Erzieherinnen-Mangel: Mit PiA, der praxisintegrierten Ausbildung, soll Abhilfe geschaffen werden. Durchaus gute PiA-Erfahrungen haben kommunale und konfessionelle Kiga- und Kita-Träger in der Hardt gemacht. | Foto: dpa

Überwiegend gute Erfahrungen

Praxisintegrierte Ausbildung: Mit PiA mehr Erzieherinnen?

Ein Jahr Berufskolleg, zwei Jahre Schule, ein Anerkennungsjahr im Kindergarten: Das war der traditionelle Ablauf für eine Ausbildung zur Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher. Bis 2012. Seither gibt es in Baden-Württemberg mit PiA, der praxisintegrierten Ausbildung (drei Jahre Schule und Praxis), eine Alternative. Das Ziel von PiA: In Zeiten eklatanten Fachkräftemangels die Erzieherinnenausbildung attraktiver zu machen und zusätzliche Bewerber zu gewinnen. Welche Erfahrungen haben Kommunen und konfessionelle Träger zwischen Graben-Neudorf und Walzbachtal mit PiA gemacht? Die BNN fragten nach.

Dauerhaft vier PiA-Ausbildungsplätze

Die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen  ist schon 2014 auf den PiA-Zug aufgesprungen. „Wir haben damals im Gemeinderat über PiA-Ausbildungsplätze diskutiert und dann gesagt: Lasst uns doch mal schauen, wie das läuft und wie es sich entwickelt“, erinnert sich Bürgermeister Bernd Stober. „Jetzt sind wir im vierten Jahr – und es sieht gut aus.“  Deshalb wurde auf der jüngsten Ratssitzung beschlossen, über die vier PiA-Ausbildungsplätze künftig nicht mehr jährlich zu entscheiden, sondern diese dauerhaft einzurichten. „Klassisch“ wird aber auch ausgebildet. „Wir haben alles, was es gibt“, sagt Petra Burkart, Leiterin Soziales, „nur kein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ).“ In den fünf kommunalen Kinderbetreuungseinrichtungen gebe es derzeit sicher zehn Praktikantinnen in jeder Stufe sowie zwei Anerkennungspraktikantinnen.

PiA-Azubis verdienen von Anfang an

Der gravierendste Unterschied von PiA gegenüber dem klassischen Weg ist die Bezahlung von Anfang an. Im Klartext: PiA-Azubis sind teurer, im Grunde ist die klassische Ausbildung eine lukrativere Sache für die Träger. Kosten entstehen nur während des einjährigen Berufspraktikums in der Einrichtung. Davor gibt’s für die angehenden Erzieher und Erzieherinnen nichts.

Der Praxisbezug ist ein wesentlicher Vorteil

Natürlich schlage ein PiA-Platz mit etwa 1000 Euro Ausbildungsvergütung im Monat zu Buche, weiß  Bernd Stober. Aber: Der pekuniäre Aspekt ist eine Sache. „Die PiA-Azubis von Anfang an bei uns zu haben, eine andere“, betont Eggenstein-Leopoldshafens Bürgermeister. Das dürfe nicht außer Acht gelassen werden, meint er. PiA sei für den Arbeitgeber zwar teurer, habe aber den Vorteil, „sich schon besser kennenzulernen“ und eine Bindung der Azubis zur Gemeinde aufzubauen. „Der Praxisbezug“, erklärt Stober, „ist ein wesentlicher Vorteil von PiA. Im Laufe der der Ausbildung kann eine Bindung an den Träger gelingen, wenn der sich als attraktiver Arbeitgeber zeigt.“ Dass Azubis nach der Ausbildung geblieben sind, habe diese Intention bestätigt. „Wenn PiA-Leute nur als Lückenfüller gesehen werden, macht das keinen Sinn. Wird PiA aber als ernsthafte Ausbildung betrachtet, dann schon“, sagt Bernd Stober. Und: „Es ist nicht einzusehen, warum es für angehende Erzieher und Erzieherinnen keine Vergütung geben soll“, findet er.

