Quappen los: Regierungspräsidentin Sylvia Felder (rechts) und der Präsident des Landesfischereiverbandes, Thomas Wahl, am Linkenheimer „Herrenwasser“.  | Foto: Manfred Spitz

Modellprojekt in Nordbaden

Eine Chance für die Quappe: Wiederansiedlungsprojekt für Süßwasserdorsch

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Forelle, okay. Hecht, Karpfen – ja. Aber Quappe? Über diese mit dem Dorsch in der Nord- und Ostsee eng verwandte Süßwasserfischart ist in der Bevölkerung kaum etwas bekannt. Die Karlsruher Regierungspräsidentin Sylvia Felder machte da – bis vor kurzem – keine Ausnahme. Die Quappe, einst heimisch in der Region, in den vergangenen 20 Jahren aber nur noch selten nachgewiesen und nach der Roten Liste Baden-Württembergs im Rheineinzugsgebiet stark gefährdet, soll wieder angesiedelt werden. Dafür arbeiten Regierungspräsidium Karlsruhe, Landesfischereiverband Baden-Württemberg und Angelvereine eng zusammen.

Wenn Sie vor wenigen Tagen gefragt worden wäre, „ob Dorsche in den Gewässern unseres Regierungsbezirks schwimmen“, sie hätte sicher mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn und einem deutlichen Nein geantwortet, outete sich Felder. Beim Anglerverein Linkenheim – der sich im Frühjahr mit dem Anglerverein Hochstetten, dem Anglerverein Leopoldshafen und der Sportfischervereinigung Eggenstein zur IG Angelfischerei Hardt zusammengeschlossen hatte (die BNN berichteten) – stellte sie mit Thomas Wahl, dem Präsidenten des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg, die ersten Ergebnisse einer gemeinsam in Auftrag gegebenen Untersuchung zur Quappe und deren Überlebenschancen vor. Dann ging’s an das „Östliche Herrenwasser“, einen kleinen Bach in der Nähe des Linkenheimer Anglerheims, an dem sie einige hundert, im nordrhein-westfälischen Möhnesee gezogene, sechs Monate alte Quappen in ihre neue Heimat entließen.

„Lota lota“ soll wieder heimisch werden

Die Quappe, Lateinischer Name „Lota lota“, ist in der Region eigentlich heimisch – aber an vielen Orten verschwunden und vom Aussterben bedroht. Leidtragender des Rheinausbaus, der Gewässerverschmutzung und -erwärmung. Verhasster und gejagter Laichräuber. Jetzt gehört der Kaltwasserfisch „zu den ersten Verlierern des Klimawandels“, verdeutlicht Thomas Wahl. Denn Wassertemperaturen von mehr als 23 Grad toleriert „Lota lota“ nur über eine kurze Zeit.

Modellprojekt: Die Quappe, ein Süßwasserdorsch, soll wieder angesiedelt werden. Hier ein Fisch vom Frühjahrsbesatz in Linkenheim-Hochstetten. | Foto: Regierungspräsidium

Im Regierungsbezirk wird diese Fischart langfristig nur eine Chance haben, „wenn weiter an der ökologischen Entwicklung der Gewässer gearbeitet wird,“ so Fischereireferent Frank Hartmann. Das heißt: „Die Durchgängigkeit unserer Gewässer muss weiter vorangebracht werden. In erster Linie aber müssen die Lebensräume der nachtaktiven Quappe gut strukturiert sein und Versteckmöglichkeiten bieten.“ Dazu sei in diesem Jahr ein Pilotprojekt mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gestartet worden, um Kolke (Vertiefungen) als solche kühlen Rückzugsgebiete bauen zu können.

Es ist einfach eine Art auszurotten, aber schwer eine wieder einzuführen

„Es ist einfach, eine Art auszurotten, aber schwer eine wieder einzuführen“, meinte Hartmann – die Regierungspräsidentin und der Fischereiverbandschef bekamen dies beim Besatz am „Herrenwasser“ im wahrsten Sinne des Wortes zu spüren – in Form von nassen Füßen. „Ich habe ja hinterher keinen anderen Termin mehr“, nahm’s Sylvia Felder schmunzelnd mit Humor.

