschen könnte, sowie teils kräftiger Wind haben für die Verteilung der Pollen über viele Kilometer gesorgt.

Fichten blühen besonders stark

Die gelbe Schicht, die derzeit besonders Autofahrern zu schaffen macht, stammt aber vor allem von der Fichte. Die haben etwa alle fünf Jahre ein sogenanntes Mastjahr, in dem sie besonders stark blühen. In den Jahren dazwischen fällt die Blüte schwächer aus. In diesem Jahr blühen die Fichten besonders stark und damit nicht genug, demnächst sind dann auch die Kiefern an der Reihe – und sorgen für Pollennachschub.
Fichtenpollen gelten zwar als nicht allergen, sind aber häufig mit anderen Pollen vermischt, die Allergien auslösen, derzeit von Eiche, Buche, Birke und Platane.

Der Lack nimmt keinen Schaden

Während Wege und Treppen schnell mal gekehrt sind, haben Autofahrer mit den zuweilen hartnäckigen Hinterlassenschaften von Bäumen und Sträuchern schon etwas mehr Arbeit. Der TÜV Süd empfiehlt vor allem das regelmäßige Reinigen der Frontscheibe, weil der Blütenstaub mit dem Wasser des Scheibenwischers einen klebrigen Film bildet und die Sicht behindert. Dem Lack würde der Blütenstaub aber nach Angaben der Experten nicht schaden.

Sauberer Dienstwagen

Stellt sich also die Frage, ob sich eine Autowäsche derzeit überhaupt lohnt. Paul Eckhardt aus Walzbachtal hat sich dagegen entschieden: „Ich gehe im Moment bewusst nicht in die Waschanlage, weil ich ja dann bald schon wieder hin müsste. Zuletzt habe ich mein Auto vor ungefähr einem Vierteljahr gewaschen.“ Auch Viktoria Holzheimer findet: „Ich könnte das Auto im Moment jeden Tag waschen, aber das lohnt sich nicht.“ Für Lydia Feiler gibt es andere Beweggründe, doch mal zwischendurch zur Waschanlage zu fahren: „Mein Auto ist ein Dienstwagen und sollte deshalb sauber aussehen. Ich muss es sowieso öfters waschen, weil man bei der Farbe Schwarz den Dreck leicht sieht.“

Sylvia Ganz

Hintergrund: Blütenstaub
Nach einem unterkühlten Frühjahr hat in den vergangenen Wochen trockenwarmes Wetter für eine Entwicklungsexplosion in der Natur gesorgt. Dabei erfolgt die Blüte vieler Gewächse in diesem Jahr gleichzeitig. Dadurch sind derzeit besonders viele Pollen unterwegs.
Vor allem die Pollen der Fichtenblüte überziehen alles mit einer gelben Schicht. „Die Fichte befindet sich in einem sogenannten Mastjahr: Dabei blühen die Bäume besonders stark“, erklärt Matthias Habel, Meteorologe von WetterOnline. Ein solches Mastjahr wiederholt sich unregelmäßig etwa alle fünf Jahre, wenn die Bäume besonders viel Energie in die Vermehrung stecken. In den Jahren dazwischen verwenden sie ihre Kraft in erster Linie für das Wachstum und blühen daher schwächer. In den kommenden Tagen werde die Fichte laut Experte Habel bei sonnigem Wetter noch stark blühen. In Kürze kommen die Pollen der Kiefer noch hinzu.