Ungewisse Zukunft: Die Poststelle in Eggenstein steht vor dem Aus. Betreiberin Nunziella Amtmann (hinten links) hat bislang noch keinen Ersatzstandort zur Miete gefunden. | Foto: Alexander Werner

Filiale schließt zum 31. Mai

Eggenstein: Noch kein neuer Laden für die Post

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Wenn die einzige Poststelle in einem Ort geschlossen wird, trifft das im Prinzip alle Bürger. Genau das soll in Eggenstein zum Stichtag 31. Mai in der Lenaustraße geschehen.

Alleine schon deshalb herrscht bei Betreiberin Nunziella Amtmann, ihren vier Mitarbeitern und Kunden Krisenstimmung. Angefacht wird die noch davon, dass keiner weiß, wie es überhaupt weitergehen soll.

von Alexander Werner

Räume gekündigt

Ausgangspunkt war, dass das CSG Stuttgart, der die Deutsche Post DHL Group angehört, die Räume für den parallel unabhängig laufenden Zustellstützpunkt und die Poststelle in der Eggensteiner Lenaustraße zu Ende April gekündigt hatte.

 

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Nicht mit Kündigung gerechnet

In der Folge habe die CSG dann um eine Verlängerung bis Ende Mai gebeten, berichtet Hauseigentümer Dieter Feil. Gerechnet habe er mit der Kündigung nicht. Er wollte, dass die Post drin bleibt. Das Haus sei 1983 sogar auf Maß für deren Bedürfnisse gebaut worden, erläutert er. Vergeblich habe er versucht, einen gewerblichen Nachmieter zu finden. Nun müsse er alles für Wohnungen umbauen. „Ein teures Vergnügen“, wie er sagt.

Kunden schätzen familiäre Atmosphäre

Für Nunziella Amtmann, die die Poststelle seit 2002 innerhalb eines Vertrags mit der DHL nebst Postbank, Zubehör und Schreibwaren betreibt, ist derzeit noch kein Land in Sicht. Die Filiale am Standort alleine ohne bislang mitgenutzten Lagerraum und sanitäre Anlagen weiter zu betreiben, sei nicht möglich, erläutert sie. Ihre Aufrufe und Bemühungen, eine neue Unterkunft zu finden, blieben bislang erfolglos.

Gebaut wurde das Gebäude in der Eggensteiner Lenaustraße auf Maß für die Bedürfnisse der Post mit Zustellstützpunkt und Postfiliale. Der Zustellstützpunkt wird nun nach Stutensee verlegt. | Foto: Alexander Werner

Sie würde sogar ins Industriegebiet gehen und wolle für einen Erhalt der Postbank kämpfen, betont sie. Auch, dass die Post wolle, dass sie künftig selbst Räume anmiete und zur Verfügung stelle, würde sie mitgehen. Die Zahl ihrer Kunden gehe in die Tausende. „Ich dachte nicht, dass es hier Probleme gibt“, sagt sie. Die Leute, die auch die familiäre Atmosphäre schätzten, würden ihr die Daumen drücken, dass sie noch etwas finde.

Unterschriftenaktion für Postfiliale in Eggenstein

Zwei Wochen lief in der Poststelle eine Unterschriftenaktion zum Erhalt einer für die Grundversorgung der Bürger unverzichtbaren Poststelle. Anfang März gingen die Listen an die Gemeinde. Es handle sich um 42 Blätter mit einer beeindruckenden Zahl von 20 bis 30 Unterschriften pro Seite, erklärt Bürgermeisterreferentin Regine Hauck.

