Begeisterte Tüftler und Bastler: Die Jungs und Mädchen der Modellbahn AG des Thomas-Mann-Gymnasiums Stutensee. Geleitet wird die Arbeitsgruppe von Matthias Wagner (Zweiter von rechts). Dieter König (links) unterstützt die AG ehrenamtlich. Ihre Anlage war schon in Leipzig und Barcelona zu sehen. | Foto: Manfred Spitz

Leipzig, Barcelona, Keltern…

Modellbahn AG des TMG Stutensee auf Achse

Anzeige

Modelleisenbahn ein Auslaufmodell? Nicht am Thomas-Mann-Gymnasium (TMG) Stutensee. Dort wird in der Modellbahn AG jeden Freitag gefräst und gebohrt, gelötet und gehämmert, geklebt und Figuren bemalt. „Und das mit sehr viel Leidenschaft“, betont Lehrer Matthias Wagner, der für die seit 1995 bestehende Modellbahn AG seit 14 Jahren verantwortlich zeichnet.

Thomas-Mann-Gymnasium Stutensee: Modellbahn AG

Schon als Matthias Wagner ans TMG nach Blankenloch kam und mit der Leitung der Arbeitsgruppe beauftragt wurde, sei er beeindruckt gewesen. Beeindruckt davon, wie die Kinder Modellbahn betrieben hätten, erzählt Wagner, der Biologie, Geografie sowie NWT (Naturwissenschaft und Technik) unterrichtet. Zurzeit sind zwischen 25 und 30 Schüler aus allen Klassenstufen in der Modellbahn AG.

Die Absprungrate ist gering

Gegenüber Vereinen habe die Schule einen Vorteil: „Die Leute sind bereits vor Ort. Wir müssen sie nur frühzeitig für die Modellbahn begeistern. Es ist enorm wertvoll, in der Schule den Keim für die Modellbahn zu legen. Wer mal dabei ist, bleibt dabei. Die Absprungrate ist gering“, sagt der Wagner.

Überregional bekannt: Auch das Märklin-Magazin berichtete schon über die jungen Modellbahner vom TMG. | Foto: Manfred Spitz

Da wäre zum Beispiel Niklas. Der macht jetzt Abi, seit der fünften Klasse kommt er in die AG. Als Steppke habe er beim Tag der offenen Tür die Anlage der Modellbahn AG des Thomas-Mann-Gymnasiums zum ersten Mal gesehen. „Das“, verrät Niklas, „war dann auch ein Grund für mich, aufs TMG zu gehen.“ Ab der sechsten Klasse sei die Modellbahn AG ideal, meint Matthias Wagner. „Ab der zehnten Klasse wird’s richtig gut.“ Und die Älteren können die Jüngeren anleiten.

Schüler bauen ein Meter lange Module

In kleinen Teams bauen die Schüler sogenannte Module. Das sind genormte Segmente, bestehend aus einem (vom Schreiner CNC-gefrästen) Holzrahmen, einem Stück Strecke (mit Märklin-HO-Gleisen im Maßstab 1:87), Landschaft und der Verkabelung, aus denen zusammengefügt das große Ganze wird. „Jedes Modul ist 1 Meter lang und 40 oder 60 Zentimeter breit, je nachdem ob es ein gerades oder ein Eckstück ist“, erklärt Matthias Wagner. Nur auf Ausstellungen werden die Module zu einer Anlage vereint – und der Fahrspaß beginnt. Die meisten Loks und Wagen bringen dann die Schüler von ihren eigenen Anlagen mit.

Neben den Modulen arbeiten die Schüler derzeit noch an einer 4×1-Meter-Großanlage. „Das wird ein Güterbahnhof mit Containerterminal und einem Schattenbahnhof im Untergrund“, erklärt Niklas. Sie soll, wenn alles klappt,  im nächsten Jahr fertig – und dann ebenfalls auf Reisen zu Ausstellungen oder Messen – gehen.

50 Module – jedes eine kleine Themenwelt

„Dank der Modulbauweise sind wir sehr flexibel, es kann immer etwas Anderes aufgebaut werden“, erzählt Matthias Wagner weiter. Der Blick in seine Datenbank zeigt, 50 Module sind bisher entstanden, jedes eine kleine Themenwelt: Ein Rummelplatz, eine Burg mit Geheimnis-Bergwerk, eine Tropfsteinhöhle, ein Kletterpark mit Flying Fox, ein Moor mit Leiche, ein Moto-Cross- und Seifenkistenrennen, ein Container-Terminal, ein Bauernhof mit Pferdekoppel, eine Marienprozession, ein Feuerwehreinsatz, bei dem der Brand mit richtigem Wasser gelöscht wird, und, und, und… Für Bewegung auf den Straßen sorgt das Faller Car-System.