In Linkenheim schon zweiter Besatz

In Linkenheim erfolgte im Frühjahr bereits ein erster Besatz mit etwa 700 Quappen aus einer Zuchtanlage des Ruhrverbands. Dieser und das Land Nordrhein-Westfalen sind ebenso Partner wie Angelvereine und die Gesellschaft für angewandte Ökologie und Umweltplanung in Walldorf, die das „Wiederansiedlungsprojekt Quappe“ wissenschaftlich begleitet. „Bisher gab’s nur zaghafte Versuche“, betont Frank Hartmann.

Für dieses aus Mitteln der Fischereiabgabe finanzierte, auf drei Jahre ausgelegten Modellprojekt (Hartmann: Ein Novum in Baden-Württemberg), wurden außer bei Linkenheim-Hochstetten und Eggenstein-Leopoldshafen drei weitere „passende“ Gebiete ausgesucht: An der Alb bei Karlsruhe, am Rhein bei Iffezheim und an der Murg.

An Rhein, Alb und Murg 2800 Tiere eingesetzt

Insgesamt 2 800 Tiere hatte Markus Kühlmann vom Ruhrverband mitgebracht. Auch von Anglervereinen in Karlsruhe, Rastatt, Plittersdorf, Iffezheim und Gernsbach werden die nun eingesetzt. „Ohne die Kenntnisse und Arbeit der Angler und Fischer stünde es nicht nur um die Quappe in unseren Gewässern schlecht“, so Regierungspräsidentin Sylvia Felder.

„Wenn wir weiterhin gemeinsam tatkräftig an Projekten dieser Art arbeiten, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir auch Erfolg haben werden. Nicht nur bei der Quappe, sondern bei allen Fischschutzprojekten“, so Regierungspräsidentin Felder weiter.

Alle für die Quappe: Vertreter der am Projekt Wiederansiedlung beteiligten Institutionen und Vereine beim Anglerverein Linkenheim. | Foto: Manfred Spitz

Gewässerwart Udo Metz vom Anglerverein Linkenheim hatte im April vom Regierungspräsidium den Auftrag der Abfischung von Quappen mittels Reusen erhalten – es wurde dabei keine einzige gefangen. Deshalb erfolgte bereits im Frühjahr ein Besatz mit etwa 700 Jung-Quappen aus  Nordrhein-Westfalen.

Erste Ergebnisse vielversprechend

„Um gesichert etwas sagen zu können, wird man drei, vier oder fünf Jahre warten müssen“, so Markus Kühlmann vom Ruhrverband. Die ersten Ergebnisse sind aber vielversprechend. Das Monitoring deutet auf ein erfolgreiches Aufwachsen des Linkenheimer Frühjahrsbesatzes hin. „Selbst im warmen und trockenen Sommer konnten an den ausgewählten Besatzgewässern einige durchaus wohlgenährte Tiere nachgewiesen werden“, sagt Frank Hartmann. Das sei doch motivierend.

Stichwort: Quappe
Die Quappe (Lota lota) auch Aalquappe oder Trüsche genannt, ist ein Knochenfisch aus der Familie der Dorsche und einziger Vertreter dieser Familie im Süßwasser. Sie galt früher als hervorragender Speisefisch. Junge Quappen ernähren sich von Wirbellosen, erwachsene Tiere fressen bei der nächtlichen Nahrungssuche überwiegend kleinere Fische. Sie liebt aber auch Fischlaich. Deshalb war die Quappe als Laichräuber gerade in Forellengewässern nicht gern gesehen und wurde häufig gezielt „entfernt“.
Nach der Roten Liste Baden-Württemberg ist die Quappe im Rheineinzugsgebiet stark gefährdet. Die Population nur noch am Bodensee und seinen Zuflussgebieten stabil. Zwar bildete die Quappe auch in früheren Zeiten nie Massenvorkommen wie andere Arten. Sie war aber regelmäßig anzutreffen.
Die Quappe kann 60 Zentimeter lang, fünf bis sechs Kilogramm schwer und etwa 20 Jahre alt werden. Sie ist in vielen Gewässern geschützt und darf da weder gezielt beangelt, noch entnommen werden.