Stimmen:
– 
„Das ist einfach schade. Ich komme regelmäßig hierher. Nach Leopoldshafen fahre ich nur gezwungenermaßen. Aus meinem Umfeld höre ich das Gleiche. Die Leute finden das nicht schön.“ (Nadine Schäfer)
– „Ich wusste davon nichts. Ich bin fassungslos. Das würde viel weitere Wege ohne Beratung vor Ort bedeuten.“ (Sandra Giec) –
„Für mich als Stammkundin hat die Poststelle große Bedeutung. Sie liegt in der Nähe und ich komme schnell dorthin. Ideal sind auch die Parkmöglichkeiten. Ich bin viel unterwegs und brauche ein Schließfach. Wichtig ist die Beratung gerade bei Auslandsangelegenheiten. Ebenso wichtig ist für mich, Sendungen abholen und die Postbank nutzen zu können. Der Wegfall der Postbank wäre problematisch.“ (Renate Bechthold)
– „Es ist sehr ärgerlich, was mit den Leuten gemacht wird. Gerade für ältere Menschen und die Mitarbeiter ist es schlimm.“ (Hans-Dieter Steigelmann)
– „Für mich ist das jetzt eine große Überraschung. Ich nutze den Service öfter. Geld hole ich bei der Postbank. Ich weiß nicht, wo ich dann hingehen soll. Es muss im Ort so eine Poststelle geben und auch eine Postbank. (Manuela Roth); „Für mich wäre es sehr schlecht, wenn es keine Postfiliale in Eggenstein mehr gäbe. Für mich liegt sie für meinen Paket- und Briefverkehr gut in der Nähe.“ (Dirk Germann)
– „Ich erhalte häufiger Päckchen. Die kann ich hier in der Nähe abholen. Ich sehe nicht ein, das man künftig dafür woanders hingehen soll.“ (Anna-Rosa Käflein)
– „Es ist eine Katastrophe – und für mich auch beruflich. Ich habe seit 30 Jahren ein Postfach, wickle hier meinen Postverkehr mit Einschreiben, Briefen und der Postbank ab. Wenn es in Eggenstein keine Filiale mehr gäbe, müsste ich alles aufwändig über Leopoldshafen erledigen. Das ist ein Unding, dass ein Teilort wie Eggenstein keine Post mehr haben soll. Ich sehe das sehr kritisch.“ (Thomas Schwarze)

Gemeinde sucht mit

Jüngst informierte Bernd Stober, der Bürgermeister von Eggenstein-Leopoldshafen,  im Gemeinderat, dass die Verwaltung seit Mitte 2018 mit der Betreiberin in Kontakt stehe und sie bei der Suche nach neuen Räumen unterstütze. Dies sei aber ohne Erfolg geblieben. Auch bei einer in Erwägung gezogenen Übergangslösung der Post ergäben sich die Probleme. Es mangle an passenden Objekten. Zudem seien Besitzer der in Frage kommenden Immobilien nicht bereit, diese zu vermieten. Stober versicherte, dass alles versucht werde, um einen Platz für die Postfiliale zu finden und dass notfalls Übergangslösungen in Betracht gezogen würden.

Weiterhin Bankleistungen?

Wie Hugo Gimber von der Pressestelle der Deutsche Post DHL Group mitteilt, habe die CSG den Mietvertrag mit dem Eigentümer sowie den Untermietvertrag mit der Betreiberin gekündigt, weil die Räume in der Lenaustraße nach Fertigstellung des neuen Zustellstützpunkts in Stutensee nicht mehr benötigt würden. Die Räume der Filiale alleine könnten nicht angemietet werden. Die ideale Lösung sei immer eine Partner-Filiale, also eine Postfiliale, die ein Einzelhändler in sein Geschäft integriere, so Gimber. Welche Lösung letztendlich in Eggenstein gefunden werde, könne er noch nicht sagen. Auch nicht, ob es in der künftigen Filiale Bankleistungen geben werde. Zurzeit würden Mitarbeiter der Vertriebsleitung und die Betreiberin mit Unterstützung der Gemeinde nach einem Ersatzstandort suchen.

Vorgaben für Postbetrieb

„Nach den für uns geltenden Vorgaben müssen wir in selbstständigen Gemeinden mit mehr als 2 000 Einwohnern und auch in Ortsteilen mit über 2 000 Einwohnern eine stationäre Poststelle betreiben“, erklärt Gimber. In größeren zusammenhängend bebauten Gebieten müsse gewährleistet sein, dass eine Filiale in einer Entfernung von maximal 2 000 Metern erreichbar sei.

