Der Meisterbrief gilt wieder für zwölf Berufe, darunter Fliesen- und Estrichleger. Die Handwerkskammer Karlsruhe begrüßt die Entscheidung. | Foto: Markus Scholz/dpa

Meisterpflicht

Handwerksbetriebe im Landkreis Karlsruhe erfreut

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Es hatte das Handwerk attraktiver machen sollen, als 2004 die Meisterpflicht von der damaligen rot-grünen Bundesregierung in Teilen abgeschafft wurde. Knapp 20 Jahre später heißt es wieder retour – zumindest für zwölf Berufe. Das Gesetz hat der Bundestag Anfang Oktober durchgewunken, die Änderung soll ab 1. Januar greifen. Die Handwerksbetriebe im Landkreis sind erfreut – wenn es die Berufe noch gibt.

Eine Anekdote erzählt ein Gebäudereiniger, ein Meister seines Fachs. Vor Jahren hatte er einen lukrativen Auftrag an preiswerte Konkurrenz ohne Meisterbrief verloren, die Reinigung eines Firmenhochhauses. Er bekam den Auftrag wieder: Sein preiswerter Mitbewerber hatte den Marmorboden des Eingangs mit Essigreiniger geputzt. Interessant, dass der Gebäudereiniger weiter ohne Meisterpflicht auskommen soll. Dafür kommt der Meister wieder für praktisch ausgestorbene Berufe wie den Böttcher, den Orgel- und Harmoniumbauer und Holzspielzeugmacher. Allesamt nicht in der Region zu finden.

„Meisterqualifikation sichert die Qualität“

Im Landkreis gibt es dagegen Fliesenleger, Estrichleger und sogar einen Schilder- und Lichtreklamehersteller. Von all diesen wird künftig wieder eine Meisterqualifikation verlangt.
„Wir begrüßen, dass die Bundesregierung die Meisterpflicht in zwölf Handwerken wieder einführen will“, teilt Alexander Fenzl von der Handwerkskammer Karlsruhe mit. „Meisterbetriebe sind eindeutig bestandsfester – gerade für Verbraucher, die Leistungen beispielsweise im Ausbauhandwerk vergeben, ein wichtiger Aspekt. Die Meisterqualifikation sichert die Qualität und die Inhalte eines Berufes – ohne die dahinter stehende Ausbildung geht dieses Know-how sukzessive verloren.“

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„Markt ziemlich verdorben“

Zur Entscheidung der Politik findet Steffen Merkle, Chef von Merkle Werbetechnik in Ubstadt-Weiher, ebenfalls nur allerhöchstes Lob. „Hervorragend“, sagt er, „grandios“. Deutschland sei eines der wenigen Länder, die ein Handwerkssystem haben. Das sei sehr geschwächt worden, so Merkle, der selbst 1999 den Meister gemacht hatte.

Sein Betrieb mit über 15 Mitarbeitern fällt in die Sparte „Schilder- und Lichtreklamehersteller“. Seit dem Wegfall der Meisterpflicht habe er es zuerst mit „extrem viel unqualifizierter Konkurrenz zu tun gehabt“, so Merkle. Die habe sich zwar nicht lange gehalten – aber der Markt sei ziemlich verdorben worden.

Qualifikation wichtig für Führungspersönlichkeiten

Einen weiteren Aspekt nennt Daniela Wolf, Mitarbeiterin bei Merkle. Der Meister sei wichtig, „ob es für die Qualität der Arbeit ist oder auch für die Ausbildung“, so Wolf. Bei der Ausbildung zum Meister lerne man auch Menschenführung, gibt sie zu bedenken. Ihren eigenen Meister machte sie 2005 – als es gar keine Pflicht dafür gab. Folgerichtig sagt sie auch: „Es sollte wieder auf alle Berufe eingeführt werden.“

Ausbildungssystem Vorbild für andere Länder

In der Sache übereinstimmend äußert sich ein Rollladenbauer aus Eggenstein, der nicht namentlich genannt werden will. „Ich finde es grundsätzlich richtig, dass man einen Meister braucht“, sagt er und fügt an: „Die anderen europäischen Länder sollen sich ruhig einmal an uns ein Beispiel nehmen.“ 1990 habe er den Meister gemacht.

