Klare Strukturen: Sabine Haid und Ralf Rauhuth kümmern sich in den „individuell geschlossenen Gruppen“ um Jugendliche wie den 15-jährigen Elias (Name von der Reaktion geändert). | Foto: Manzey

Geregelte Abläufe

Im Schloss Stutensee lernen Jungen Struktur und Verlässlichkeit

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In den „individuell geschlossenen Gruppen“ im Schloss Stutensee leben Jungen, die sich dem Hilfs- und Erziehungsprozess bislang entzogen haben. Viele haben Erfahrungen mit Straftaten und Drogen gemacht. In den geschlossenen Gruppen sollen sie Struktur und geregelte Tagesabläufe lernen – und feststellen, dass man akzeptiert wird, auch wenn man mal Fehler macht.

Es sind Jugendliche mit schwierigen Biografien, für die es meist keine anderen Hilfsmöglichkeiten mehr gibt: In den beiden „Individuell geschlossenen Gruppen“ (IGG) im Schloss Stutensee leben Kinder und Jugendliche, die nicht mehr anders erreicht werden können, die gewaltbereit sind oder bereits mit diversen Delikten auffällig wurden.

Strenge Regeln beim Tagesablauf

Oft bestehe auch die Gefahr der Fremd- oder Selbstgefährdung, erklärt Sabine Haid. Sie ist seit fünf Jahren Bereichsleiterin der Sondereinrichtungen. Gemeinsam mit Ralf Rauhuth, Hausleiter der IGG, kümmert sie sich um aktuell 14 Jungen zwischen zwölf und 15 Jahren. In der Regel bleiben die rund 14 Monate in der geschlossenen Gruppe.

Der Vorteil der Geschlossenheit ist, dass die Jungs erstmals Geborgenheit und Zuverlässigkeit erleben.

Sabine Haid, Leiterin Sondereinrichtungen Schloss Stutensee

Rund um das Gebäude steht ein hoher Zaun, die meisten Türen lassen sich nur mit einem Schlüssel öffnen. Handys sind für die Jugendlichen außer bei Ausgängen tabu. Es herrschen strenge Regeln für den Tagesablauf. „Der Vorteil der Geschlossenheit ist, dass die Jungs erstmals Geborgenheit und Zuverlässigkeit erleben“, erklärt Sabine Haid das Konzept der Gruppen.

Viele Bewohner haben Erfahrung mit Straftaten und Drogenkonsum

Die erste IGG wurde 2007 eingerichtet und bereits nach kurzer Zeit um eine weitere Gruppe erweitert. Belegungsanfragen kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Eingewiesen werden können die Jugendlichen jedoch nur auf richterlichen Beschluss.

Die Schicksale der Jungen ähneln sich, sind dennoch nie gleich: Die Jugendlichen haben sich den Hilfeprozessen häufig entzogen, sind von Schulen geflogen, haben Erfahrungen mit Straftaten und illegalen Drogen gemacht. Nicht selten auch eine Kombination aus dem allen, erklärt Rauhuth.

So war es auch bei Elias (Name von der Redaktion geändert). Der heute 15-Jährige geriet mit 13 Jahren auf die schiefe Bahn, kiffte mit Freunden und ging nicht mehr zur Schule. Seine Mutter war überfordert. Elias flog aus der Wohngruppe und von der Schule, tat nur noch, was er wollte. „Ich habe mich verselbstständigt“, sagt er heute.

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Geschlossene Unterbringung ist oft letztes Mittel

Seine Mutter stellte einen Antrag auf geschlossene Unterbringung, doch die Familienrichterin suchte zunächst nach einer Alternative. Sie schickte Elias für drei Monate in eine Entzugsanstalt. So etwas geschehe häufig, erklärt Haid. Die geschlossene Unterbringung gilt als drastisches Mittel.

Nach rund eineinhalb Monaten flog Elias wegen einer Schlägerei auch aus dem Entzug. Im August 2019 kam er nach Stutensee, nachdem er seit knapp zwei Jahren nicht mehr in der Schule war und aus einer weiteren Wohngruppe geflogen ist. Auch mit härteren Drogen hatte er in der Zwischenzeit Erfahrungen gemacht. Abhängig sei er aber nie gewesen, sagt Elias.

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Jungen sollen sich akzeptiert fühlen, auch wenn sie einen Fehler machen

Zu Beginn seines Aufenthalts sah alles gut aus, nach rund fünf Wochen kam Elias von einem Ausgang jedoch nicht zurück. Für ganze drei Wochen war er nicht auffindbar. Er habe sich vor seiner Abreise nach Stutensee nicht von seinen besten Freunden verabschieden können, begründet Elias seinen unerlaubten Ausflug. Das sei ihm wichtig gewesen.

Dabei stand Elias damals kurz vor der Verlegung von der strengeren Gruppe IG 2 in die etwas freiere IG 1. In der verfügen die Jungen beispielsweise über eigene Zimmerschlüssel, haben mehr Freiheiten – müssen dafür aber auch mehr Verantwortung tragen, zum Beispiel, indem sie selbstständig aufstehen und nicht von den Erziehern geweckt werden.

Man darf auch Fehler machen.

Sabine Haid, Leiterin Sondereinrichtungen Schloss Stutensee

Elias’ Ausflug warf ihn in seiner Bewertung zurück. Anderen könne er deshalb nur entschieden davon abraten, so Elias, man verbaue sich damit so viel. Für Sabine Haid und Ralf Rauhuth ist dieses Verhalten jedoch nicht ungewöhnlich. „Man darf auch Fehler machen“, sagt Haid.

Auch wer entweicht, bekommt eine neue Chance. Für die Jungen sei es wichtig zu erfahren, dass sie sein können, wie sie sind, und trotzdem akzeptiert werden. „Das Thema Verlässlichkeit ist ganz groß“, sagt Haid. Dazu gehören klare Regeln und Konsequenzen – im Positiven wie im Negativen. Viele Jungen haben davor keine Tagesstruktur gekannt. „Ohne das geht es eigentlich nicht“, findet nun auch Elias.

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Rückblickend bewerte er seinen Aufenthalt in Stutensee positiv, sagt Elias. „Aber das sieht man erst nach längerer Zeit.“ Die ersten Monate waren hart für ihn. Nun ist er stolz, dass er noch in Stutensee ist und seine Sache gut macht. Das finden auch Haid und Rauhuth.

Elias möchte nun einen Schulabschluss machen und eine Ausbildung beginnen. Sein Beschluss dauert noch bis Juli. „Man kann was mitnehmen und man kann was draus machen“, sagt er über seine Zeit im Schloss.