Experte für Bevölkerungsschutz: Andreas Kling empfiehlt eine "vernünftige" persönliche Notfallvorsorge. Was in jedem Haus sein sollte, das erklärt der gebürtige Bruchsaler, der in Weingarten lebt, im BNN-Interview.

Verletzliche Gesellschaft

Bevölkerungsschutz: Experte Kling rät zu „vernünftiger“ Vorsorge

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Hochwasser, Stürme, großflächiger, langanhaltender Stromausfall (Blackout), aber auch Terroranschläge oder Amokläufe können Kommunen treffen. Katastrophenschutzbehörden und -organisationen sind dann nicht immer in der Lage, allen Bürgern sofort ausreichend Hilfe und Unterstützung zu leisten. Umso wichtiger ist die persönliche Vorbereitung und Selbsthilfe. Da kommt Andreas Kling ins Spiel. Der gebürtige Bruchsaler lebt mit seiner Familie in Weingarten und ist Experte für Sicherheit sowie Bevölkerungsschutz. Kling berät unter anderem Gemeinden und Behörden, gibt aber auch Tipps für die persönliche Notfallvorsorge – wie im Interview mit den BNN.

Herr Kling, es scheint, das Gefahrenpotenzial nimmt ständig zu. Sie sind sicher ein gefragter und vielbeschäftigter Mann?

Diese Einschätzung täuscht nicht. Man muss zwar unterscheiden zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohungslage, aber die ist wirklich eine ganz andere, als vor fünf oder zehn Jahren.

Warum?

Die Gesellschaft wird immer verletzlicher. Das liegt am Lebensstil. Der technische Fortschritt nimmt stärker zu als die Maßnahmen, die getroffen werden, um die Verletzlichkeit zu mindern. Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Stromausfall kürzlich am Hamburger Flughafen, als von einem Moment auf den anderen nichts mehr ging.

Was heißt das für Sie?

Die Frage, wie kann ich kritische Infrastrukturen sicher machen, rückt immer stärker in den Fokus. Ich bekomme mehr Beratungs- und Forschungsaufträge, die sich mit Schutzmaßnahmen befassen. Derzeit bin ich zum Beispiel  in ein Bundesprojekt „kritische Infrastruktur Wasserversorgung“ involviert.

Zur Person – Andreas Kling: Der gebürtige Bruchsaler Andreas Kling, Jahrgang 1967, ist Diplom-Kaufmann und Dozent für Bevölkerungsschutz. Er lebt mit seiner Familie in Weingarten. Nach Einsätzen während des Bürgerkriegs in Bosnien als Logistiker in der Katastrophenhilfe und als Wahlbeobachter für das Auswärtige Amt, absolvierte kling den Aufbaustudiengang Katastrophen-Management an den Universitäten Bochum und Oxford. Danach war er in verschiedenen Positionen im Bereich Auslandsarbeit in Krisen- und Katastrophengebieten tätig. Seit 2010 ist er selbstständiger Berater mit den Arbeitsschwerpunkten kritische Infrastrukturen, Sicherheit und Logistik. Zusammen mit Experten der Feuerwehr, aus dem Bevölkerungsschutz, und der Forschung hat Andreas Kling gerade das Buch „Sicher trotz Katastrophe. Ein praktischer Ratgeber für die persönliche Notfallvorsorge“ (200 Seiten; Walhalla Verlag; 19,95 Euro) herausgegeben.

Wird das Thema Notfallvorsorge von der Bevölkerung auf die leichte Schulter genommen?

Defenitiv ja. Es gibt auch eine Erklärung dafür, das sogenannte Verletzlichkeitsparadoxon. Denn abgesehen vielleicht von einzelnen Hochwasserereignissen oder dem Stromausfall im Münsterland 2005 ist in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs ja nichts größeres passiert, man wiegt sich also in Sicherheit.

Welche Möglichkeiten bietet der staatliche Bevölkerungsschutz und wo liegen dessen Grenzen?

