Irgendwo in Afrika: Wer wild campiert, muss mit wilden Tieren rechnen. Bevor der Unicat-Eigner den neugierigen Besucher fotografierte, warf er noch schnell die Aufbautür zu, um dem Elefanten den Weg zur Obstschale drinnen auf dem Tisch zu versperren.
Irgendwo in Afrika: Wer wild campiert, muss mit wilden Tieren rechnen. Bevor der Unicat-Eigner den neugierigen Besucher fotografierte, warf er noch schnell die Aufbautür zu, um dem Elefanten den Weg zur Obstschale drinnen auf dem Tisch zu versperren. | Foto: Waas

Transport nach Kapstadt

Goldene Wasserhähne: Firma Unicat aus Dettenheim baut Expeditionsfahrzeuge der Spitzenklasse

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Für ihr neues Haus musste Franca erst mal den Führerschein machen. Denn der 13-Quadratmeter-Bungalow, für den sie die Villa in Mailand verkauft hat, ist ein mächtiger Lkw, zehn Meter lang und fast 13 Tonnen schwer. Stolz führt die Italienerin durchs rollende Heim, das sie mit Ehemann Davide und drei Hunden bewohnt: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad – „und mein Garten“, sie deutet strahlend auf eines der Fenster, „ist die ganze Welt da draußen“.

Da draußen liegt im Moment bloß ein nordbadischer Acker. Aber mit dem außergewöhnlichen Mobil, das Franca und Davide sich hier in Dettenheim nördlich von Karlsruhe haben bauen lassen, steht ihnen tatsächlich die ganze Welt offen. Mit Allradantrieb, Reduktionsgetriebe und drei sperrbaren Differenzialen wühlt sich der MAN durch Sand, Schlamm und Schnee, bezwingt steile Geröllhänge und tief ausgefahrene Dschungelpisten.

Das allein wäre noch nichts Besonderes, weil sich im Fuhrpark manches Tiefbauunternehmens ähnlich große Offroad-Kompetenz findet. Aber der Aufbau und die Bordtechnik, die die Spezialisten der Firma Unicat ihren Kunden maßschneidern, sind in Art und Güte meilenweit entfernt von Standards der Caravanindustrie. Unter Kennern rund um den Globus haben die Expeditionsmobile aus der gut 30 Jahre alten Manufaktur einen Ruf wie Donnerhall.

Wohnkabine bleibt stets in der Senkrechten

Das beginnt bei der Bodengruppe, deren Dreipunktlager verhindert, dass Verwindungen des Fahrgestells sich in den Aufbau übertragen und dort zu Rissen führen. So bleibt die Wohnkabine stets in der Senkrechten, selbst wenn das Mobil in Schräglage einen Abhang quert. Eine starre Verbindung zwischen Fahrerhaus und Kabine würde dabei brechen, deshalb ist der Durchstieg ein Faltenbalg, wie man ihn aus Gelenkbussen kennt.

Selbstredend wurden auch alle Kabel und Leitungen vom und zum Wohnabteil so verlegt, dass sie jedwede Verschränkung schadlos überstehen. Für Stabilität sowie für Schutz vor Hitze und Kälte sorgen Wände, die doppelt so stark sind wie bei handelsüblichen Wohnmobilen, Fenster bestehen aus Sicherheitsglas statt aus Kunststoff. Deren Dichtungen müssen extremen Temperaturen trotzen, Saharastaub ebenso abhalten wie Monsunregen.

Dettenheimer bauen Fensterdichtungen selbst

Weil kein Zulieferer Ware entsprechender Qualität im Programm hatte, konstruierten die Dettenheimer Experten ihre Fensterdichtungen eben selbst. Diverse weitere Bauteile sind ebenfalls Eigenentwicklungen, zum Beispiel Schlösser und Riegel für Schränke, Auszüge, Fenster und Türen.

Kunde Thomas Waas, Physiker und Software-Unternehmer, erzählt nach Jahren immer noch begeistert von seinem ersten Besuch: „Als ich sah, wie der Elektriker voller Hingabe einen neuen Kabelbaum flocht, so präzise, so perfekt; also viel Arbeit in ein Bauteil steckt, das hinterher keiner mehr sieht, da war mir klar: Es wird ein Auto dieser Firma.“

Wirtschaftliche Schwierigkeiten – Kunde übernimmt

Kurz darauf gerieten die Perfektionisten allerdings in wirtschaftliche Schwierigkeiten, Waas’ halbfertiges „Auto“ landete in der Insolvenzmasse. Kurzerhand übernahm der Selfmade-Millionär 2006 die Firma, ist bis heute Haupteigentümer und tourt trotzdem viele Monate im Jahr mit seinem Expeditionsmobil durch die Welt. Er nennt sich selbst „unseren härtesten Tester“ und tüftelt unterwegs an technischen Verbesserungen, die dann in folgende Fahrzeuggenerationen einfließen.

