Gefräßiger Eindringling: Orconectes immunis, so der wissenschaftliche Name des Kalikokrebses.
Gefräßiger Eindringling: Orconectes immunis, so der wissenschaftliche Name des Kalikokrebses. | Foto: PH Karlsruhe

Interesse der PH Karlsruhe

Kalikokrebs immer mehr verbreitet

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Vor einem Monat wurde der Kalikokrebs zum ersten Mal in Stutensee gesichtet. An der Alten Bach in Blankenloch, nur ein paar Schritte vom Schulzentrum entfernt, hatte eine Spaziergängerin den ursprünglich in Nordamerika beheimateten Flusskrebs, der als eine der gefährlichsten invasiven (eingeschleppten) Arten gilt, entdeckt. Und jetzt, vier Wochen später? „Er ist immer noch in der Alten Bach“, sagt der Umweltbeauftragte der Stadt Stutensee, Reiner Dick.

Quasi umzingelt

Regelmäßig würde ihm von Kalikokrebssichtungen berichtet. Einzelnachweise habe es inzwischen außerdem am Baggersse Spöck, am Hirschkanal bei Friedrichstal und von Grötzingen her gegeben. „Wir sind quasi umzingelt“, so Dick.

Fangen und zubereiten?

Die Krustentiere aus Nordamerika sind aber nicht nur schädlich für die heimische Natur. Sie beflügeln auch die Fantasie von Hobbyköchen. So wurde nach dem BNN-Artikel auf Facebook eifrig diskutiert, ob Kalikokrebse gefangen werden dürfen, und ob (und wie) sie zubereitet werden könnten. Experten erteilen jeglichen dahin gehenden Überlegungen eine Absage. Die Tiere seien zwar genießbar und in vielen Restaurants als „Hummerersatz“ auf der Speisekarte – aber so einfach gefangen werden dürfen sie nicht. „Nein“, teilte eine Sprecherin des Regierungspräsidiums Karlsruhe auf Anfrage mit, „das verstößt gegen das Fischereirecht“ und fällt streng genommen unter den Tatbestand Jagdwilderei. Das heißt: Wer keinen Angelschein hat, macht sich strafbar.

Explosionsartige Vermehrung

Wie weit sich der Kalikokrebs auf Stutenseer Gebiet tatsächlich schon ausgebreitet haben, das bleibt die große Unbekannte. Besorgt ist Reiner Dick deshalb nach wie vor um „seine“ Biotope und er fragt sich, ob die Kaliko-Invasionstruppe, die alles frisst, was ihr vor die Scheren kommt, vielleicht sogar schon in Nachbargemeinden vorgedrungen ist. Zumal die eingeschleppten Krebse, die sich explosionsartig vermehren, in der Lage sind, über Land zu wandern, und deshalb auch isolierte Gewässer wie Baggerseen besiedeln können.

Kontakt mit den Anglern

Kontakt hat Reiner Dick inzwischen mit seinem Kollegen Peter Münch in Karlsdorf-Neuthard aufgenommen und ihn über den „Einwanderer“ informiert. „Ich habe darauf hin mit unseren Angelvereinen in Karlsdorf und Neuthard gesprochen, die haben noch nichts gesehen. Wir wissen aber, der Kalikokrebs kann jederzeit über die Alte Pfinz auch bei uns ankommen“, sagt der Umweltbeauftragte von Stutensees Nachbargemeinde und fügt hinzu: „Dem sehe ich mit Grauen entgegen.“ Wichtig sei, so Münch, die umliegenden Orte zu informieren und zu sensibilisieren. „Es muss mit den Anglern gesprochen werden. Ihre Unterstrützung ist wichtig, sie müssen jetzt ganz besonders die Augen offen halten.“

Interesse der PH

Besuch bekam Reiner Dick kürzlich aus Karlsruhe. An der dortigen Pädagogischen Hochschule (PH) gibt es am Institut für Biologie mit Andreas Martens, Alexander Herrmann und Andreas Stephan Krebs-Experten. „Ja, Professor Martens und seine Kollegen waren hier und haben sich umgeschaut“, berichtet Dick. Nun wolle man sich Gedanken machen, was getan werden könnte.

Vorkommen in der ganzen Region

Ein Klagelied über den Kalikokrebs kann man auch in Karlsbad singen. Dort wurde er vermutlich im Hermannsee ausgesetzt und tauchte 2017 zwischen Ittersbach und Langensteinbach sowie im daraus abfließenden Bocksbach auf. In Rheinstetten, wo ein Kleingewässer-Komplex massiv vom Kalikokrebs betroffen ist, testet Martens seit 2015 unter anderem Möglichkeiten, wie einer Ausbreitung des Kalikokrebses, der im Südwesten zunehmend zur Bedrohung für heimische Amphibien und Insekten wird, Einhalt geboten werden könnte. Beispielsweise mit Baumstammbarrieren, die nur für sie unüberwindbar sind. Oder Verkiesungen der Ufer, die verhindern, dass die Krebse Gänge graben, in denen sie sogar das Austrocknen der Gewässer überleben können. Außerdem kommen Lochsteine zum Einsatz, mit denen die Krebse zwecks Monitoring, also kontinuierlicher Beobachtung, amphibienschonend gefangen werden können.

Netzwerkarbeit

Um die Verbreitung besser einschätzen zu können, „wäre jetzt ein engmaschiges Monitoring enorm wichtig“, meint Reiner Dick, der versucht, ein entsprechendes „Netzwerk aufzubauen“. Dick: „Nach dem ersten Artikel in den BNN hat sich ein Taucher gemeldet, und angeboten mitzuarbeiten. Bei Tauchgängen würde er und seine Kameraden ständig Krebse sehen. Diese Sichtungen könnten doch einfließen in ein Monitoring“, findet Stutensees Umweltbeauftragter. Mit ins Boot bekommen will er auf jeden Fall auch die Angelsportvereine. „Die“, sagt Reiner Dick, „haben wir gerade angeschrieben.“

Meldungen über das Vorkommen

An der PH Karlsruhe wird erfasst, wie weit die Art auf dem Stadtgebiet und in den Gewässern um die Stadt vorkommt. Um Wanderungsbewegungen und Verbreitung noch genauer einschätzen zu können, sind für die Karlsruher Forscher nach wie vor Sichtungsmeldungen der Bevölkerung hilfreich.

Bürger, die Kalikokrebse an Land sichten, können diese Sichtung per Mail (flusskrebse@mail.de) melden. Ein Foto würde den Biologen der PH Karlsruhe die Arbeit erleichtern.
Kalikokrebse erkennen: Die Tiere erreichen eine Körperlänge von acht bis zehn Zentimeter und sind meist beige-braun. Der nordamerikanische Kalikokrebs unterscheidet sich von anderen in Deutschland vorkommenden Flusskrebs-Arten durch folgende gut erkennbare Merkmale: Die Scherenunterseite ist dicht behaart. Im Wasser fällt dieser Pelz deutlich auf, außerhalb des Wassers kleben die Haare zu einer braunen Masse zusammen. Dichte Haarbüschel sind auch auf den kleinen Scheren des zweiten und dritten Schreitbeinpaares.