In Pfinztal PiA seit 2012

Ebenfalls vier PiA-Azubis (ausbildungsübergreifend) hat aktuell die Gemeinde Pfinztal, alle in der kommunalen Kindertagesstätte „Rasselbande“ in Berghausen. Begonnen wurde hier mit PiA im Jahr 2012, unmittelbar nachdem dieser Ausbildungszweig im Land kreiert worden ist. „Eine feste Anzahl wurde nicht festgelegt. Entscheidend ist, ob die betrieblichen Abläufe eine Ausbildung zulassen und ob die Anleitung sichergestellt ist“, so Hans-Martin Fribolin von der Gemeindeverwaltung Pfinztal (Finanzen und Personal). „Die Erfahrung die wir gemacht haben, sind durchweg positiv“, fügt er hinzu. Zwar binde die Anleitung der Azubis eher Personal. Weil aber bisher fast alle Ausgebildeten geblieben sind, habe dies „im Nachgang dennoch zu einer Entlastung der Personalsituation geführt“.

Verhältnis dreht sich

In Linkenheim-Hochstetten ist der Diakonieverein Träger von fünf Kindergärten und einer Kinderkrippe. „Wir haben zurzeit zwei PiA-Auszubildende, ab September kommt noch ein neuer PiA-Azubi dazu. Der ist schon etwas älter, weil er davor ein FSJ-Jahr gemacht hat“, verdeutlicht der Geschäftsführer des Diakonievereins, Markus Ritz. Es gebe aber auch noch klassische Ausbildung. Ritz: „Früher war das Verhältnis zwei Drittel klassisch, ein Drittel PiA. Jetzt dreht sich das“, verdeutlicht er.

Der Markt ist leer gefegt. Da hilft PiA schon

Und was ist besser? „Die Praktikerinnen sagen mal so, mal so. Im alten Modell sind die Azubis länger in der Praxis. Bei PiA ist eine neue Wertschätzung durch das Geld da.“ Das, so Markus Ritz, gehe nur, weil die Gemeinde diese Plätze mitfinanziere. Markus Ritz: „Der Markt ist leer gefegt, da hilft PiA schon. Wir versuchen, so viel wie möglich auszubilden und die Leute zu halten. Wir haben das Glück, dass bei uns die Fluktuation nicht so groß ist“, sagt der Geschäftsführer des Diakonievereins Linkenheim-Hochstetten.

Gut, wenn „Rahmenbedingungen passen“

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Karlsruhe-Land Soziale Dienste in Bruchsal betreibt einen Kindergarten und zwei Schülerhorte in Linkenheim-Hochstetten. PiA-Azubis gebe es hier und in der Kita in Bruchsal nicht, in der Kindertagesstätte Wiesenzwerge in Ettlingen habe man zwei, so Abteilungsleiterin Dagmar Rolli. Anfangs habe sie PiA kritisch gesehen, ihre Meinung aber revidiert. Dahingehend, dass PiA dann gut sei, „wenn die Rahmenbedingungen passen“. Nicht jedenfalls, wenn PiA-Plätze Streichungen bei anderen Personalstellen zur Folge hätte.

Ausbildung recht anspruchsvoll

Die Gemeinde Walzbachtal bietet seit 2014 in verschiedenen seiner vier Einrichtungen unter kommunaler Trägerschaft die PiA-Ausbildung an. Mittlerweile wurden auch Azubis in den Personalstamm übernommen. Die Ausbildung sei recht anspruchsvoll und man habe gute Erfahrungen gemacht, war aus dem Rathaus zu erfahren. Derzeit laufen sechs PiA-Ausbildungsverhältnisse, zwei davon im dritten, vier im ersten Ausbildungsjahr. Im September beginnen drei neue PiAs ihre Ausbildung bei der Gemeinde Walzbachtal.

Stadt Stutensee setzt weiter auf PiA

„Wir haben in den vergangenen fünf Jahren sehr gute Erfahrungen bei der PiA-Ausbildung in unseren Kindergärten machen können, auch wenn die Auszubildenden durch die langen Blockzeiten in der Fachschule für Sozialpädagogik in begrenztem Umfang im Kindergarten sind“, so Lukas Lang, Pressesprecher der Stadt Stutensee. „Wir werden auch weiterhin diese Ausbildung unterstützen und versuchen, so dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Fünf (von 14) Einrichtungen sind in Stutensee kommunal. „Derzeit sind zwei PiA-Azubis bei uns beschäftigt“, so Lang – und zum neuen Ausbildungsjahr werden drei PiA-Auszubildende beginnen.

