Baubegehung in Wössingen: Gutachter Udo Schumacher-Ritz vom Verein zur Qualitäts-Controlle am Bau (rechts) prüft vor Ort, ob die Verarbeitungsqualität stimmt. Links Johannes Burgstahler von der Eggensteiner Baufirma Massivhaus Dürr. | Foto: Manfred Spitz

Kontrolle statt Schummelei

Gutachter helfen gegen Pfusch am Bau

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Prüftermin auf der Baustelle von Familie S. in Wössingen. Die Fenster sind eingebaut, das Dach ist gedeckt, also der geschlossene Rohbau fertig. Jetzt tritt der Bausachverständige in Aktion und checkt, ob das Projekt reif für die nächsten Schritte ist.

Einem Baugutachter über die Schultern geschaut

„Bei einem Haus ohne Keller kommen wir dreimal vor Ort“, sagt Udo Schumacher-Ritz, der Vorsitzende des Vereins zur Qualitäts-Controlle am Bau, kurz VQC. „Wenn der offene Rohbau steht. Wenn, wie hier jetzt in Wössingen, der Rohbau geschlossen ist. Schließlich noch bevor es mit den Maler- und Bodenarbeiten losgeht. Dann wird auch der Blower-Door-Test vorgenommen, der zeigt ob die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle den gesetzlich vorgeschriebenen Werten entspricht.“

Hilfe beim Traum vom Eigenheim

Familie S. in Wössingen verwirklicht ihren Traum vom Eigenheim mit der Baufirma Dürr aus Eggenstein. „Bei uns ist von Anfang an ein Gutachter im Leistungspaket dabei“, verdeutlicht Bauleiter Johannes Burgstahler. Das sei nicht die Regel, doch „Bauherren die sich für uns entscheiden, suchen bewusst eine Firma, die sich begleiten lässt“ – von einem Sachverständigen des VQC. Das ist ein deutschlandweit agierender, 2005 gegründeter unabhängiger Verein mit Sitz in der Nähe von Göttingen, in dem sich Bauträger und Sachverständige zusammengefunden haben.

VQC betreut jährlich 2500 Baustellen

„Aktuell sind 165 Bauträger Mitglied im VQC, für den derzeit 37 Sachverständige tätig sind“, erklärt Udo Schumacher-Ritz. Der VQC betreue jährlich 2500 Baustellen. Das würde laut Schumacher-Ritz 2,5 Prozent der Bausumme in Deutschland ausmachen: „Wir können aktuell auf Daten von über 60000 Begehungen und etwa 20000 zertifizierten Baustellen zurückgreifen.“ Laut VQC sei man damit eine der großen unabhängigen Sachverständigen-Organisationen in Deutschland. „Jeder unserer Prüfer terminiert drei Begehungen pro Tag und jeder betreut mehrere Firmen“, so Schumacher-Ritz.

Stimmt die Verarbeitungsqualität?

Der VQC prüft ausschließlich Einfamilienhäuser. Stimmt die Verarbeitungsqualität? Werden Energiestandards eingehalten? Darauf wird das Augenmerk gerichtet. „In den Bau eines Eigenheims sind 22 Gewerke involviert“, macht Schumacher-Ritz deutlich. Bei den Begehungen ist der Bauleiter dabei, wird über die „To-Dos“ informiert, und kann sie sofort weitergeben. „Das ist definitiv konstruktiv“, meint Dürr-Bauprojektleiter Johannes Burgstahler. „Generell gehe es um viele Kleinigkeiten und geringfügige Abweichungen. Die werden als Restarbeiten notiert. Wenn sie erledigt sind, ist alles okay, sonst wäre es ein Mangel.“ Fotos und Prüfunterlagen landen zudem in einer Datei, von der sie abgerufen werden können.

Wir kommen, dass das Kind nicht in den Brunnen fällt

„Wir kommen nicht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wir kommen, dass das Kind nicht in den Brunnen fällt. Wir sind begleitend tätig, sprechen über Schnittstellen, über Übergänge von einem zum anderen Gewerk und über Abläufe“, beschreibt Schumacher-Ritz die VQC-Philosophie: „Die Baustoffe haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Es wird zu wenig geschult. Wir sehen unseren Job als Qualitätskontrolleure auch darin, neue Arbeitsrichtlinien mit auf die Baustellen zu bringen.“

Gutachter helfen, Nerven zu schonen

Ob mit dem VQC oder einem anderen „ortsansässigen Gutachter“, externe Qualitätskontrolle hält Udo Schumacher-Ritz eigentlich für ein „Muss“. Viele Häuslebauer würden für den Traum von den eigenen vier Wänden Kredite aufnehmen, auf Urlaub verzichten und jeden Euro hineinstecken – aber sparen am falschen Ende. Dann der Schock: Mangelhaft ausgeführte Arbeiten, Schimmel an den Wänden, undichte Fenster – blank liegende Nerven: „Wenn die Gewährleistung ausläuft sind Schäden nicht lustig. Die können eine Familie schon in Schieflage bringen.“

„Mannschaften“ oft nicht eingespielt

Um für ein Haus mit Keller einen Sachverständigen ins Boot zu nehmen, würde den Bauherren 2200 Euro kosten. „Bauen ist so komplex. Das ist Geld, das man in die Hand nehmen sollte“, so Schumacher-Ritz. „Ich sage, wenn Sie Sicherheit wollen, machen Sie’s.“ Dass in Zeiten voller Auftragsbücher und Fachkräftemangel der „Pfusch am Bau“ zugenommen hat, will der Prüfingenieur dennoch nicht bestätigen. „Pfusch ist der falsche Begriff“, meint er. „Hausbauen ist Teamarbeit und die Mannschaften sind nicht trainiert und nicht eingespielt“, drückt er es aus.

Blower-Door-Test zum Schluss

Auf die Baustelle von Familie S. in Wössingen kommt der Prüfingenieur noch einmal. Zum Blower-Door-Test. Und zur Endabnahme.

 

Stichwort Bausachverständiger: Einen Bausachverständigen (oder auch Baugutachter genannt) können sowohl Privatpersonen als auch Gewerbetreibende in Anspruch nehmen.
Bei einem Bauvorhaben umfassen seine Aufgaben im Wesentlichen die Beratung vor Beginn, die Kontrolle und Begleitung während des Baus, sowie die Abnahme von Teilabschnitten. Darüber hinaus steht der Bausachverständige als fester Ansprechpartner für Bauherren und Bauunternehmen zur Verfügung.
Bei bereits bestehenden Immobilien, die umgebaut werden, kann ein Bausachverständiger mit der Kontrolle beauftragt werden. Er kontrolliert ferner den Grund und Boden, den Keller, sowie die Wärmedämmungsmaßnahmen und kann bei der Beantragung von Fördergeldern behilflich sein. Grundsätzlich dient die Zuhilfenahme eines Bausachverständigen der frühzeitigen Lösung beziehungsweise Schlichtung von Problemen.