Teilen statt wegwerfen: Obst, Gemüse, Konserven oder Müsli, in der Foodsharing-Gruppe auf Facebook von Christina Scholz finden viele Lebensmittel ihre Abnehmer. | Foto: Manfred Spitz

Die Lebenmittelretterin

Foodsharing: Christina Scholz gründet Gruppe für Linkenheim-Hochstetten

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„Lebensmittel wegzuwerfen, das tut mir in der Seele weh“, sagt Christina Scholz. Irgendwann war die Linkenheimerin an dem Punkt angekommen, an dem sie beschloss: Jetzt reicht’s. „Es landet viel zu viel Essen im Müll, warum soll man das, was man selbst nicht konsumieren kann, nicht abgeben?“, meinte sie und wurde Mitglied bei einer Karlsruher Foodsharing-Gruppe auf Facebook. Das war vor ein paar Jahren. Vor Kurzem nun hat Christina Scholz das Konzept auf ihre Heimatgemeinde übertragen und eine Foodsharing-Gruppe für Linkenheim-Hochstetten gegründet.

Foodsharing: Lebensmittel teilen, statt wegwerfen

Was sich hinter Foodsharing verbirgt, ist schnell erklärt: „Es geht darum, Essen zu teilen und nicht wegzuwerfen. Essen, das man selbst nicht braucht. Weil man zuviel eingekauft oder gekocht hat. Weil Reste von einer Feier übrig geblieben sind. Weil man den Kühlschrank ausräumt, bevor es in den Urlaub geht. Oder weil ein Hobbygärtner im Garten soviel Obst und Gemüse hat, das er selbst gar nicht alles verwenden kann“, verdeutlicht die Referendarin an einer Karlsruher Realschule.

Alles muss kostenlos sein

„Lebensmittel die noch genießbar sind und die man selbst nicht mehr braucht, bekommt eben jemand, der sie brauchen kann. So einfach ist das Prinzip.“ Ganz wichtig dabei: Alles muss kostenlos sein. „Das“, betont Christina Scholz, „ist eine klare Linie beim Foodsharing.“

Gruppe hat bereits über 300 Mitglieder

Mitte August hat Christina Scholz auf Facebook „Foodsharing Linkenheim-Hochstetten“ gegründet, die Gruppe zählt bereits über 300 Mitglieder. „Es ist gut angelaufen“, sagt sie. Scholz: „Dass ich so schnell so viele Leute für meine Sache gewinnen kann, hätte ich nicht erwartet. Und es sind nicht nur stille Mitglieder, viele machen aktiv mit. Ich habe offenbar einen Nerv getroffen, das freut mich besonders.“

Christina Scholz hat „Nerv getroffen“

Und wie funktioniert’s? „Man postet in der Facebook-Gruppe einfach Fotos der Lebensmittel, um die es geht – und wartet bis sich ein Interessent meldet. Dann kann man sich über die Abholung abstimmen.“ Angeboten werden darf im Prinzip alles, was man selbst auch noch essen würde. Obst, Gemüse, Gewürze, Backwaren, Nudeln, Chips, Fruchtgummi, Brotaufstrich oder Babybrei: „Da sind keine Grenzen gesetzt“, erklärt Christina Scholz. „Von Tiefkühlkost bis Selbstgemachtem geht alles.“

Eigenes Konsumverhalten hinterfragt

Dazu schreiben sollte man das Mindesthaltbarkeitsdatum, oder ob Packungen geöffnet sind – fertig. „Natürlich kann ich allein nicht die Welt retten“, sagt Christina Scholz. „Aber ich glaube einfach, dass man im Kleinen sehr viel bewirken kann.“ Ihr eigenes Konsumverhalten habe sie reflektiert und hinterfragt, ihr Essverhalten geändert. „Mal ganz ehrlich. Wir alle werfen doch manchmal Lebensmittel weg, obwohl man sie noch essen könnte“, sagt sie. „Vor dem Urlaub, nach einer Party oder einfach, weil man gerade keine Lust darauf hat.“

Wegwerfen tut mir in der Seele weh

Während ihrer Studienzeit hat Christina Scholz nebenbei im Einzelhandel und an der Fleischtheke im Supermarkt gearbeitet. Das hat sie geprägt. „Da ist diese Wegwerfgesellschaft ein ganz großes Thema“, macht sie deutlich. „Was da weggeworfen werden musste, obwohl es eigentlich noch haltbar gewesen wäre – unvorstellbar. Das tut mir noch heute in der Seele weh.“

Essen wird vor der Tonne gerettet

In der Foodsharing-Gruppe Dinge anzubieten, um sie vor der Tonne zu „retten“ ist eine Sache. Wie aber sieht es aus, wenn man etwas braucht und eine gezielte Anfrage stellen möchte? „Ich stehe dem sehr offen entgegen“, erklärt Christina Scholz. „Wenn’s um Kleinigkeiten geht, wenn jemand fragt, wer hat zwei Eier oder einen Liter Milch , von meiner Seite aus gerne.“

Öffentliches Regal in Linkenheim-Hochstetten?