Ein Abbruch in Graben-Neudorf

Die Gemeinde Graben-Neudorf schreibt für ihren kommunalen Kindergarten Sonnenschein seit 2013 jeweils zum September einen PiA-Ausbildungsplatz aus. Bislang gab es zwei erfolgreiche Ausbildungen, einen Abbruch und in einem Jahr wurde kein Azubi gefunden. Die Ausbildung ab 2017 läuft noch, so die Information aus dem Rathaus.

Rückmeldung eher negativ

„Einen Anstieg an Bewerbern konnten ich noch nicht feststellen, da  sich meines Erachtens die vorhandenen Bewerber nunmehr hauptsächlich auf die PiA-Ausbildungsplätze konzentrieren statt auf die klassische Ausbildung. Für die Azubis ist es natürlich von Vorteil, da sie für PiA eine entsprechende Ausbildungsvergütung erhalten“, so Petra Everling vom Personalamt der Gemeinde Graben-Neudorf. Die Rückmeldung, die sie aus dem Kindergarten über die Ausbildungsinhalte erreiche,  sei eher negativ. Auch werde die zeitliche Verfügbarkeit der Auszubildenden ( 2 Tage pro Woche in der Einrichtung/3 Tage in der Schule) als negativ empfunden.

Ab und zu auch Mal ein Mann dabei

In den Zuständigkeitsbereich der Verrechnungsstelle für katholische Kirchengemeinden Bruchsal (in der Erzdiözese Freiburg) fallen 63 Kigas, unter anderem  in Weingarten, Stutensee, Dettenheim, Neudorf. „Wir haben derzeit insgesamt 82 Azubis, darunter 56 PiAs“, verdeutlicht Thomas Barth, Leiter der Verrechnungsstelle. Neun PiA-Plätze entfallen demnach auf Kitas unter anderem in Weingarten (zwei), Friedrichstal oder Spöck. PiA, ein Erfolgsmodell mit Zukunft?  „Wir erreichen damit jedenfalls auch eine andere Klientel. PiA ist verlockend, da es eine Ausbildungsvergütung gibt. Aber in Zeiten, in denen man um jeden Bewerber froh sein muss, freuen wir uns natürlich über die gestiegene Resonanz“, sagt er.  Auffällig sei, dass es mehr ältere Bewerber gibt, dass sich mehr Abiturientinnen für die Ausbildung zum Erzieherberuf interessieren – und dass ab und zu auch Mal ein Mann dabei ist. „In bescheidenem Maße“ zwar, so Barth,  aber immerhin.

Hintergrund: In Baden-Württemberg gibt es zwei Ausbildungswege zum Erzieherberuf: Neben der klassischen Ausbildung (ein Jahr Berufskolleg, zwei Jahre Schule, ein – bezahltes – Anerkennungsjahr) seit dem Schuljahr 2012/2013 die praxisintegrierte Ausbildung (drei Jahre Schule und Praxis), kurz PiA.– PiA wurde von der Landesregierung als bis dahin bundesweit einzigartiges Modell ins Leben gerufen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. (Mittlerweile haben auch etliche anderen Bundesländer PiA-Angebote.) – Ziel war, zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen und gleichzeitig neue Zielgruppen (Männer, Quereinsteiger, die bereits eine andere Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben), für die dreijährige PiA-Erzieherausbildung zu gewinnen. Anders als bei der klassischen Ausbildung gibt es bei PiA von Anfang an Geld: Der Träger bezahlt in Baden-Württemberg etwa 800 bis knapp über 1 000 Euro monatlich je nach Ausbildungsjahr in Anlehnung an die Ausbildungsvergütung Verwaltungsfachangestellter.  – Bei PiA erfolgen die Praxisausbildung und die schulische parallel, zwei bis drei Tage sind die Azubis in der Schule, den Rest der Woche in der Kita. Es besteht aber auch die Möglichkeit, die Zeiten jeweils zu „verblocken“. Für PiA-Azubis gibt es in der Regel 30 Tage Urlaub im Jahr.  Alle Abschlüsse, die zur Aufnahme in die dreijährige Fachschule für Sozialpädagogik (FSP) berechtigen, ermöglichen auch den Zugang zu PiA. Darüber hinaus gibt es aber weitere Zugangswege – vor allem für Interessenten mit abgeschlossener Berufsausbildung anderer Bereiche. Liegt keine berufliche Vorerfahrung vor, wird ein Praktikum in einer sozialpädagogischen Einrichtung verlangt.