Gegensteuern: Die Anmeldezahlen von Fahrschülern sind zwar auch in der Region recht gut, mit dem Fahrlehrer-Nachwuchs ist das aber eine andere Sache. | Foto: dpa

Branche fehlt der Nachwuchs

Fahrlehrer „händeringend gesucht“

Anzeige

Wie sich die Zeiten ändern. „Vor Jahren gab es einen dramatischen Wettbewerb zwischen den Fahrschulen um die Fahrschüler. Jetzt haben wir einen dramatischen Wettbewerb um die Fahrlehrer. Da wird alles versucht, Kollegen abzuwerben. Sogar 5 000 Euro Handgeld wurde schon geboten“, beschreibt der Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg, Jochen Klima, die Situation der Branche. Die Zahl der Fahrlehrer sinkt in Deutschland kontinuierlich. Im Südwesten von 4 953 (Ende 2015) auf 4 735 (Ende 2016). Tendenz: Weiter fallend. „Landauf, landab werden Fahrlehrer händeringend gesucht“, verdeutlicht Klima. Fehlender Nachwuchs, weniger Fahrschulen – auch in der Region?

Da wird schon Handgeld geboten

„In zwei Ortschaften, in denen ich früher Mitbewerber hatte, bin ich inzwischen allein“, sagt Gerd Bauer, Chef des Fahrlehrer-Kreisvereins Karlsruhe Land. Das, fügt der Inhaber und Geschäftsführer der Fahrschule Debatin (Hauptsitz in Bruchsal; Filialen in Odenheim, Münzehseim, Flehingen) hinzu, liege vor allem an Aufgaben aus Altersgründen. Ein Problem, das die Branche weiter begleiten wird. Im Durchschnitt sind deutsche Fahrlehrer 56 Jahre alt; viele werden in absehbarer Zeit das Rentenalter erreichen.

Qualifizierte Fahrlehrer schwer zu finden

„Es ist sehr schwierig, qualifizierte Fahrlehrer zu finden“, macht Peter Schneider von der gleichnamigen Fahrschule mit Hauptstelle in Bruchsal sowie Zweigstellen in Weingarten, Neuthard und Wiesental deutlich. „Ich würde einen einstellen – wenn es einen gäbe.“

Übernahme oder Aufgabe?

Lange war Peter Schneider auch in Graben-Neudorf vertreten. Dass er sich dort vor eineinhalb Jahren zurückzog, sei auch mit der Tatsache geschuldet gewesen, niemanden gefunden zu haben. „Ich bin jetzt 67“, erzählt Schneider. Da mache man sich schon mal Gedanken, ob jemand die Fahrschule übernehmen werde oder ob man zuschließen müsse.

Bundeswehr bildet kaum noch Fahrlehrer aus

Früher hat die Bundeswehr viele Fahrlehrer ausgebildet. Nach dem Bund machte das Gros davon auf dem zivilen Markt weiter. „Die Bundeswehr hat sich fast vollständig aus der Fahrlehreausbildung zurückgezogen und fällt als Reserve weg“, nennen Peter Schneider und Torsten Kukuk, Inhaber der Fahrschule Zimmermann (in Eggenstein, Linkenheim, Hochstetten), ein weiteres „Riesenproblem“.

Engpass auch in den nächsten Jahren

Torsten Kukuk hat zwar „momentan ausreichend Personal“. Er wisse aber von Kollegen, dass gute Leute gesucht werden. Der Mangel sei vorhersehbar gewesen und es werde auch die nächsten Jahre einen Engpass geben. „Fahrlehrer ist ein interessanter Beruf, aber wir müssen ihn noch interessanter machen. Zum Beispiel muss der Verdienst nach oben gehen“, sagt er.