Firma baut höchstens zehn Fahrzeuge pro Jahr

Als Franca und Davide nach ein paar Urlaubsreisen im Jeep mit Dachzelt beschlossen, sich mit Mitte 40 zur Ruhe zu setzen und dauerhaft auf Weltreise zu gehen, hatten sie die badische Firma noch nicht auf der Rechnung. Wohl aber war ihnen die Messe „Abenteuer & Allrad“ im unterfränkischen Bad Kissingen ein Begriff, die größte Offroad-Schau der Welt. Nach langen Messetagen stand ihre Entscheidung fest: Ein Unicat sollte es werden – und das würde dauern.

Obwohl die 35-Mann-Firma pro Jahr höchstens zehn Fahrzeuge fertigt, beträgt die Lieferzeit mindestens ein Jahr. Denn ähnlich wie beim Hausbau, wo der Architekt eine Weile damit beschäftigt ist, Wunschvorstellungen der Kundschaft in einen endgültigen Bauplan zu verwandeln, diskutieren die Unicat-Leute ihre Entwürfe ein ums andere Mal mit den Auftraggebern.

Wobei im Unterschied zu gewöhnlichen Immobilien weder Bauordnungsamt noch Kreditsachbearbeiter so einem Fahrzeugprojekt Grenzen setzen: Wenn der Wohnbereich auf dem Zeichenbrett wächst, zusätzliche Ausstattung das Gesamtgewicht in die Höhe treibt, dann kommt eben eine weitere Achse drunter: 6×6-Antrieb statt 4×4. Aber dann bitte auch einen stärkeren Motor. Und sicherheitshalber größere Dieseltanks.

 

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Riesige Tanks, viel Stauraum und Solarpaneele

So umfangreich fielen die Wünsche von Franca und Davide nicht aus. Aber auch sie legten Wert auf eine Ausrüstung, die ihnen Reisen in Regionen ohne Campingplätze, Supermärkte und Tankstellen erlaubt. Riesige Wasser- und Treibstofftanks, viel Stauraum für Vorräte, Solarpaneele auf dem Dach und ein Generator im Untergeschoss sowie leistungsstarke Heiz- und Klimaanlagen garantieren Unabhängigkeit und ermöglichen der Besatzung selbst in unwirtlichen Gegenden ein komfortables Leben. Selbstredend ist eine voll ausgestattete Küche an Bord, sogar eine Waschmaschine.

Am Heck, wo gewöhnliche Wohnmobilisten einen Fahrradträger montieren, führen die Italiener auf einer massiven Plattform mit 800 Kilogramm Tragkraft ein Quad mit. Es dient ihnen als Einkaufswägelchen für den Abstecher in enge Altstadtgassen, als Spaßmobil für den Ritt durch die Dünen und in unbekanntem Terrain auch als Pfadfindergefährt: „In Europa stehen ja überall Warnschilder, wenn irgendwo die Durchfahrtshöhe beschränkt ist oder die Tragkraft einer Brücke“, sagt Davide, „aber in Afrika weißt du nie, was dich hinter der nächsten Kurve erwartet.“

Kaufpreis von über einer Million Euro

Auf ihrer ersten Tour im neuen Mobil hatten sie sich auf die vage mündliche Auskunft einiger Dörfler verlassen, wonach die Straße durchs marokkanische Hochgebirge für ihren Laster geeignet sei. Doch die Schotterpiste wurde immer schmaler und schlechter, rechts die Felswand, links der Abgrund, unter den Rädern Schneematsch, weit und breit keinerlei Möglichkeit, eventuellem Gegenverkehr auszuweichen. In den zähen Stunden, bis sie endlich über den Berg waren, schworen sie einander heilige Eide, künftig öfter mit dem vierrädrigen Beiboot auf Erkundungsfahrt zu gehen.

Eigens für das Quad (und den Stromgenerator) ist ein 100-Liter-Benzintank an Bord. Ein Vielfaches an Treibstoff führt das Gespann mit, dass der Eigner eines zentralasiatischen Motorradrennstalls gerade in Dettenheim bauen ließ. Hinter dem zehn Meter langen Wohnlaster hängt ein sieben Meter langer Anhänger, darin untergebracht vier Schlafplätze für Rallyefahrer und Mechaniker, dazu Bad und Küche sowie eine voll ausgestattete Motorradwerkstatt – und über 500 Liter Benzin für die Zweiräder. Das zulässige Gesamtgewicht des 18-Meter-Zugs liegt bei mehr als 40 Tonnen, der Kaufpreis beträgt weit über eine Million Euro.

Goldene Wasserhähne oder ausfahrbares Obergeschoss

Siebenstellige Kaufpreise kommen auch schon mal zusammen, wenn ein chinesischer Milliardär in seinem Unicat-Mobil goldene Wasserhähne und weiteren landestypischen Prunk braucht. Oder wenn dem Kunden während der Bauzeit immer neue Sonderwünsche einfallen, die grundlegende Konstruktionsänderungen verursachen.

Einem britischen Auftraggeber zum Beispiel erschien die geplante anderthalbstöckige Wohnkabine plötzlich doch etwas beengt. Das elektrisch in die Höhe fahrende Obergeschoss mit dem Schlafgemach soll nun lieber volle Stehhöhe bekommen. Und hintendran einen ausklappbaren Balkon – ist doch nett für den Sundowner und den Early Morning Tea.