„Interimsfilialen“ keine optimale Lösung

In Orten, in denen man vertreten sein müsse, in denen aber kein geeigneter Betreiber für eine Filiale gefunden werde, betreibe man Filialen vorübergehend mit eigenem Personal. „Solche Interimsfilialen sind für die Kunden und auch für uns keine ideale Lösung“, so Gimber weiter. Sie wären nicht wirtschaftlich und es könnten nicht die Öffnungszeiten wie bei einer von einem Einzelhändler in seinem Geschäft betriebene Filiale geboten werden.

Bundesweit 13.000 Postfilialen – fast alle von Einzelhändlern betrieben

Die Deutsche Post AG betreibt – abgesehen von den Interimsfilialen – schon seit Jahren keine eigenen Filialen mehr. Von den bundesweit rund 13.000 Postfilialen würden etwa 850 von der Postbank, die übrigen überwiegend von Einzelhändlern betrieben. DHL-Paketshops würden wegen des stark wachsenden Onlinehandels zusätzlich zu den Filialen eingerichtet, zu deren Betrieb man verpflichtet sei.

Kommentar: Die Jüngeren wissen es schon gar nicht mehr: Früher gab es in den allermeisten Orten ein Postamt. Früh in den Neunzigern begann die damals noch staatliche Behörde über unrentable Filialen und deren Schließung nachzudenken. Die aus der Deutschen Bundespost hervorgegangene Deutsche Post AG machte da weiter, schloss die Ämter und Filialen. Der Vertrieb von Postdienstleistungen wurde zu Einzelhändlern ausgelagert. Diese Umstellung erzeugte einen Sturm der Entrüstung. Der Untergang des Abendlandes schien in Reichweite zu sein, wenn die Briefmarke statt auf dem Amt beim Schreibwarenhändler am Ort zu kaufen war. Der Sachverhalt war ernst, Bürgermeister landauf, landab setzten sich bei der Post für den Erhalt ihrer Filiale ein.
Das alles ist Geschichte. Mit den Jahren etablierten sich die Einzelhändler mit ihrer „Postecke“. Häufig ist deren Service besser als er auf dem Amt je war. Hinzu kommt eine geänderte Inanspruchnahme postalischer Dienstleistungen. Der Klassiker von einst – der private Brief – führt heute eher ein Nischendasein. Das früher eher seltene Paket ist heute wegen des üppig wachsenden Versandhandels zum Standard mutiert. Und die Menge der Postbankdienstleistungen, die nicht vom Rechner aus erledigt werden können, wird beständig übersichtlicher. Gleichwohl ist es gut, dass Vorgaben die Post dazu zwingen, an Orten mit einer bestimmten Einwohnerzahl präsent zu sein. „Die Post“ wird allen Veränderungen zum Trotz gebraucht. Deshalb ist die Stimmung in Eggenstein gut nachvollziehbar. Dort argwöhnt man, dass per Ende Mai die Poststelle geschlossen wird, ohne dass es eine Nachfolgeregelung gäbe. Indes scheitert es offenkundig nicht am guten Willen der Beteiligten, das Problem zu lösen, sondern am boomenden Immobilienmarkt. Es gibt demnach kein geeignetes Ladenlokal, in das die – etwas reduzierte – Filiale ziehen könnte.
Rund 1 000 in kurzer Zeit gesammelte Unterschriften für den Erhalt der aus Sicht der Bürger unverzichtbaren Poststelle sind fürs erste ein beredter Beleg dafür, dass die Leute ihre „Post“ wollen. Die in Eggenstein weiter zu betreiben, ist nicht nur der Wunsch der Unternehmerin, die die Postfiliale in ihrem Laden führt, sondern auch der Post selbst. Das sollte mittelfristig zu einem guten Ergebnis führen. Eines steht gleichwohl im Raum: Produkte ändern sich, Nachfrage ändert sich – und damit wird auch die Postfiliale heutigen Zuschnitts einem Wandel unterworfen sein.    Matthias Kuld