Tablets ersetzen dicke Schulbücher: Jeder Schüler soll individuell abrufen können, was er braucht. Die Arbeitsblätter verschwinden. Der Einsatz digitaler Medien in Schulen bildet einen Schwerpunkt in der Digitalstrategie des Landkreises. | Foto: dpa

Interview zur Digitalstrategie

Komplexe Sachverhalte werden vereinfacht

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Seit dem 10. September läuft die Online-Umfrage „Digitaler Landkreis Karlsruhe“. Bis 30. September ist auf der Startseite der Landratsamts-Homepage ein Zugangslink zu einem Fragebogen bereitgestellt. Über die Hintergründe sprach unser Redaktionsmitglied Jörg Uwe Meller mit Ragnar Watteroth, Kreiskämmerer und Kaufmännischer Geschäftsführer der Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe GmbH.

Worum geht es bei der Digitalstrategie?

Watteroth: Komplexe Sachverhalte vereinfachen – darum geht es. Das merkt man schon bei der Internetnutzung: Wenn eine Website nicht überzeugt, verlässt der Kunde sie nach 20 Sekunden wieder. Von dieser Gedankenwelt, die sich ausbreitet, könnten auch wir uns nicht freimachen. Darum haben wir die Fragen bei der Online-Umfrage auch bewusst einfach gehalten.

Anders gefragt: Was ist das Ziel Ihrer Digitalstrategie?

Watteroth: Warum reserviere ich Plätze im Kino? Weil ich sonst eine halbe Stunde vorher da sein muss, um mich in der Schlange anzustellen. Diesen Mehrwert müssen wir als Servicegedanken in die Verwaltung reinbekommen. Als Verwaltung hat man viele Berührungspunkte mit den Bürgern. Wir versuchen über die Umfrage herauszufinden, was man von einem digitalen Landkreis erwartet.

Die Bürger erwarten von einer zeitgemäßen Verwaltung, dass sie schnell und gut bedient werden.

Watteroth: Deshalb legen wir den Fokus verstärkt auf Bereiche, bei denen nicht nur wir, sondern auch die Bürger und Unternehmen ihren Vorteil haben. Den steigenden Anforderungen können wir nur genügen, wenn wir all die digitalen Möglichkeiten ausnutzen.

Ein Beispiel?

Watteroth: Nehmen wir die Gesundheitsbelehrung, die viele Helfer von Vereinen brauchen, wenn sie Essen ausgeben wollen. Analog lief das sehr umständlich ab. Heute wählen die Leute im Internet einen Termin, zahlen mit den gängigen Zahlungsmechanismen – nicht nur mit EC-Karte –, bekommen ihren Termin bestätigt und gehen zur Veranstaltung. Das Geld wird von der Kreiskasse online abgebucht. Da muss kein Mitarbeiter mehr ran. Die ganzen Prozesse werden verschlankt.

Können Sie ein anderes Beispiel nennen, das bereits umgesetzt wird?

Watteroth: Wenn man einen Schwerbehindertenausweis beantragt, läuft die Ausstellung seit gut einem halben Jahr über eine digitale Akte, die ämterübergreifend im Gesundheitsamt und im Amt für Versorgung und Rehabilitation geführt wird.

Kreiskämmerer Ragnar Watteroth beantwortete die Fragen der BNN | Foto: lra

Was kann man in nächster Zukunft noch erwarten?

Watteroth: Wir sind jetzt dabei, die E-Rechnung (elektronische Rechnung) umzusetzen. Wir erwarten, das Projekt noch im November umzusetzen. Die Zielvorgabe sind elektronische Datensätze direkt zu verarbeiten. Monotone, immer wiederkehrende Erfassungen wie Zahlungsanordnungen und -anpassungen für Strom oder Gas fallen weg. Die Datensätze werden künftig zwischen den zwei Servern im Rechenzentrum und im Landratsamt ausgetauscht, die direkt miteinander kommunizieren.

Geht das ein bisschen konkreter?

Watteroth: Früher wurden Rechnungen für Lizenzen generiert, ausgedruckt, per Post verschickt und beim Zahlungseingang im Rechenzentrum manuell bearbeitet. Künftig wird eine Rechnung bei Eingang elektronisch einem Vertrag zugeordnet, ein Mitarbeiter setzt nach der Prüfung ein Häkchen, dann geht es automatisch an die Kreiskasse.

Sie legen ein Schwergewicht auf die Schulen…

Watteroth: Der Landkreis Karlsruhe ist im Verbund mit den Landkreisen Biberach, Böblingen, Konstanz und Tuttlingen unter den Gewinnern des Landeswettbewerbs „Digitale Zukunftskommune@bw“ des Innenministeriums. Jeder Landkreis entwickelt sein eigenes Thema. Wenn es funktioniert, können es mindestens die anderen vier übernehmen. Unsere Thema ist Schule, unsere sonderpädagogischen Einrichtungen und Berufsschulen. Welche Medien können Schulen einsetzen, um Kommunikation durch digitale Medien noch zu erleichtern?

Wie ist denn der Rücklauf seitens der Schulen bei der Umfrage?

Watteroth: Sehr hoch. Die Schulen sind ganz klar daran interessiert, die Schüler so vorzubereiten, dass sie den Weg in die Industrie schaffen.

Wie geschieht das?

Watteroth: Sie werden zum Beispiel auf die digitale Pflegedokumentation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen in eigens dafür ausgestatteten Tabletklassen im Schulalltag vorbereitet. Dicke Schulbücher gehören zunehmend der Vergangenheit an. Jeder Schüler kann individuell über das Tablet abrufen, was er braucht. Die Arbeitsblätter verschwinden. Die Arbeitgeber erwarten, dass die Bewerber Anwenderwissen bereits in den Schulen erworben haben und beispielsweise nicht erst in einem Unternehmen in Kontakt mit einem interaktiven Whiteboard kommen. Entsprechend wird es bereits in Schulen eingesetzt, eine Barriere fällt damit weg. Der Schüler kommt mit dieser Kompetenz und muss sie nicht zusätzlich zu betrieblichem Wissen erwerben.

Und wie ist der Rücklauf zur Umfrage generell?

Watteroth: Wir haben gute Rückläufe von Unternehmen, bei den Bürgern ist das noch nicht so ausgeprägt. Aber wir sind zeitlich ja erst in der Mitte. Die Umfrage läuft bis 30. September. Nach derzeitigem Stand beteiligen sich vor allem junge und ältere Menschen, der Mittelbau, 30 bis 60 Jahre, ist noch ein bisschen schwach, wir hoffen, dass da noch mehr Teilnehmer kommen.

Wie schnell darf man erwarten, dass die Ergebnisse aus der Umfrage umgesetzt werden?

Watteroth: Wir gehen davon aus, dass wir die Umfrage noch in diesem Jahr auswerten. Innerhalb von neun Monaten wollen wir zum Abschluss kommen. Bei der Digitalisierung gibt es ja den Zeitfaktor. Wenn ein Projekt zu lange verschleppt wird, kommt es mit der technologischen Entwicklung nicht mehr mit. Das ist wie in einem Spiel, in dem man sich von Level zu Level zu bewegen hat und nicht zu lange verharren darf.

Bis 30. September wird auf der Startseite der Landratsamts-Homepage www.landkreis-karlsruhe.de ein Zugangslink zu dem Fragebogen bereitgestellt. Für Auskünfte stehen Mitarbeiter des Landratsamts unter Telefon (07 21) 93 65 56 10 oder (07 21) 93 65 62 50 zur Verfügung.