Eher unscheinbar ist das von Graffiti „verzierte“ Stellwerk der Bahn an der S4-Strecke Karlsruhe – Bretten in Jöhlingen. Die AVG, die diese Strecke fährt, hat das Stellwerk, das immer wieder Probleme verursacht, von der Bahn gepachtet.
Eher unscheinbar ist das von Graffiti „verzierte“ Stellwerk der Bahn an der S4-Strecke Karlsruhe – Bretten in Jöhlingen. Die AVG, die diese Strecke fährt, hat das Stellwerk, das immer wieder Probleme verursacht, von der Bahn gepachtet. | Foto: Waidelich

Stellwerk Jöhlingen schwierig

Kraichgaubahn S4: Anfällige Technik ärgert Pendler

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Während für die ICE-Strecken der Bahn über riesige Programme zur Verbesserung der Infrastruktur diskutiert wird, machen Probleme der Deutschen Bahn im Kleinen ihren Partnern und Kunden Probleme. Beispiel: das Stellwerk Jöhlingen. Von dort wird ein Teil der Stadtbahnstrecke S4 gesteuert. Nicht immer allerdings, denn es gibt häufiger Probleme – so auch am 9. August.

Matthias Kuld hat sich bei der Albtal Verkehrsgesellschaft (AVG), die die S4 betreibt, informiert und fasst nachfolgend Fragen und Antworten zusammen.

Wem gehört das Stellwerk? Wer ist für die technische Betreuung, insbesondere im Störungsfall, zuständig?

Die AVG hat die gesamte Kraichgaubahn (Grötzingen – Heilbronn) einschließlich der signaltechnischen Anlagen von der Deutschen Bahn gepachtet. Es wurde ein Werksvertrag über die Instandhaltung der Signalanlagen mit der Deutschen Bahn AG abgeschlossen. Die Bahn ist somit für die Wartung und die Entstörung des Stellwerks Jöhlingen verantwortlich. Die Anlagenverantwortung obliegt der AVG.

Welchen Streckenabschnitt deckt das Stellwerk ab?

Über das Stellwerk Jöhlingen wird der zweigleisige Streckenabschnitt von Jöhlingen nach Wössingen einschließlich der Weichen betreut.

Was ist die Aufgabe des Stellwerks?

Ein Stellwerk steuert elektrische Weichen und Signale. Dabei überwacht es – so die AVG –, dass bei Fahrtstellung eines Signals der dahinterliegende Gleisabschnitt frei von Fahrzeugen ist, alle Weichen in der richtigen Stellung liegen, mechanisch verschlossen sind und keine weiteren Züge in den entsprechenden Gleisabschnitt eingelassen werden können. Ein Stellwerk ist somit für einen sicheren Bahnbetrieb unverzichtbar.

Was sind die Besonderheiten des Stellwerks Jöhlingen? Wie alt ist es, wie funktioniert es?

Das Relaisstellwerk Jöhlingen wird über eine relaisgesteuerte Fernsteuerung vom Stelltisch in Grötzingen aus durch den dortigen Fahrdienstleiter bedient. Die Fernsteuerung besteht neben elektronischen Baugruppen aus über 2 000 Kammrelais. Fernsteuerung und Stellwerk stammen aus dem Jahr 1992 und wurden vom damaligen Streckenbetreiber, der Deutschen Bundesbahn, gebaut.

Warum gibt es immer wieder Probleme mit diesem Stellwerk?

Verantwortlich für die Ausfälle war laut AVG-Antwort bisher nie das Stellwerk selbst, sondern dessen Fernsteuerung.

Was genau sind die Probleme?

Die Technik der Fernsteuerung ist sehr komplex und störanfällig. Die Lokalisierung und Behebung einer Störung ist sehr kompliziert. Deutschlandweit gibt es nur noch wenige Experten für diese Technik. Ersatzteile sind schwer lieferbar. Leider wurde – so schreibt die AVG – beim Bau des Stellwerks und der Fernsteuerung durch die damalige Bundesbahn auf eine Rückfallebene, einen Notbedienplatz vor Ort in Jöhlingen, der eine Bedienung des Stellwerks ohne Fernsteuerung ermöglicht, verzichtet.

Gibt es schon Pläne für eine Ersatzinvestition?

Eine adäquate Nachfolgetechnik für die Fernsteuerung ist auf dem Markt nicht erhältlich. Das Signalwerk Wuppertal der Bahn wurde daher mit einer aufwendigen Durcharbeitung der Fernsteuerung beauftragt. Dabei wird unter anderem jedes einzelne der über 2 000 Kammrelais händisch geprüft und bei Bedarf ersetzt. Diese Durcharbeitung soll im März 2020 erfolgen. Dafür werden allerdings über zwei Wochen nächtliche Streckensperrungen erforderlich sein.  Ein früherer Ausführungszeitraum als März 2020 ist aufgrund von langen Lieferzeiten bei den Kammrelais nicht möglich. Bei einem zweigleisigen Ausbau zwischen Grötzingen und Jöhlingen West soll das Relaisstellwerk Jöhlingen durch ein elektronisches Stellwerk ersetzt werden. Die störanfällige Fernsteuerung wird dann nicht mehr benötigt. Der Landkreis lässt eine Verbesserung der Infrastruktur mit zweigleisigem Ausbau untersuchen. Für die vorgesehene Planung mit sauberem 20-Minuten-Takt in die Innenstadt von Karlsruhe und einem Eilzug zum Hauptbahnhof sind bauseits 25 bis 35 Millionen Euro kalkuliert.

Wie lange hat die letzte Störung vom 9. August gedauert?

Die Störung konnte am 10. August gegen drei Uhr durch die Deutsche Bahn AG behoben werden. Der Betrieb auf der Strecke zwischen Durlach und Bretten wurde wieder vollständig gegen 7.30 Uhr aufgenommen.