Stammtisch einst: „Da sitzen die, die da immer sitzen“ steht auf einem Platz. Das Problem: Junge Leute schätzen den Stammtisch längst nicht mehr als Ort, an dem politisiert wird und das Tagesgeschehen gemeinsam beleuchtet wird. Parteien suchen nach neuen Möglichkeiten zum Bürgerdialog. | Foto: Frank Leonhardt/dpa

„Im Gespräch mit…“

Gemeinderat aus Weingarten etabliert Online-Talk zur regionalen Corona-Politik

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Nicolas Zippelius ist CDU-Gemeinderat aus Weingarten und Mitglied der Jungen Liste im Kreistag. Er ist Initiator und Moderator des Digital-Formats „Im Gespräch mit …“. Mit unserem Redaktionsmitglied Patric Kastner redet er über das Format und darüber, ob der traditionelle Stammtisch bald ausgedient hat.

„Im Gespräch mit …“ – wie kamen Sie auf die Idee, dieses Format zu entwickeln?

Zippelius: Durch die Corona-Pandemie kamen viele Fragen auf. Man konnte die Situation am Anfang nicht richtig einschätzen. Mir ist in vielen Gesprächen durch meine politische Arbeit aufgefallen, dass sich für viele die gleichen Fragen stellen. Und dann entstand die Idee, ein Format für unseren Landkreis zu gründen, diese Fragen, die im Zuge der Corona-Pandemie aufgeworfen wurden, von Experten beantworten zu lassen, die sich in ihrem Feld auskennen.

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Über welches Programm kann man sich zuschalten?

Die Bundes-CDU hat ein Programm zur Verfügung gestellt, mit dem man sich einwählen kann. Darüber habe ich Zugriff und kann einladen – man bekommt dann einen Link per Mail zugeschickt. Man kann sich telefonisch zuschalten, an dem Gespräch per Webcam teilnehmen oder die Fragen in den Chat schreiben.

Sind Sie im Gespräch oder sind die Gäste auch durch Fragen eingebunden?

Nicolas Zippelius | Foto: pr

Ich moderiere das Format und die Gäste haben alle die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Nach einer kurzen Begrüßung, dem organisatorischen Teil und einer kurzen Einführung durch den Experten, geht schon die offene Diskussion los. Das ist das Wichtigste an dem Format, Fragen stellen zu können. Es werden viele gestellt, auch kritische.

Beispielsweise?

Beispielsweise im Gespräch mit dem Leiter des Gesundheitsamtes Peter Friebel, ob der Start der Fußball-Bundesliga notwendig ist. Es hat sich daraufhin aber eine konstruktive Diskussion entwickelt.

Zur Person: Der CDU-Gemeinderat aus Weingarten ist 32 Jahre alt. Beruflich ist er im Stadtmarketing und in der Smart-City-Technologie tätig. Daher hat er auch viel mit digitalen Inhalten zu tun.

Wie lange hat die Entwicklung des Formats gebraucht?

Das Format ist noch relativ jung. Im Lauf des Aprils kam die Idee durch erste Gespräche und dann wollten wir es zeitig umsetzen. Allerdings brauchte es Vorlaufzeit. Am 13. Mai war der Start mit dem Gespräch mit dem Katastrophenschutz-Experten Andreas Kling.

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Stichwort Bürgerdialog: Braucht es moderne Formate, um ein junges Publikum anzuziehen?

Ich glaube, das Format trägt seinen Teil dazu bei, junge Menschen zu erreichen. Wir haben aus der Not der Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Leben eine Tugend gemacht. Das gibt einerseits die Möglichkeit in diesen Bereichen weiter zu arbeiten und eine öffentliche Diskussion in Gang zu bringen. Andererseits ermöglichen digitale Formate auch ein hohes Maß an Flexibilität. Das kann helfen, junge Menschen dafür zu gewinnen, aber auch gesamtgesellschaftlich einen Beitrag zu leisten. Die Altersstruktur im Format ist relativ breit.

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Grüne oder Liberale scheinen in puncto digitale Formate sich immer etwas Neues auszudenken. Hat man sich da bei der politischen Konkurrenz etwas abgeschaut?

Für mich und die Jüngeren in der CDU war das nichts sonderlich Neues. Wir haben da auch keine Berührungsängste. Es ist weniger ein CDU-Gespräch, mehr ein öffentliches Gespräch und das ist das Wichtige.

Hat der traditionelle Stammtisch, wie ihn viele noch kennen, also bald ausgedient?

Er hat noch nicht ausgedient. Das Digitale ergänzt ihn – und das ist auch gut. Die Notwendigkeit hat die Berührungsängste für diese digitalen Formate genommen, weil es eine Zeit lang die einzige Möglichkeit war, zu kommunizieren. Der Name Stammtisch hat schon etwas Angestaubtes. Die heutigen Angebote verschwimmen ein wenig – es wird auch über Privates geredet und nicht nur über Politisches. Das Ganze wird mehr zu einem Freizeitangebot.

Apropos angestaubt. Das wird der CDU in digitalen Dingen auch nachgesagt. Auch bei der Handhabung des Rezo-Videos. Ist das Format ein Ansatz, dieses Klischee abzustreifen?

Absolut. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, das Bild, das in den Köpfen vorhanden ist, ein wenig anders darzustellen. Es geschieht innerhalb der Partei in puncto Digitalisierung sehr viel. Im Landkreis Karlsruhe hat der Kreisvorsitzende Daniel Caspary vor einiger Zeit das Projekt „Aufbruch 2021“ ins Leben gerufen, in dem Themen wie moderne Parteiarbeit aufgearbeitet werden. Durch das Rezo-Video hat der ein oder andere die Notwendigkeit gesehen, dass da mehr passieren muss. Ich kann aber sagen, dass da schon mehr passiert ist.

Oft ist von „Die da oben“ die Rede. Wo sehen sie die Probleme beim Bürgerdialog?

Für mich persönlich ist der Bürgerdialog nicht schwieriger geworden. Das Format soll ja den Dialog ermöglichen. Wir laden grundsätzlich öffentlich ein – nach Voranmeldung kann jeder teilnehmen. Das Vermittelnde ist mir wichtig. Wir können das Gefühl nehmen, dass eine politische Entscheidung im Zuge der Covid-19-Pandemie, nicht nachvollziehbar sei. Die Experten können im Gespräch die Entscheidung nachvollziehbar erklären.

Werden auch nach Corona Themen aufkommen?

Das kommt zwangsläufig – das soll auch so sein und es kommt schon jetzt in den Diskussionen vor. Das Themenspektrum soll immer so gestaltet sein, dass es auf die Städte und Gemeinden im Landkreis passt. Es sollen die kommunal-politischen Themen widergespielt werden.

Der nächste Gast: Die nächste Ausgabe „Im Gespräch mit …“. findet am Mittwoch, 17. Juni, statt. Nicolas Zippelius unterhält sich ab 19 Uhr mit Landrat Christoph Schnaudigel. Eine Anmeldung ist unter cduweingarten@t-online.de möglich.