Will in Alt-Dettenheim bleiben: In den 80er Jahren kam Olaf Stuckas in den Westen. Der gelernte Stahlwerker fing hier nochmal neu an, verlor allerdings seine Wohnung und war mehrere Monate obdachlos. Seit acht Jahren kennt er Marcel Kulz. | Foto: pr

Ehemaliger Obdachloser

Linkenheimer pflegt schwerbehinderten Bekannten – weil der Pflegedienst ihn ablehnt

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Schwerbehindert, vorerkrankt – und mehrere Monate obdachlos. Das ist das Schicksal, das Olaf Stuckas widerfahren ist. Der 64-Jährige wird mittlerweile von Marcel Kulz aus Linkenheim-Hochstetten gepflegt. Der 38-Jährige hat dafür Zimmer in seinem Elternhaus in Alt-Dettenheim für Stuckas auf Vordermann gebracht, wie er im Video-Chat mit den BNN erzählt.

Es ist Mitte der 80er Jahre: Stuckas kommt aus der DDR in den Westen. Er macht rüber, indem er vortäuscht, seine Großeltern im Westen besuchen zu wollen. Allerdings seien diese zu jenem Zeitpunkt schon 20 Jahre tot gewesen, berichtet Marcel Kulz. Der gelernte Stahlwerker habe hier noch einmal komplett von vorne angefangen – im Stahlbau in Helmsheim.

Weg aus der Obdachlosigkeit

Mit dem Verlust seiner Wohnung über der so genannten Gurken-Halle in Dettenheim, dort wo heute der Netto-Markt steht, habe dann die Misere angefangen, schildert Kulz die Geschichte von Stuckas. Er wurde obdachlos. Zu diesem Zeitpunkt habe Kulz’ Vater noch gelebt, der ein Zimmer frei hatte. Und Stuckas blieb.

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Kulz studiert Psychologie

Seit rund acht Jahren kennen sich Marcel Kulz und Olaf Stuckas. Zweimal am Tag besucht der 38-Jährige seinen Bekannten, erledigt Einkäufe, geht für ihn in die Apotheke oder zum Arzt, um beispielsweise Rezepte abzuholen. Um ihn betreuen zu dürfen, hat der Hobby-Heimatforscher angefangen, Psychologie zu studieren.

Stuckas hat einen Schwerbehinderungsgrad von 100

„Ich habe mittlerweile sämtliche Papiere, sodass ich ihn offiziell betreuen kann“, sagt er. Selbst ein Krankenbett gehört zur Ausstattung im Haus in Alt-Dettenheim. Olaf Stuckas hat einen Schwerbehinderungsgrad von 100.

Sohn starb 2014

Mit einem Dach über dem Kopf wurden die Sorgen allerdings nicht weniger. 2014 starb Stuckas’ Sohn. Gerichtlich habe man sich zuerst mit der Krankenkasse auseinandergesetzt. Als dieses Verfahren eingestellt gewesen sei, habe es die Rentenversicherung wieder aufgenommen. Die finanziellen Forderungen und eine Rentenkürzung um rund 50 Prozent seien für Stuckas existenzbedrohend, erläutert der 38-Jährige.

Allein die Diagnose Hepatitis ist kein ausreichender Grund, einen Patienten abzulehnen.

Arne Maaß, Johanniter-Unfall-Hilfe Regionalverband Baden

 

Wegen einer positiven Hepatitis-B-Erkrankung im Endstadium habe es ein ambulanter Pflegedienst abgelehnt, Stuckas zu pflegen, erklärt Kulz. Aber: Darf ein Patient mit einer Hepatitis einfach so abgelehnt werden?

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Nachfrage bei einem Rettungsdienst: Arne Maaß, der bei den Johannitern im Regionalverband Baden im Bereich Kommunikation und Marketing tätig ist, beantwortet allgemein Fragen, ob und unter welchen Gesichtspunkten ein Patient abgelehnt werden kann. Die Helfer sind auch in der ambulanten Pflege tätig. „Allein die Diagnose Hepatitis ist kein ausreichender Grund, einen Patienten abzulehnen“, sagt er. Grundsätzlich liege die Entscheidung, ob ein Kunde betreut werde oder nicht, bei der Pflegedienstleitung. Voraussetzung für die Betreuung seien ein ausreichend qualifiziertes und geschultes Fachpersonal, die strenge Einhaltung der Hygienerichtlinien und eine Ausstattung mit entsprechender Schutzkleidung beziehungsweise Schutzausrüstung.

Gründe für Ablehnung

Wenn eine sachgerechte Behandlung in der häuslichen Umgebung nicht möglich ist, der Patient nicht ausreichend kooperiert, beispielsweise Absprachen nicht eingehalten werden oder eine Gefährdung durch den Patienten selbst besteht, können dies Gründe für eine Ablehnung sein. Entscheidend sei auch, ob ein Patient sinnvoll in die organisatorischen Abläufe, beispielsweise die Tourenplanung, eingebunden werden könne.

Weitere Faktoren finden sich bei den personellen Kapazitäten oder wenn ausreichend erfahrene und qualifizierte Fachkräfte fehlen. Durch großen Mangel an qualifizierten Fachkräften bei vielen Pflegediensten sei dies häufig ein entscheidender Punkt für die Ablehnung von Patienten, so Maaß.

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Lebensabend in Alt-Dettenheim

Marcel Kulz erläutert, dass der damals zuständige Pflegedienst seinerzeit auf die Vertragsfreiheit verwiesen habe. Momentan sei Stuckas allerdings stabil. Die Arbeiten in Kulz’ Elternhaus gehen indes weiter. Ein Ofen wurde bereits installiert und das Badezimmer werde behindertengerecht umgebaut. Und eine Rollstuhlrampe soll noch kommen. Olaf Stuckas will seinen Lebensabend in Alt-Dettenheim verbringen.