Schließt per Ende September: der Edeka-Markt in Rußheim. | Foto: Werner

„Schwierige Marktsituation“

Edeka Rußheim schließt Ende September

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Viele Dettenheimer waren froh, als sich vor wenigen Jahren nach langem Prozedere am Liedolsheimer Ortsausgang „Netto“ ansiedelte. Der Einkaufsmarkt ergänzte das örtliche Angebot von Penny und Edeka im unweit gelegenen Rußheimer Gebiet „Waldteiler“. Die Nachricht, dass Edeka Kuhn zum Monatsende schließt, erwischte dessen Kunden kalt.

Geplant?

„Ein Hammer“, sagt Pascal Hacker, und dazu „so kurzfristig“. Der Rußheimer vermutet gar, dass bei Kuhn dieser Schritt schon bei der nahtlosen Übernahme von Edeka Völkle im März geplant war. Wie Ilona Högner kommentiert er das Aus mit „unverschämt“. Auch diese Kundin hat für den Schritt, der eine Lücke in die Grundversorgung reiße, kein Verständnis. Ältere Leute seien besonders darauf angewiesen. Auch Josef Spiewla betont, dass die beiden Discounter allein nicht ausreichten. Nun müsse man nach Linkenheim-Hochstetten fahren. Befragte Kunden hatten den Eindruck, dass der Markt gut oder relativ gut besucht werde.

Ich verstehe den Ärger

Er verstehe den Ärger der Leute, sagt der Betreiber Manuel Kuhn. Einen gangbaren Weg, um weiterzumachen, habe er aber nicht mehr gesehen. Im Zusammenhang mit der Eröffnung seiner neuen Filiale in Linkenheim-Hochstetten habe er sich mit seinem Friedrichstaler Edeka-Kollegen Bertram Völkle darauf geeinigt, den Markt in Rußheim zu übernehmen. Ihm sei bewusst gewesen, dass er damit ein Risiko eingehe, so Kuhn. Der Markt sei seit Jahren nicht mehr gut gelaufen.

Problematische Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen seien von Ortsgröße, Kundenfrequenz und Wettbewerbssituation über Dettenheim hinaus grundsätzlich ein Problem gewesen. „Dennoch sagten wir: Wir versuchen es zu schaffen, es so hinzukommen, dass Personal- und Energiekosten gedeckt sind.“ Dann wäre es akzeptabel gewesen, den Markt aus Nahversorgungsgründen offen zu halten und mit Linkenheim-Hochstetten mitlaufen zu lassen.
Eine Übernahme bedeute hohe Aufwendungen – zeitlich und finanziell. Das mache gewiss niemand in der Absicht, wieder zu schließen, resümiert Kuhn. In der Übergangsphase sei klar gewesen, dass Regale erst wieder aufgestockt werden mussten. Aber das habe man schnell in den Griff bekommen. „Wir glaubten daran, dass es gelingt, den Markt mit einem blauen Auge weiterzubetreiben zu können. Wir schauten, was wir tun können und was machbar ist“, so Kuhn weiter. Dass sich die Lage nicht verbessern ließ, sei anfangs nicht absehbar gewesen.

Perspektive für die Mitarbeiter

Die technischen Anlagen seien veraltet, ob Kühlung, Klimaanlage oder Heizung. Bei der Qualität gebe es eine Diskrepanz zu den anderen Standorten, die nicht länger vertretbar gewesen sei. Wichtig sei, dass er allen Mitarbeitern in den drei Märkten in Eggenstein-Leopoldshafen und Linkenheim-Hochstetten eine reale Beschäftigungsperspektive anbiete könne.

Hoffnung auf neuen Betreiber

Kommunal ist „Nahversorgung“ seit Jahren ein wesentliches Thema. Wie Bürgermeisterin Ute Göbelbecker heraushebt, entsteht für Dettenheim durch die Schließung des Markts eine schwierige Situation. Edeka sei als Vollsortimenter nicht so einfach zu ersetzen. „Wir hoffen, dass sich dort wieder ein Markt dort ansiedelt“, so Göbelbecker. Es gebe in den umliegenden Gemeinden größere und modernere Märkte. Trotzdem würden die Bürger dort gerne einkaufen und seien „ihrem“ Edeka treu. Nun wolle sie potenzielle Betreiber ermutigen, sich den Standort Dettenheim anzusehen. Das Käuferpotenzial sei da.

Bedauerlich

„Total bedauerlich“ kommentiert auch Petra Schwartz die Schließung. „Ich kaufe meist im Ort ein, und möchte auch Rußheimer Geschäfte unterstützen“, sagt sie. Bei Edeka tat sie das regelmäßig. Was häufig von Kunden erwähnt wird, ist Fleisch, Wurst und Käse an der Frischetheke. Das habe man nur bei Edeka bekommen, so Petra Schwartz. In der Gemeinde gebe es keinen Metzger mehr. Für Friedhilde Arnold war das auch ein wichtiger Aspekt. Überwiegend führte der Weg die Liedolsheimerin zu „Netto“.

Schon ein Fachgeschäft

Aber Edeka sei „schon ein Fachgeschäft“ und habe Produkte im Sortiment, die man bei „Netto“ nicht erhalte. Der Markt sei auch gut per Fahrrad erreichbar gewesen, ohne dass man dafür nach Hochstetten habe fahren müssen. Nicht wenige Einheimische zog es dagegen schon bislang auch öfter mal zu Globus nach Wiesental.

von unserem Mitarbeiter Alexander Werner

KOMMENTAR:
Das ist ungewöhnlich: Ein Edeka-Markt in einer kleinen Ortschaft schließt. Die vergangenen zwei, drei Jahrzehnte nämlich waren im ländlichen Bereich von einer ganz anderen Entwicklung geprägt. In den Dörfern gab es ehedem eine funktionierende Nahversorgung mit Lebensmitteln aller Art, und auch die Dinge des Alltags waren vielerorts zu erstehen. War das Dorf etwas größer, fanden sich dort auch Geschäfte des erweiterten Einzelhandels. Der Lauf der Zeit ließ sehr viele dieser Geschäfte verschwinden, denn an den Ortsrändern entstanden vermehrt neue Gewerbegebiete. Dorthin siedelten nicht nur die Betriebe aus dem Dorf, die entweder keine Erweiterungsmöglichkeit hatten oder irgendwelcher Emissionen wegen oder wegen starken Pkw-Verkehrs in der Dorfmitte selbst keine Zukunft hatten. Dort siedelten verstärkt auch Supermärkte und Discounter der führenden Unternehmen. Jeder Bürgermeister schrieb es sich auf die Amtsfahne, dafür zu sorgen, dass die Nahversorgung am Ort auf diese Art gesichert wird.
Das führte auch dazu, dass beispielsweise in den beiden Dettenheimer Ortsteilen drei Märkte um den Kunden werben. Für den ist der Wettbewerb gut, zumal der Supermarkt und die zwei Discounter im Sortiment zumindest in manchen Bereichen unterschiedlich aufgestellt sind.
Für die Unternehmen kann man eine Situation wie in Dettenheim durchaus hinterfragen. Ist die Nachfrage so groß, dass drei Märkte solide wirtschaften können? Edeka sagt nun offenkundig Nein. Die Begründung wird nun am Ort schnell in Frage gestellt. Doch wird man davon ausgehen dürfen, dass ein Unternehmer einen funktionierenden Standort nicht aufgibt. Rußheim aber scheint nicht funktioniert zu haben, deshalb ist die Hoffnung auf eine Neuansiedlung zulässig, aber eher vage.
Matthias Kuld