TMG-Anlage in Leipzig und Barcelona präsentiert

Mannheim, Leipzig, Barcelona, Keltern: So liest sich der Ausstellungs-Tour-Plan der TMG-AG in diesem Jahr. Die „Modell-Hobby-Spiel“ in Leipzig lockte Anfang Oktober fast 95 000 Besucher in die vier Messehallen, eine nur für die Modellbahn reserviert – die Stutenseer zeigten einen Teil ihre Schulanlage (9×16 Meter) einem großen Publikum. Am Wochenende 1. und 2. Dezember wartet jetzt noch ein Heimspiel: Bei der Ausstellung der Modelleisenbahnfreunde Keltern in der Speiterlinghalle Dietlingen.

Einzige Schule im internationalem Projekt  „Modelleisenbahn grenzenlos“

Beim Treffen des Projektes „Modelleisenbahn grenzenlos/Module Junior“, das 2018 sein 15-jähriges Bestehen feierte, präsentierte sich die Modellbahn AG des Thomas-Mann-Gymnasiums am letzten Oktober-Wochenende zusammen mit Modellbahn-Clubs aus Sachsen, Frankreich und Spanien in der katalonischen Metropole Barcelona. „Als einzige Schule dabei sind wir quasi die Exoten im Projekt“, erklärt Matthias Wagner. Und es ist ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den (nicht vielen) Schulen in Deutschland, die eine Modellbahn AG haben. Zum Beispiel ganz in der Nähe von Stutensee, in Berghausen.

Mit wenig, was tolles machen

Die Bauzeit für ein Modul liege, je nach Schwierigkeitsgrad und Alter der Erbauer zwischen einem und eineinhalb Jahren. Es kann aber auch schon mal bis zu zweieinhalb Jahren dauern. Das meiste wird selbst kreiert und gibt es nicht als Bausatz zu kaufen. „Umsetzung und Material müssen praktikabel und bezahlbar sein. Geld ist knapp. Wir müssen minimalistisch arbeiten“, betont Matthias Wagner. „Mit wenig, was Tolles machen, auch das ist eine Intention der AG“, verdeutlicht er. Ab der sechsten Klasse sei die Modellbahn AG ideal, meint Matthias Wagner. „Und ab der zehnten Klasse wird’s richtig gut.“

Nichts wird weggeworfen: Häuschen und Ausschmückungsmaterial – irgendwann findet alles auf einem  Anlagenteil Verwendung. | Foto: Manfred Spitz

Aktionen, Bewegung, Gimmicks

Wichtig sei, so Wagner, „Bewegung. Aktionen, die von den Leuten bei den Ausstellungen mit Knöpfchen in Bewegung gesetzt werden können.“ Ob mit einem um sein Nest fliegenden Storch oder einer Folterkammer mit Lichteffekten unter der Burg, an der gerade die Sechstklässlerinnen Lisa, Elisabeth und Melina arbeiten – in jedes Modul wird ein Gimmick eingebaut. „Uns macht es großen Spaß, solche Sachen zu bauen“, sagen die Zwillinge Josua und Inga-Lisa (13) aus Weingarten. Zuhause haben sie eine Märklin-Bahn, die läuft digital und sie tüfteln gemeinsam daran.

Die Sechstklässlerinnen bauen eine „Folterkammer“ mit Lichteffekten für die Burg. | Foto: Manfred Spitz

„Die Schüler machen alles selbst. Ich bin nur begleitend dabei. Viel wird ausprobiert, viel überlegt, wie’s gehen könnte. Die Kernfrage ist: Wie setzt man etwas um. Das funktioniert nicht immer. Man braucht Geduld, um zum Ziel zu kommen. Gerade auch wenn es um Technik geht, wird’s anspruchsvoll.“ So habe ein Schüler, um ein realistisch erscheinendes Flackern der Flammen bei einem Waldbrand zu erreicht, extra ein Programm geschrieben, verdeutlicht Wagner.

Dieter König unterstützt Matthias Wagner

Unterstützt wird Matthias Wagner von Dieter König, dem Vater eines ehemaligen TMG-Schülers. Als der Gründer der Modellbahn AG, Mathe-, Informatik- und Sportlehrer Michael Schwarz 2002 unerwartet starb, führte König die Arbeitsgruppe weiter – bis Matthias Wagner 2004 kam. Als technischer Leiter und Jugendbegleiter ist Dieter König der Modellbahn AG treu geblieben.

Der Schulwettbewerb „Modellbau und Schule“ war Ausgangspunkt für das Modulkonzept am TMG. Seit 2005 ist das Modellbahnprojekt als Begabten-AG vom Regierungspräsidium anerkannt. Mit der Unterstützung durch den Förderverein der Schule und Sponsoren ist es möglich, die Anlage aufzubauen und zu erweitern. „Spenden, ganz gleich ob Häuschen oder rollendes Material, sind aber jederzeit willkommen“, sagt Matthias Wagner.

Eine 15 Meter lange Anlage der Schüler der Modellbahn AG des Thomas-Mann-Gymnasiums Stutensee ist am 1. und 2. Dezember bei der Modelleisenbahn-Ausstellung in Keltern-Dietlingen (Speiterlinghalle; Samstag 13 bis 18 Uhr; Sonntag (10 bis 18 Uhr) zu sehen.
www.modellbahn-ag.de