Gerne würde die Linkenheimerin die virtuelle Foodsharing-Gruppe auch für Bürger ohne Facebook-Konto etablieren. Vielerorts gibt es öffentliche Regale oder Kühlschränke in die abzugebende Lebensmittel gebracht und von Interessenten abgeholt werden können – so etwas schwebt ihr auch für Linkenheim-Hochstetten vor. Aber wo? Darüber habe sie bereits mit Bürgermeister Michael Möslang gesprochen, die Sache sei allerdings nicht so einfach, da müsste zunächst die rechtliche Lage geklärt werden, erzählt sie und betont: Die Gemeinde mit ins Boot zu bekommen, das wäre ihr schon wichtig.

In Karlsruhe mehrere Verteiler in privaten Höfen

In Karlsruhe gebe es mehrere Verteiler, alle in privaten Höfen, so Christina Scholz weiter. „Ich bräuchte einen privaten Platz oder einen Verein, der mir dafür ein Eckchen auf seinem Gelände zur Verfügung stellt. Schön wäre ein Ort, den die Leute zu Fuß oder mit dem Rad erreichen könnten.“

Vielleicht finde ich ja Mitstreiter

Vielleicht, hofft sie, „finde ich ja Mitstreiter oder auch örtliche Betriebe die Ideen haben, wie man das hier in Linkenheim-Hochstetten umsetzen könnte.“ Apropos Mitstreiter: Wer nichts mit Facebook am Hut hat, sich aber trotzdem am Projekt Foodsharing beteiligen möchte, kann auch per Mail (christina.scholz@hotmail.com) Kontakt mit Christina Scholz aufnehmen. „Ich freue mich über jeden, der mitmacht, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden“, sagt sie.

Stichwort: Foodsharing
Die Initiative Foodsharing entstand 2012 in Berlin. Sie hat als Ziel das Ende der Lebensmittelverschwendung und ist mittlerweile zu einer internationalen Bewegung geworden. Über die Internetplattform www.foodsharing.de mit inzwischen mehr als 200 000 registrierten Nutzern organisieren und vernetzen sich die Lebensmittelretter, sogenannte Foodsharer und Foodsaver, um ungewollte oder überschüssige Lebensmittel von Betrieben oder privaten Haushalten abzuholen, bevor sie weggeworfen werden. Die „geretteten“ Lebensmittel geben sie über stationäre „Fair-Teiler“ (öffentliche Kühlschränke und Regale) oder bei Verteilaktionen weiter. Privatpersonen können über die Webseite Lebensmittel anbieten, die Interessierte abholen. Foodsharing funktioniert ehrenamtlich, möglichst geldfrei und ohne Bedürftigkeit. Es werden auch Lebensmittel nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit verwendet, solange ein Konsum ohne Bedenken möglich ist. Angeboten werden darf, was man selbst noch essen würde. Auch fertige Gerichte, aber nur, wenn sie vom jeweiligen Tag sind. Speisen mit rohen Eiern, rohem Fleisch, Cremes und Puddings sind wegen der Gefahr von Bakterien tabu.

Kommentar
Hand aufs Herz: Mal wieder viel zu viel eingekauft? Den Verlockungen der tollen regionalen Produkte auf dem Markt und im Hofladen, oder den Schnäppchen („Nimm drei, zahl zwei“) im Discounter erlegen? Oder einfach, weil eben gerade Zeit war, spontan aber ohne Plan, losgehetzt und mehr als eigentlich nötig in den Einkaufskorb gepackt? Das Ende vom Lied: Der Salat wird welk, Möhren schrumpelig, die Äpfel bekommen Druckstellen, alles wird unansehnlich – und landet im Müll. Auch wenn die meisten von uns vielleicht nicht das Gefühl haben, viele Lebenmittel wegzuwerfen: Das täuscht. In deutschen Haushalten wird jedes achte Lebensmittel weggeworfen. Allein in Baden-Württemberg fallen pro Jahr bei den Verbrauchern etwa 600 000 Tonnen Lebensmittelabfall an. Das ist deutschlandweit der traurige Spitzenplatz. Fast die Hälfte davon gehört nicht in den Müll – rund 26 Kilogramm pro Person. Während bei uns Lebensmittel oft noch originalverpackt in der Tonne landen, hungert weltweit eine Milliarde Menschen. Natürlich wird keiner von ihnen unmittelbar satt, wenn wir zuhause sorgfältiger und bewusster mit Lebensmitteln umgehen, statt sie wegzuwerfen. Aber es gilt, ein Zeichen gegen den Wahnsinn Lebensmittelvernichtung zu setzen. Immer mehr tun dies. Ehrenamtliche der Tafeln sammeln überschüssige Lebensmittel bei Händlern und Herstellern ein, um sie für einen kleinen Betrag in ihren Läden wie in Graben-Neudorf, Blankenloch oder Linkenheim-Hochstetten an Bedürftige abzugeben. Und bei vielen Privatleuten ist der Trend des Foodsharings angekommen. „Lebensmittelretter“ wie Christina Scholz in Linkenheim, andere in Karlsruhe, Stutensee, oder Bruchsal, werden in den sozialen Netzwerken aktiv, um sich gegen Lebensmittelverschwendung zu engagieren. Die Idee ist ebenso simpel wie sinnvoll: Warum das, was man nicht selbst essen kann, statt wegzuwerfen an andere abgeben? Noch sinnvoller als zu verschenken wäre, es gar nicht so weit kommen zu lassen: Also geplant und nicht zu viel einkaufen. Probieren, statt gleich in die Tonne. Reste verwerten. Das beste dabei: Jeder kann mitmachen.