Die rund 5. 000 Arbeitsstunden, die Unicat-Geschäftsführer Bernhard Söllner für Konstruktion und Fertigung eines durchschnittlichen Mobils veranschlagt, dürften in diesem Fall weit überschritten werden, der ursprünglich anvisierte Auslieferungstermin sowieso. „Aber das ist dem Mann die Sache wert, der hat halt Spaß am Planen und Entwerfen“, sagt Söllner schmunzelnd.

Solch zeitraubende Umplanungen seien manchmal ein unbewusst oder absichtlich errichtetes Reisehindernis, glaubt Klaus Därr. Der Bayer ist einer der Pioniere der Offroad-Szene, hat sich schon vor einem halben Jahrhundert in klapprigen Studentenautos in die Sahara gewagt, später mit Expeditionsausrüstung gehandelt und Offroad-Expeditionen veranstaltet, einschlägige Ratgeber verfasst, mit Frau und Kindern die meisten Länder der Erde durchquert – und einst nebenbei den Unicat-Gründer beraten.

Dettenheimer Aufbauten sind quasi unzerstörbar

Auf seine alten Tage legte sich Därr selbst ein Mobil aus Dettenheim zu, erzählt aber mit spöttischem Unterton von anderen älteren Herren, die nach erfolg- und ertragreichem Arbeitsleben ein Vermögen ins ultimative Fernreisemobil investieren – und dann höchstens bis nach Griechenland fahren, weil die Gattin sich querstellt oder weil der Globetrotter in spe Angst vor der eigenen Courage bekommt. „Mal steht dann die politische Lage der geplanten Reiseroute im Weg, mal tatsächliche oder vorgeschobene Krankheiten, mal die Enkelkinder, denen man nahe sein will.“

Solche Fälle gebe es, bestätigt Söllner, der mit den meisten Kunden auch lange nach Auslieferung in Kontakt bleibt. Im Tagesgeschäft hat er allerdings vor allem mit jenen zu tun, die ihre Fahrzeuge artgerecht bewegen und dabei gelegentlich Unterstützung aus dem Badischen brauchen. Geht es um Ersatzteilversorgung oder Pannenhilfe, jettet bei Bedarf ein Mechaniker ans Ende der Welt.

Daneben unterhält die Firma mehrere Service-Stützpunkte, zum Beispiel in Peking und Dubai. Wobei, auf diese Feststellung legt der Firmenchef Wert, Pannen selten vorkämen: Schon die Lkw-Technik sei schließlich für eine Laufleistung von bis zu einer Million Kilometer ausgelegt – und der Dettenheimer Aufbau quasi unzerstörbar. Der Unicat-Pilot jedenfalls, unter dessen Mobil eine Brücke im Amazonasdschungel zusammenbrach, musste nach dem tiefen Sturz in den Fluss nur das Fahrgestell reparieren lassen.

Organisation des Transports nach Kapstadt oder Kuala Lumpur

Häufiger sind Söllners Leute unterwegs, um Kunden Arbeit abzunehmen: Wer beispielsweise nach einer Südamerika-Durchquerung lieber direkt in die Heimat startet, als mit Reedereien, Zöllnern und Versicherungen zu verhandeln, beauftragt Unicat, sich in Rio oder Valparaiso um die Verschiffung des Mobils zu kümmern, es Wochen später in Kapstadt oder Kuala Lumpur wieder vom Frachter zu holen und für die nächste Tour bereitzustellen – vollgetankt, mit geladenen Batterien und gefülltem Kühlschrank.

Solche Dienstleistung ist nicht billig, aber den meisten Unicat-Eignern mangelt es halt eher an Zeit als an Geld. Mancher parkt seinen Wohnlaster gar dauerhaft auf dem Dettenheimer Werksgelände und bestellt ihn sich nur für ein paar Wochen im Jahr an den jeweiligen Urlaubsort – selbst wenn der auf einem anderen Kontinent liegt.

Weltenbummler nutzen Firmenanschrift in Dettenheim als Briefkasten

Am anderen Ende des Kundenspektrums stehen diejenigen, die in Europa alle Zelte abbrechen und dauerhaft ins Expeditionsmobil ziehen. Bei Bedarf können solche Weltenbummler die Firmenanschrift als Nachsendeadresse nutzen. Papierpost wird dann im Unicat-Büro eingescannt und dem Empfänger per E-Mail hinterhergeschickt – damit sich nicht etwa ein unbezahlter Strafzettel in den Jahren bis zum nächsten Heimaturlaub zu einem Haftbefehl auswächst.

Auch Franca und Davide nutzen den Unicat-Briefkasten, dabei steuern sie mit ihrem rollenden Zuhause häufig das heimische Italien an. Überhaupt sind sie seit fünf Jahren fast ausschließlich in Europa unterwegs, „am besten nicht zu weit weg vom nächsten Flughafen“.

Von der ursprünglich geplanten Umrundung des Erdballs halten nicht etwa Enkelkinder sie ab, im Gegenteil: Sie sorgen sich um ihre alten Eltern, die immer gebrechlicher werden. Da muss die ganze weite Welt eben noch warten.