Das blaue Eruptionskreuz kennzeichnet die Bohrstelle am Weingartener Baggersee. | Foto: Paschkewitz-Kloß

Geplante Förderung

Erdöl unter Weingarten von hervorragender Qualität

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Weingarten ist nicht Dallas. Und dennoch scheint der Heidelberger Rhein Petroleum GmbH die Fortsetzung des Erdölprojekts „Steig 1“ am Weingartener Baggersee nach ersten Probefunden lohnenswert zu sein. Zwar müssten Größe und Ergiebigkeit des Ölfelds erst noch geklärt werden. An der Qualität des fossilen Rohstoffs gibt es für die badischen Ölsucher indes keinen Zweifel: hervorragend. Er sei leicht, schwefelarm und reich an wertvollen Inhaltsstoffen.

Von Marianne Paschkewitz-Kloß

Auf 20 Millionen Euro Gesamtkosten schätzt Rhein Petroleum die Entwicklung des Erdölfelds, die zu 90 Prozent von der Muttergesellschaft Tulip Oil und zu zehn Prozent vom Anteilseigner Deutsche Rohstoff AG finanziert würde.

Vor Ort herrscht Skepsis

Unter Einheimischen schürt die Erfolgsnachricht Skepsis, auch Protest. In sozialen Medien wird Dampf abgelassen. Für die einen ist es ein Skandal, in Zeiten der Energiewende noch fossilen Brennstoff fördern zu wollen. Andere Kritiker, darunter auch Bruchsals Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick, befürchten Beeinträchtigungen des Grundwassers und Auswirkungen aufs Trinkwasser. Und Weingartener Bürger fragen sich, ob denn auch die Gemeinde zu den Nutznießern des Ölgeschäfts zähle.

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Lokale Ölförderung punktet bei der Ökobilanz

Das Erdöl des Oberrheingrabens sei „zu gut, um es zu verbrennen“, es fließe in die Chemie- und Pharmaindustrie. Stets hatte Carsten Reinhold, Geschäftsführer der Rhein Petroleum, den geplanten Verwendungszweck des Rohstoffs erklärt und betont: „Wir sind keine Gegner der Energiewende.“
Zur Erdölförderung in Deutschland sei es wichtig zu wissen, dass durch höchste technische Standards und beste Kontrolle der Aufsichtsbehörden so umwelt- und ressourcenschonend gearbeitet werde, wie in wenigen anderen Ländern der Welt. Der kurze Transportweg zur Karlsruher Raffinerie verkleinere die Menge an CO2-Emissionen gegenüber Importen „extrem“, versichert Reinhold. Das bedeute ein klares Plus in der Ökobilanz der Unternehmung.

Grundwassermessstellen errichtet

Dennoch: Die allgemeine Sorge um mögliche Risiken für Grund- und Trinkwasser konnte die Ölfirma nicht entkräften. In einer Stellungnahme gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten bestätigt jedoch das prüfende Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) in Freiburg zumindest für die zurückliegende Phase der Ölbohrungen die Aussage des Unternehmens. „Die Sorge um eine nachteilige Veränderung des Grundwassers konnte nach Prüfung in den Genehmigungsverfahren nach Wasserrecht ausgeschlossen werden.“ Bergbehörde und Wasserbehörde hätten seinerzeit einvernehmlich entschieden, unterstreicht Heike Spannagel, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Freiburg. Über die erforderliche Sicherheit hinaus seien Grundwassermessstellen errichtet worden, für die ein eigenes Monitoring installiert wurde. Der Bohrplatz sei gegenüber austretenden Flüssigkeiten sicher abgedichtet.

Weitere Prüfverfahren nötig

Was für den Testlauf galt, muss für die Zukunft nichts heißen. Die Heidelberger Ölsucher müssen sich erneut auf ein umfangreiches Genehmigungsverfahren vorbereiten. Aktuell würden ein Betriebsplan erarbeitet sowie diverse unabhängige Gutachten zum Natur-, Umwelt- und Grundwasserschutz eingeholt, so Firmenchef Reinhold. Im anstehenden Prüfverfahren werden betroffene Gemeinden und Träger öffentlicher Belange wie Fachbehörden und Wasserversorger erneut gehört.

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„Nennenswerter“ Vorteil für Gemeinde

Und wie steht es letztendlich um den Profit von „Steig 1“ für die Gemeinde Weingarten? Reinhold würde ihn als „nennenswert“ bezeichnen. Zum einen über die Gewerbesteuer für eine zukünftige Produktionsstätte in Weingarten. (Zur Einordnung: Im benachbarten Speyer sei die dort produzierende Ölfirma einer der größten Gewerbesteuerzahler.) Andererseits über Pachteinnahmen, „wenn wir gemeindeeigene Grundstücke in der Nähe des Kieswerks langfristig anpachten können“, führt Reinhold an. Nur als Anhalt: Erhielte Rhein Petroleum eine Genehmigung zur sogenannten „Permanentförderung“, würde das Geld mindestens 20 Jahre in die Gemeindekasse sprudeln.

