Geschäftsführer Jens Brandt vor dem bisherigen Heinrich-Wetzlar-Haus. | Foto: Rake Hora

Schule statt Knast

Jugendeinrichtung Schloss Stutensee baut neues Haus

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„Der Name wird auf alle Fälle bleiben“, sagt Jens Brandt, Geschäftsführer der Jugendeinrichtung Schloss Stutensee. Und die hat es in sich: Aufgenommen werden Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Entwicklungsdefiziten, sozialbedingten Verhaltensstörungen und Leistungsbeeinträchtigungen Betreuung und Erziehungshilfe benötigen. Eine Besonderheit ist das Heinrich-Wetzlar-Haus. Dort werden Jungs untergebracht, die sonst in Untersuchungshaft kommen würden. Und dieser Teil der Jugendeinrichtung soll nun erneuert werden. Eine Bürgschaft über sechs Millionen Euro wird der Landkreis Karlsruhe übernehmen.

 

14 Jugendliche aus Baden-Würtemberg und Rheinland-Pfalz können derzeit aufgenommen werden, erklärt Jens Brandt. Die Finanzierung des Neubaus, der auf dem Gelände bis 2022 entstehen soll, erfolge dann über eine Erhöhung der Entgeltsätze für die Unterbringung. „Wir brauchen die Bürgschaft nur, um die Finanzierung zu bekommen“, so Geschäftsführer Brandt. Kurz: Den Neubau zahlen auf dem Weg die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Architektenwettbewerb im Frühjahr

Bis zum Frühjahr soll es einen Architektenwettbewerb geben, bislang habe man eine Entwurfsplanung, so Brandt. „Im Frühjahr werden wir wissen, wer mit uns baut.“ Die Unterbringung soll moderner werden und die Aufteilung verbessert: zweimal sieben Jungs statt einer großen Gruppe mit 14.

Altes Wetzlar-Haus ist denkmalgeschützt

Das bisherige Heinrich-Wetzlar-Haus werde danach saniert und weitergenutzt. Brandt: „Die Fassade und die Gauben bleiben aber stehen, das ist alles denkmalgeschützt.“ Obgleich das Gebäude vor 35 Jahren saniert wurde, ist es in die Jahre gekommen. „Das ist normal bei einer Nutzung wie dieser“, erklärt Brandt. Vor allem aber seien die Zimmer sehr klein, die Sanitäranlagen angejahrt und von einem langen Gang gingen die Zimmer ab. Die Unterbringung im ersten Stock sei nicht gut und Brandschutzwege zwar vorhanden, aber nicht optimal.

Naturschutz muss beachtet werden

Der Neubau werde auf einem bisher als Parkplatz genutzten Gelände nahe dem Sportplatz realisiert. „Wir sind in einem FFH-Gebiet, da dürfen wir nur auf Flächen bauen, die bereits versiegelt sind“, so Brandt.

Hartes Programm für Jugendliche

30 bis 50 Jungs werden jährlich in der U-Haft-Vermeidung betreut. Die Kinder und Jugendlichen können in dieser Zeit beispielsweise einen Schulabschluss machen. Ein hartes Programm, das viel Initiative voraussetzt. Brandt will auch vor dem Hintergrund mit Ressentiments aufräumen, die es noch immer gebe: „Junge Menschen, die wir da aufnehmen, haben einen längeren Weg hinter sich und sind bereits im Fokus der Justiz gelandet“, räumt er ein. Es gelte aber die Unschuldsvermutung, bis ein Urteil gesprochen ist.

Mitarbeiter werden vor Gericht gehört

Und: in 90 Prozent der Fälle, in denen ein Schuldspruch vor Gericht erfolge, würde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt, so Brandt. Er weiß es, denn Mitarbeiter werden vor Gericht zur sogenannten Sozialprognose gehört. „Wir geben den jungen Menschen die zu uns kommen das Gefühl ,Ja, es ist etwas passiert – aber wir sehen dich nicht als Täter’“, erklärt er.

„Gewalt ist männlich“

Dass nur Jungs im Heinrich-Wetzlar-Haus seit der Gründung unterkommen, kann er auch erklären: „Um 1900 waren die Jungs mehr im Fokus. Straftäter waren immer männlich. Und Gewalt ist männlich.“ Wetzlar wollte etwas dagegen tun. „Damit war er der Zeit voraus“, sagt Brandt anerkennend.

Jugendeinrichtung ist Pionierin

Die Geschichte der U-Haft-Vermeidung sei indes jünger und die Jugendeinrichtung eine der Pionierinnen auf dem Gebiet, so Jens Brandt. 1984 sei die Idee entstanden, Jugendliche während einer angeordneten Untersuchungshaft nicht einfach in einen Knast zu stecken. Das Land sei auf die Einrichtung zugekommen, über fünf Jahre wurde das Konzept genauestens ausgewertet.

Vergrößerung der Gruppe nicht sinnvoll

Daher könne die Jugendeinrichtung auch sagen, dass 14 Plätze zwar „gut nachgefragt“ seien (Brandt), es aber konzeptionell nicht funktioniere, mit dem Neubau einfach mehr Plätze zu schaffen. Einen Erfolg der U-Haft-Vermeidung könne er aber direkt nennen, so Brandt. Zu den Tagen der offenen Tür kämen immer wieder ehemalige Schützlinge, einige mit Partnerin und Kind, um zu zeigen, wo sie ihren Schulabschluss gemacht haben und „die Kurve gekriegt“ haben.

Kommentar
Sechs Millionen Euro für ein Haus – klingt zunächst nach keinem guten Deal. Dass der Landkreis dafür die Bürgschaft übernimmt, kann man kritisch prüfen. Aber die Investition zahlt sich aus. Wer sich ein wenig mit der Jugendeinrichtung Schloss Stutensee beschäftigt und vielleicht auch einen der Tage der offenen Tür nutzt, kann das leicht nachvollziehen. Vorneweg: Es sind keine Straftäter und Gewaltverbrecher, die im Heinrich-Wetzlar-Haus der Jugendeinrichtung untergebracht sind. Aber es sind Jungs, die schon eine gewisse „Karriere“ absolviert haben. Sonst hätte kein Richter die Unterbringung angeordnet. Punkt. Es sind vor allem aber Jungs, die nochmal in die richtige Richtung abbiegen können. Sie machen beispielsweise ihren Schulabschluss – in der Rekordzeit von fünf Monaten. Das erfordert Disziplin und ein Höchstmaß an Motivation. Dafür allein schon mal: Respekt! 30 bis 50 schaffen jährlich das Programm, erklärt der Geschäftsführer der Einrichtung. Er verschweigt dabei auch nicht: Jedes Jahr gebe es ein bis zwei, die lieber in die reguläre U-Haft zurückgehen. Die Jugendeinrichtung ist kein Ferienlager. Unterm Strich: Sechs Millionen Euro für ein Haus, das mutmaßlich wieder 35 Jahre hält, in der Zeit grob gerechnet rund 1.500 Jungs eine Chance bietet? Passt, gesellschaftlich wie menschlich betrachtet. Die Investition lohnt allemal, wenn die jungen Menschen in die normale Gesellschaft integriert werden können.