In den 19 Jahren, in der es in seinem Metier keine Meisterpflicht gab, sei die Qualität den Bach hinunter gegangen. Nicht nur durch die Arbeit seiner Mitbewerber, auch die Zulieferbetriebe hätten nachgelassen. Inzwischen baue er selbst beispielsweise Verankerungen, die dann wenigstens den nächsten Sturm aushalten.

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Einer würde sogar den Meister „nachmachen“

„Ich habe keinen Meister“, sagt Andreas Guder aus Graben-Neudorf, seines Zeichens Chef eines Estrichleger-Betriebs. Die Wiedereinführung der Meisterpflicht begrüßt er. 2002 hatte er den Meister machen wollen, konnte den letzten Schritt der Ausbildung aber damals nicht finanzieren. Stattdessen hatte er bald darauf in seinem Betrieb einen angestellten Meister. Heute beschäftigt Guder zehn Mitarbeiter, hat sein Unternehmen klar ausgerichtet und kann nicht über Auftragsmangel klagen. Den Meister „nachzumachen“ könne er sich zwar sehr gut vorstellen, andererseits gebe es Bestandsschutz.

„Ob es zu spät kommt, kann ich nicht sagen“, sagt er. Der Wegfall der Meisterpflicht habe gerade im Baugewerbe zum Preisverfall beigetragen, den man jetzt korrigieren müsse. Man sei aber auch selbst schuld im Handwerk: „Wir arbeiten auch samstags ganz selbstverständlich. In der Industrie würde niemand auf den Gedanken kommen, einen Arbeiter samstags mal ein Werkstück machen zu lassen“, so Guder.

Stichwort
Wirtschaftsminister Peter Altmaier hatte sich mit den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU/CSU darauf geeinigt, in zwölf Handwerksgewerken wieder zur Meisterpflicht zurückkehren zu wollen. Ab 1. Januar gilt die Pflicht für Betriebsgründungen. Viele davon sind nicht oder nicht mehr im Landkreis zu finden, beispielsweise Böttcher, Orgel- und Harmoniumbauer, Glasveredler oder Holzspielzeugmacher. Die weiteren Gewerke sind: Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Betonstein- und Terrazzo-Hersteller, Estrichleger, Behälter- und Apparatebauer, Parkettleger, Rollladen- und Sonnenschutztechniker, Schilder- und Lichtreklamehersteller und Raumausstatter.

Kommentar
Als langwierig, teuer, umständlich und aus der Zeit gefallen wurde die Meisterausbildung 2004 dargestellt. Längst nicht alle, die eine „coole“ Geschäftsidee hätten, könnten sie auch verwirklichen, weil sie keinen Meisterbrief in der Tasche haben. Also hieß es, weg mit dem Meister.
Die Leitidee dahinter waren sogenannte Ich-AGs: Kleinstbetriebe, die schnell expandieren sollten. Das langfristige Ziel der Politik damals: die Arbeitslosigkeit senken. Der Denkfehler im System: Das Handwerk hat mit seinem Ausbildungsweg eine Methode zur Qualitätssicherung geschaffen. Nicht jeder hat das Zeug zum Meister, also dazu, einen Betrieb zu führen und sein Wissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Ohne Meisterausbildung geht Stück für Stück Wissen verloren, da hat der Sprecher der Handwerkskammer Karlsruhe recht. Und was die Idee der Politik mit „Ich-AGs“ angeht, konnte man damals schon ahnen, dass es wohl eher zu Scheinselbstständigkeiten und Insolvenzen führen würde als zu einem Beschäftigungsboom.
Im Handwerk waren die Folgen gravierend. Gerade im sogenannten Ausbauhandwerk konnten unqualifizierte „Allrounder“ gravierende Fehler machen. Learning Ay Doing auf Kosten des Auftraggebers. Murks am Bau.
Es gehört zu den Mysterien der Politik, weshalb nun zwölf Gewerke in Deutschland wieder die Meisterpflicht bekommen, 40 andere aber weiter ohne auskommen müssen. Die europäischen Wettbewerbsregeln seien zu beachten, heißt es dazu. Dabei sollte schwerer wiegen, dass bei den restlichen 40 Gewerken mit Leichtigkeit genauso viel schiefgehen kann, wie im Ausbauhandwerk. Beispielsweise beim Gebäudereiniger. Dessen Branche steht nicht zuletzt deshalb unter einem enormen Preisdruck, der von schwarzen Schafen an die Mitarbeiter weitergegeben wird. Lohndumping statt Qualifikation. Das ist Murks in der Gesetzgebung.