Stoff, aus dem die Träume sind: Aus Grünabfall wird in einem technischen Verfahren Pflanzenkohle. Die kann, klein gemahlen, als Bodenverbesserer eingesetzt werden. Vor allem kann Pflanzenkohle aber Kohlendioxid speichern. | Foto: Settnik/dpa

Regenerative Landwirtschaft

Mit Pflanzenkohle zum Vorreiter: Graben-Neudorfer Landwirt verwandelt Acker zum Versuchslabor

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Landwirt Marcus Melder aus Graben-Neudorf ist gewissermaßen Vorreiter in Sachen Pflanzenkohle, die als wichtiger Baustein beim Klimaschutz gilt: Auf seinem Hof macht er sich ihre positiven Eigenschaften zu Nutze – und reduziert damit nicht nur den Einsatz von chemischen Düngern.

Um die Pariser Klimaziele einer Begrenzung der globalen Erwärmung um deutlich unter zwei Grad (möglichst unter 1,5 Grad) zu erreichen, müssen freigesetzte Treibhausgase stark reduziert werden. Darin sind sich die Experten einig. Ebenso zwingend erscheint, CO2 (Kohlendioxid) aktiv der Atmosphäre zu entziehen.

Und in diesem Zusammenhang kommt dann Pflanzenkohle ins Spiel. Eine Vorreiterrolle hat Landwirt Marcus Melder aus Graben-Neudorf übernommen. Pflanzenkohle wird üblicherweise aus Resten von an Land wachsenden Pflanzen hergestellt.

Pflanzenkohle gilt als Habitat für wichtige Mikroorganismen

Sie entsteht, wenn Biomasse wie zum Beispiel Stroh unter Entzug von Sauerstoff nicht verbrannt, sondern unter Luftabschluss bei Temperaturen zwischen 380 und 1.000 Grad verkohlt wird (Pyrolyse). Durch die pyrolytische Verkohlung geben die Pflanzen das in ihnen gespeicherte CO2 nicht in die Atmosphäre ab.

Weil die Mineralstoffe der ursprünglichen Biomasse in den Poren und an der Oberfläche der Pflanzenkohle gebunden wird, ist die, ausgebracht auf die Felder, zugleich Bodenverbesserer. Sie speichert Wasser und ist Habitat für wichtige Mikroorganismen – darum geht es Melder auch in Graben-Neudorf.

Das Nährstoffmanagement im Boden, der Humusaufbau, das ist die Königsdisziplin

Die Rolle der Pflanzenkohle beim Klimaschutz als CO2-Senker müsse man allerdings relativieren. „Das ist ein Baustein“, meint Melder: „Kohle auf den Acker kippen und die Welt ist in Ordnung – so funktioniert das nicht.“ Den Boden fit machen für die klimatischen Veränderungen, das sei der Schlüssel. „Sonst haben wir dem Klimawandel nichts entgegenzusetzen.“

Das ist auch der Ansatz der regenerativen Landwirtschaft, in der er die Zukunft seines Betriebs sieht. Und bei der regenerativen Landwirtschaft ist Pflanzenkohle ein zentraler Baustein. „Humusaufbau ist für die Wasserhaltefähigkeit der Böden mit Blick auf prognostizierte immer längere Trockenperioden von enormer Bedeutung“, erklärt Marcus Melder.

Tierische Helfer: Im Freiland „veredeln“ auf dem Hof von Marcus Melter Schweine die Pflanzenkohle.
Tierische Helfer: Im Freiland „veredeln“ auf dem Hof von Marcus Melder Schweine die Pflanzenkohle. | Foto: Spitz

Ein weiteres Ziel, das er mit der Pflanzenkohle verfolgt: Den Einsatz von chemischen Düngern zu reduzieren. Marcus Melder baut vor allem Gemüse und Obst an. Im Gehege des Melder-Hofs leben außerdem 30 Schweine, hunderte Hühner sowie Hähne in Freilandhaltung.

In Deutschland gibt es bisher kaum Erfahrungswerte

Seit zwei Jahren sei er im „Versuchsstadium“ mit der Pflanzenkohle. In kleinen Mengen kauft Melder „leere“ Kohle dazu, mischt diese dem Futter und Stroh im Gehege bei. So vermischt sich das, wird irgendwann alles zusammen kompostiert und schließlich als Dünger auf dem Acker ausgebracht.

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Gerade entsteht ein neuer, großer Freilandstall für die Schweine. Ein Prototyp, im Laufe der Jahre mit Freiland-Schweinehaltung von ihm entwickelt. „Da gibt es eine Kuhle, in die kommt alles rein. Futter, Wasser, Stroh, Kohle, Minerale. Die Schweine fressen in dieser Kuhle, sie wühlen darin rum, hinterlassen Exkremente, vermischen das – und so lädt sich die Kohle auf“, erklärt Marcus Melder das Prinzip.

Während der Einsatz von Pflanzenkohle in einigen Ländern bereits durchaus verbreitet ist (gerade in Österreich und der Schweiz wird Pflanzenkohle nicht nur als CO2-Senker gesehen, sondern auch zur Verbesserung der Böden und für höhere Erträge genutzt), gibt es in Deutschland kaum wissenschaftliche Studien dazu.

„Mit Erfahrungswerten ist das schwierig“, gibt auch Marcus Melder unumwunden zu. „Momentan gibt es noch sehr wenige Kollegen, die das probieren.“ Er bestelle die Kohle zurzeit im Internet, erzählt er und fügt hinzu: „Nachhaltig ist das nicht.“

Grötzingen will als Pilotprojekt fungieren

Einen regional geschlossenen Kreislauf von der Biomasse zur Pflanzenkohle – das könnte sich Melder im Sinne der Nachhaltigkeit auch in Graben-Neudorf vorstellen. In Grötzingen stimmte der Ortschaftsrat kürzlich übrigens geschlossen der Ausschreibung einer Machbarkeitsstudie zu, in der die Anschaffung eines Pyrolyseofens für 50.000 Euro untersucht werden soll.

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Damit könnte Pflanzenkohle aus Holz und Grünabfällen privater Gärten und kommunaler Flächen gewonnen werden. Grötzingen will als Pilotprojekt fungieren, um Erfahrungen mit der Technologie zu sammeln. In einem neuen Biomassezentrum der Abfallwirtschaft im Neckar-Odenwald-Kreis (AWN) in Buchen wird aktuell eine Anlage zur Herstellung von Pflanzenkohle installiert.

Mit dieser Anlage eines deutschen Herstellers wird es möglich sein, regionale Biomassen wie Grünschnitt von Grüngutplätzen, Getreidespelzen aus der Landwirtschaft oder auch Hackschnitzel zu Pflanzenkohle zu veredeln. Dabei arbeitet diese Anlage nach dem Prinzip der trockenen Karbonisierung, das dem, was die Köhler früher im Wald getan hatten, sehr ähnlich ist.

Bei einem Materialeinsatz von rund 800 Tonnen Biomassen entstehen rund 200 Tonnen Pflanzenkohle, heißt es auf der AWN-Homepage. Marcus Melder hat sich die Anlage in Buchen angeschaut. „Damit“, sagt er, „wird bewiesen, dass es funktioniert.“