Die staatlichen Aufklärungsmaßnahmen reichen nicht aus. Und sie dringen nicht durch. Der Zivilschutz ist Sache des Bundes, der Katastrophenschutz obliegt den Ländern. Das ist eine künstliche Trennung, diese Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß. Ziel muss sein, die Bevölkerung zu schützen. Auf räumlich begrenzte Dinge ist der Bevölkerungsschutz nicht schlecht aufgestellt. Aber für den Fall eines großflächigen Ereignisses müsste der persönlichen Notfallvorsorge der Bevölkerung mehr Bedeutung zukommen.

In diese Richtung zielt der Ratgeber, den Sie mit Experten zusammengestellt und gerade herausgegeben haben.

Es ist kein Fachbuch, sondern allgemein verständlich für Otto Normalverbraucher geschrieben. Das Buch soll die Bevölkerung sensibilisieren. Es soll weiter gehen, als das, was von staatlicher Seite von den Ratgebern des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, kommt. Zielgruppe sind die Leute, die mehr wissen und sich besser vorbereiten wollen.

 

Sind die Gefahrenpotenziale für jeden Ort gleich?

Nein, jede Gemeinde sollte für sich eine Risikoanalyse erstellen. Das muss der erste Schritt sein.  Dadurch können die Gefahren und deren Eintrittswahrscheinlichkeit individuell bewertet werden. Von oben nach unten, von großflächigen Risiken wie einem Blackout bis zu ortsspezifischen Gefahrenpotenzialen.

Und dann?

Als nächstes werden die Schutzziele, wenn es zum Beispiel ein Altenheim in der Gemeinde gibt, dann die Schritte, die man ergreifen will, definiert. Zum Beispiel: Sind genügend Notstromaggregate und Pumpen vorhanden oder braucht man noch welche. Mit der Anschaffung ist allerdings die Frage der Bedienung noch nicht geklärt. Generell ganz wichtig ist auch, die Bevölkerung, die örtliche Feuerwehr, das DRK, in der Vorsorgeplanung mitzunehmen.

Wären Länder, Kreise und Kommunen auf ein Notfallszenario vorbereitet?

Die Behörden tun viel, es wurde auch einiges angeschoben, aber das kann nicht reichen, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Man muss jedoch auch stark zwischen Stadt und Land unterscheiden. Im ländlichen Raum ist es einfacher die Bevölkerung zu versorgen, als in Metropolen. Auf jeden Fall würde im Krisenfall der Nachbarschaftshilfe ein enorm wichtiger Stellenwert zukommen.

 

Schon ein paar Minuten ohne Strom genügen, um für Aufregung zu sorgen. Wann wird’s ernst?

Drei, vier Stunden wären unproblematisch. So richtig schwierig wird es, wenn ein großes Ballungszentrum  mal zwei Tage ohne Strom wäre.

Die Stromversorger setzen auf sogenannte Smart Grids (intelligente vernetzte Stromsysteme und nahtlose Kommunikation über das Internet). Ein Risiko?

Durchaus. Dieser Komfort macht die Stromversorgung durch Hackerangriffe verwundbarer.. Von allen Szenarien, die derzeit im Bevölkerungsschutz diskutiert werden, würde ein Blackout die Menschen am härtesten treffen, weil die Abhängigkeit am größten ist. Und bei einem Ausfall im europäischen Stromverbundnetz könnten Tage vergehen, bis sich wieder alles eingependelt hat.

Was wären die Folgen?

Bei vielen Dingen ginge es ans Eingemachte: Kein Licht, keine Computer, kein Internet, keine Ampeln, keine Geldautomaten, keine funktionierenden Zapfsäulen an Tankstellen, kein Polizeifunk, Probleme in den Krankenhäusern, knapp werdende Dieselvorräte, keine Heizung und unter Umständen keine Wasserversorgung, aber auch keine Toilettenspülung. Ganze Häuser wären nicht mehr nutzbar…

…und es gäbe kaum Vorräte.