Momentan ziehen die Gehälter an

Bei rund 2 900 Euro monatlich im ersten Berufsjahr (ausgehend von 225 Übungseinheiten à 45 Minuten pro Monat; entspricht annähernd einer Arbeitswoche von 40 Stunden à 60 Minuten) liegt die Gehaltsempfehlung für Fahrlehrer der Klasse BE (PKW) in Baden-Württemberg. „Momentan ziehen die Löhne an. Der Mangel hat durchaus sein Positives“, so Jochen Klima.

Auch ein Image-Problem

Grundsätzlich gelte: „Der Fahrlehrerberuf braucht dringend ein besseres, ein moderneres Image, um wieder für mehr junge Leute interessant zu werden.“ Neben den Verdienstmöglichkeiten schreckte das hohe Mindesteinstiegsalter von 22 Jahren und Ausbildungskosten von rund 10 000 Euro (weil Fahrlehreranwärter Führerscheine für Auto-, Motorrad- und Lkw benötigten, auch wenn sie später nur den Autoführerschein anbieten wollten) ab. Eine Gesetzesreform soll nun Verbesserungen bringen.

Verbesserung durch Gesetzesreform?

Seit Januar können auch schon 21-Jährige die Ausbildung beginnen. Und wer nur Fahrlehrer für den Pkw-Führerschein sein möchte, muss nicht mehr den fürs Motorrad oder für den Lkw vorweisen. „Vom Ansatz her ist das gut“, meint Peter Schneider. Wenngleich Erfahrung in allen Kategorien kein Fehler sei.

Wir brauchen Qualität

Helmut Storck stimmt  seinem Kollegen zu. „Wir sollten über den Tellerrand hinaus schauen. Wir brauchen Qualität.“ Er fing in Neuthard an, war dort zehn Jahre. Dann ging Storck nach Bruchsal-Heidelsheim,  später kam noch eine Filiale in Helmsheim hinzu. 2016 konnte er seine Fahrschule nach 37 Jahren an einen Angestellten übergeben. Das, sagt Storck, der 22 Jahre Vorstand des Kreisvereins Karlsruhe Land war und der noch im Verwaltungsrat sowie Finanzauschuss des Landesverbandes ist, „war eine glückliche Fügung“.

Kein „9-bis-17-Uhr-Job“

Seinen Nachfolger hatte Storck bei einem Lehrgang kennengelernt, ausgebildet und übernommen. Fahrlehrer sei kein „von-neun-bis-17-Uhr-Job“, erklärt Storck. Manche Forderungen der Anwärter hält er für zu hoch. „Freie Zeiteinteilung oder samstags nie, das geht nicht.“

Mit unterschiedlichsten Leuten zu tun

Auch „Nachtfahrten im Sommer sind nicht beliebt. Da wollen die Leute lieber raus oder Sport treiben“, fügt Peter Schneider hinzu. Dennoch: „Wir haben einen abwechslungsreichen Beruf. Wir bekommen es mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun, auf die wir uns einstellen müssen“, sagt Gerd Bauer. „Da sitzt man nicht nur nebendran, da sollte man Ahnung von Psychologie und Pädagogik haben.“

An Fahrschülern mangelt es nicht

Auch wenn das Auto für die Jugend gerade in den Städten nicht mehr das Statussymbol wie früher ist, auch wenn der immer besser vernetzte Nahverkehr zur Konkurrenz für den Führerschein wird: Grundsätzlich läuft das Geschäft. „Wir haben relativ gute Anmeldezahlen“, erklärt Gerd Bauer. Und Baden-Württembergs Verbandsvorsitzender Jochen Klima meint: „Es lohnt sich noch, Fahrlehrer zu werden.“

„Jobkiller“ Autonomes Fahren?

Was aber ist mit dem „Jobkiller“ Autonomes Fahren? „Wir reden da von Jahrzehnten“, so Klima. Solange Fahrer noch eingreifen können, brauche es Fahrschulen und qualifizierte Leute, die all die neuen Systeme erklären. „Das Berufsbild ändert sich“, sagt Helmut Storck. „Irgendwann sprechen wir vielleicht vom Mobilitätscoach und nicht mehr vom Fahrlehrer.“