Sorgen für Aufsehen in der Region: Die Raupen der Gespinstmotte überziehen Sträucher mit Netzen und fressen schon mal ganze Büsche kahl. | Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Rätselhafte Verpackungskunst

„Gespenstisch“ aber harmlos: Raupen der Gespinstmotte hüllen Sträucher ein

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Gespenstisch, für zart besaitete einfach nur eklig, stehen sie jetzt wieder vielerorts an Straßen, entlang von Fuß- und Radwegen, in der Nähe von Bus- und Stadtbahnhaltestellen: Von weißen Schleiern eingesponnene, kahle Sträucher oder kleine Bäume. Soviel schon mal vorneweg: Verantwortlich dafür ist nicht der gefürchtete Eichenprozessionsspinner, dessen Härchen allergische Reaktionen auslösen. Vielmehr sind die Raupen der Gespinstmotte die „Übeltäter“.

Gespinstmotten sind harmlos

Gespinstmotten, die rätselhaften – aber harmlosen – Verpackungskünstler gibt es im Kraichgau, in der Rheinebene, im Karlsruher Schlossgarten,  überall in der Region, und darüber hinaus. Sie fressen die Blätter befallener Pflanzen vollständig ab und überziehen Stämme, Äste, Zweige, einfach alles, mit einem Netz von Gespinstfäden, unter dem sie bis zu ihrer Verpuppung (meist Mitte bis Ende Juni am Baum- oder Strauchfuß), gesellig leben.

Netz schützt vor Fressfeinden

Vor allem an den ursprünglich aus Nordamerika stammenden und im Hardtwald weit verbreiteten Traubenkirschen kommt es immer wieder zu einem starken Gespinstmotten-Befall. Aber auch Pfaffenhütchen, Weißdorn, Pappeln, Weiden und Obstbäume (Apfel, Pflaume) sind oft betroffen. Die seidigen, anfangs silbrig glänzenden, später schmutzig grauen Schleier spinnen die nur etwa drei Zentimeter langen, gelblich-grünen bis bräunlichen Raupen, um sich vor Fressfeinden oder Regen zu schützen.

 

Gespinstmotten-Raupen haben Punkte – aber keine Haare

Ihre Körper haben – ganz wichtig – keine Brennhaare und lassen sich in zehn Segmente unterteilen, auf deren Seiten jeweils ein schwarzer Punkt zu erkennen ist. Auch der Kopf der Raupen ist schwarz, auf ihrem Rücken zeichnen sich bei Lichteinfall durch den leicht durchsichtigen Körper die Innereien als braune Linie ab. Die daraus werdenden, etwa einen Zentimeter großen Falter, haben weißgraue Flügel, auf denen sich schwarze Pünktchen befinden.

 

„Begegnungen der unheimlichen Art“

Nach „Begegnungen der unheimlichen Art“ wird auf Facebook über deren Verursacher spekuliert. In Eggenstein-Leopoldshafen haben sich schon einige besorgte Bürger bei Förster Friedhelm Booms gemeldet, nachdem sie dichte Gespinste beobachtet hatten. Zum Beispiel entlang des Pfinzentlastungskanals beim Bürgerpark, an den Waldrändern oder bei Spielplätzen. „Jetzt ist die Zeit der ungefährlichen Gespinstmotten“, sagt Booms. „Sie spinnen Sträucher mehr oder weniger mit ihren Netzen ein und fressen sie kahl. In den nächsten Wochen werden sich die Raupen dann verpuppen.

Pflanzen erholen sich

Die Gespinste bleiben zwar zurück, aber die Pflanzen treiben wieder aus“, verdeutlicht der Leiter des Forstreviers Rheinaue, zu dem auch Linkenheim-Hochstetten gehört, und fügt hinzu: „Die Entwicklung ist schon ziemlich weit. Die Gespinste sind grau und voller Kot, die Raupen zum Teil nicht mehr zu sehen.“

Besorgte Anrufer

Pendlern sind „eingesponnene“ Sträucher an Radwegen zwischen Walzbachtal und Stutensee oder bei Weingarten aufgefallen. Gerda Erkert von der Stabsstelle Umwelt im Rathaus Stutensee berichtet von Anrufern, die wissen wollten, was das ist: „Die Leute sind besorgt, wenn sie mit dem Fahrrad daran vorbei fahren.“ Andere wollten Eichenprozessionsspinner melden, verdeutlicht Erkert. „Als sie dann beschrieben haben, wie die befallenen Sträucher aussehen, konnte dieser Verdacht entkräftet werden.“ Doch immer wieder mal löst die harmlose Raupe der Motte in Deutschland sogar einen größeren Feuerwehreinsatz aus – weil sie mit der des Eichenprozessionsspinners, die ganz und gar nicht ohne ist, verwechselt wird.

Unterschiede Gespinstmotte – Eichenprozessionsspinner

Aber es gibt signifikante Unterscheidungsmerkmale. „Eichenprozessionsspinner befallen Bäume, keine Sträucher. Hauptsächlich, wie es der Name schon sagt, Eichen“, erklärt Friedhelm Booms: „Sie leben in Gruppen und wandern im Tagesverlauf vom schützenden Gespinstsack, der am Stamm hängt, bei großen Bäumen aber kaum gesehen werden kann, weil er zu weit oben ist, als Prozession in die Krone und zurück.“

Vor allem aber: Die hellgrün bis gelben Raupen mit einem dunklen Streifen aus rotbraunen Warzen auf dem Rücken haben, im Gegensatz zur Gespinstmotte, weiße Härchen am Körper – und die sind für den Menschen gesundheitsgefährdend. Sie enthalten nämlich das Nesselgift Thaumetopoein und können, wie kürzlich an zwei Schulen in Bretten (die BNN berichteten) passiert, bei Kontakt heftige allergische Reaktionen (Hautreizungen, Atemnot) auslösen. Im schlimmsten Fall kann der Kontakt sogar tödlich enden.

„Gegen Gespinstmotten wird nichts unternommen, Eichenprozessionsspinner werden von den Kommunen bekämpft“, so Förster Booms. Das Problem ist: „Die Härchen der Raupe brechen schnell ab und können über die Luft transportiert werden. Außerdem sind sie mit Widerhaken versehen und können sich so an der Haut festsetzen. „Und“, so Booms, „die Haare bleiben auch wenn sich die Raupen Ende Juni zu Schmetterlingen entwickeln, an alten Nestern zurück“, deshalb sollte man in der Nähe von Eichen vorsichtig sein. Die Haare der Eichenprozessionsspinnerraupen sind übrigens auch für Haustiere gefährlich.

Raupen überwintern unter Knospenschuppen

Zurück zur harmlosen Gespinstmotte: Die Falter fliegen zwischen Juni und August. Nach der Paarung, die nur wenige Tage nach dem Schlüpfen erfolgt, legen die Weibchen ihre Eier an die Winterknospen ihrer Wirtspflanzen ab. Die jungen Raupen überwintern unter den Knospenschuppen, mit deren Austreiben im Frühling werden sie aktiv. Sie fressen wieder und spinnen sich ein. Das „gespenstische“ Spiel beginnt von Neuem…