Die würden in deutschen Haushalten für maximal zwei, drei Tage reichen. Aber: Auch Kühl- und Gefrierschränke tauen dann ab und die darin gelagerten Lebensmittel würden in kurzer Zeit verderben. Und wie bekomme ich warmes Essen und warme Getränke? Es würde zwar niemand verdursten oder verhungern, aber eine enorme Unsicherheit herrschen: Was steckt dahinter? Wann kommt der Strom wieder? Wie geht es meinen Verwandten?

Das Telefon-Festnetz steht dann auch nicht mehr zur Verfügung, aber es gibt ja noch das Handy.

Die wenigsten Mobilfunkmasten sind Notstrom gesichert. Nach  Einschätzung vieler Experten würde die Mobilfunkversorgung nach wenigen Stunden ausfallen. Aber mal eine Gegenfrage: Wofür brauche ich in einer solchen Situation überhaupt ein Handy?

Bei aller Vorsorge: Eine vollständige Absicherung wird man kaum erreichen können. Wann hört Vorsorge auf und wann beginnt Hysterie?

Ich vergleiche das mit einer Haftpflichtversicherung. Jeder hat sie, die wenigsten brauchen sie, aber man muss vorbereitet sein. Wenn Vorsorge zum Hobby wird, wenn man sich jeden Tag damit beschäftigt, dann geht das schon in Richtung „Prepping“. Sogenannte Prepper wollen jederzeit gerüstet sein, legen Vorräte für alle mögliche Krisen- oder Katastrophenszenarien an. Das geht über vernünftige Vorsorge weit hinaus

Was ist der rationale Mittelweg zwischen „Vollkaskomentalität“ und „Weltuntergangsstimmung“?

Grundsätzliche Überlegungen zu treffen, wo und wie bin ich, meine Familie und meine Nachbarschaft gefährdet und zu hinterfragen, was kann ich mit relativ einfachen Mitteln machen, das ist für mich rationale Vorsorge.

Welche Vorkehrungen haben Sie beispielsweise für einen Blackout getroffen?

Ich habe keine 20 Kästen Sprudel im Keller stehen, da gibt es Alternativen. Ich halte mich auch nicht an die Lebensmittelvorschläge des BBK. Warum soll ich etwas einlagern, das meine Kinder nicht essen? Da ist Pragmatismus gefragt, will heißen statt zwei Kilogramm Spaghetti werden sechs oder sieben Kilo bevorratet, statt einer Packung Reis drei oder vier, außerdem reichlich Tomatensoße – das essen wir gerne. Ich habe für sieben bis zehn Tage Lebensmittel zuhause. Das ist genug, denn ich gehe davon aus, dass innerhalb dieser Zeitspanne die normalen Strukturen wieder funktionieren.

Unter anderem haltbare Lebensmittel wie Reis oder Teigwaren, Kerzen, eine Taschenlampe, die mechanisch per Kurbel aufgeladen wird, ein Kurbel- oder batteriebetriebenes Radio und Ratgeber sollten für alle Fälle im Haus sein. | Foto: Spitz

Und was ist sonst noch wichtig?

Eine Taschenlampe, die nicht mit Batterien betrieben, sondern mechanisch per Kurbel aufgeladen wird. Die gibt es in guter Qualität in Outdoor-Läden für 30 bis 40 Euro. Ein Kurbel-Radio, um Informationen zu bekommen. Batterien sind nur begrenzt haltbar, das sollte bei der Einlagerung bedacht werden. Kerzen und Streichhölzer wären ebenfalls probate Mittel. Wichtig ist auch eine alternative Kochquelle, zum Beispiel ein Campinggas- oder Spirituskocher. Auch an regelmäßig benötigte Medikamente muss gedacht werden. Bargeld und Hygieneartikel dagegen sollten nicht überbewertet werden. Wichtig ist Seife. Und noch etwas: Gefäße, um Wasser von Verteilstellen holen zu können.