 

 

Interview: Öl steht nicht unter Druck

Bürgermeister Eric Bänziger äußert sich zur Ölsuche in Weingarten aus Sicht der Gemeinde. Die Pachteinnahmen sollen der Gemeinschaft zugute kommen.

Bürgermeister Eric Bänziger | Foto: Rake Hora

Nachdem Rhein Petroleum die Wirtschaftlichkeit des Ölfunds bei Weingarten bestätigt sieht, soll das Projekt vorangetrieben werden. Wie stehen Sie dazu?

Bänziger: Wir als Gemeinde wollten nicht noch einmal das Thema Ölbohrung in Weingarten, da wir durch viele historische Bohrlöcher und noch vorhandene Ölleitungen innerhalb der Gemeinde regelmäßig Probleme bei Bauarbeiten haben. Zudem wird einer der letzten ruhigen Bereiche in Weingarten tangiert. Da durch das Bergrecht die Rechte der Gemeinde ausgehebelt sind, können wir es nur im Sinne der Gemeinde positiv begleiten. Wir sind alle nicht glücklich darüber, werden es aber auch nicht verhindern können. Das sehe ich inzwischen als akzeptiert an.

In welcher Weise wollen Sie das Projekt positiv begleiten?

Bänziger: Indem die Gemeinde die Flächen zur Verfügung stellt und dafür eine Pacht erhält, welche uns am Gewinn der Firma beteiligt. Dabei war es wichtig, dass die Pacht nicht einzelnen privaten Personen zugute kommt, sondern die Gewinne durch die kommunale Verpachtung auch der Gemeinde im Gesamten zufließen, damit alle etwas davon haben.

Fürchten Sie bei weiteren Ölbohrungen Risiken fürs Trinkwasser?

Bänziger: Das war bereits zu Beginn ein wesentlicher Kritikpunkt im Weingartener Gemeinderat. Aufgrund des Genehmigungsverfahrens sowie der Ausführungen von Carsten Reinhold gehen wir davon aus, dass der technische Stand heute wesentlich weiter ist als in den Fünfzigerjahren, als die Erdölförderung in Weingarten bereits stattgefunden hat. Damals gab es keine Verunreinigung des Trinkwassers. Weitere Risiken sehen wir nicht, zumal das Erdöl aktiv gefördert werden muss, da es nicht unter Druck steht und es nicht zu einem Blow-out wie in den Filmen kommen kann.

Kommentar
Was will man noch in Weingarten Öl fördern, wenn doch alle vom Klimawandel reden? Eine einfache Frage. Die ebenso einfache Antwort lautet: Weil Öl weiter gebraucht wird, selbst wenn schon morgen alle Autos elektrisch fahren würden, keine Heizung mehr mit dem Schwarzen Gold befeuert wäre. Und das hängt zumindest teilweise ausgerechnet mit der Energiewende zusammen. Denn Öl steckt eben nicht nur in den Heizöl- und Autotanks.
Öl ist Rohstoff für viele Produkte der chemischen Industrie. Es steckt in Kunststoffen, die unsere Häuser energieeffizienter machen, in Rohrisolierungen, in Kunststoffdichtungen an Fenstern und Türen. Öl steckt in den Gehäusen und Isolierungen unserer elektronischen Helferlein, unserer Computer und Smartphones, mit denen wir unsere Heimarbeitsplätze ausstatten, um nicht mehr klimaschädlich pendeln zu müssen. Und Öl verbirgt sich dort, wo wir es kaum erwarten: in pharmazeutischen Produkten etwa, aber auch in Kosmetika. Für viele dieser Produkte gibt es keinen schnellen Ersatz. Kurz: Öl wird noch lange gebraucht werden.
Öl aus Weingarten hat dabei zwei Vorteile: Es wird erstens nicht in Krisengebieten gefördert und tausende Kilometer über alle sieben Weltmeere angeliefert. Und zum Zweiten: Ein Teil der Wertschöpfung bleibt absehbar an der Quelle. Davon kann man auf der anderen Rheinseite ein stimmungsvolles Liedchen singen. Die Ölförderung in Speyer – wenngleich ebenfalls nicht auf dem Niveau Saudi-Arabiens – spült auch Geld in die Stadtkasse. Man sollte es nutzen, solange es fließt.