Mit Fingerspitzengefühl: Eine richtige Unterbrechung habe es bei der Musikschule Hardt wegen des Virus nicht gegeben, sagt deren Leiterin. Der Unterricht für die Musikschüler wurde kurzerhand digital – und man habe viel improvisiert. | Foto: Michael Hanschke/dpa

Viel digitaler Unterricht

Musikschule Hardt blickt trotz Corona zuversichtlich in die Zukunft

Anzeige

Jutta Braun-Wingert ist seit November 2016 Leiterin der Musikschule Hardt. Mit unserem Redaktionsmitglied Patric Kastner redet sie über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Musikschule und wie nun Unterricht gehalten wird.

Wie erleichtert sind Sie, dass die Schüler nun wieder in der Schule unterrichtet werden dürfen?

Braun-Wingert: Sehr erleichtert. Bei uns ist seit Mitte Mai wieder alles allmählich angelaufen. Mit Ausnahme der Musikalischen Früherziehung und des Balletts dürfen alle Musikschüler, seit diesem Monat auch die Flötisten, Sänger und Bläser, wieder in den Einzelunterricht gehen. Es ist eine tolle Sache, dass die Schüler wieder ihre Lehrer sehen und umgekehrt.

Auch interessant: Studenten spielen in Innenhöfen der Region Gratis-Konzerte für Heimbewohner

Allerdings sind die Räume der öffentlichen Schulen und Kindergärten für uns noch nicht nutzbar. In der letzten Corona-Verordnung war von Ende Juni die Rede, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Anfang Juli noch in die Schulen dürfen.

Haben Sie in puncto Räume improvisieren müssen?

Braun-Wingert: Aber ja. Das war im Grunde in den vergangenen zwei Wochen meine Hauptaufgabe. Nun werden die uns noch zur Verfügung stehenden Gebäude so genutzt, dass dort fast täglich Unterricht stattfindet.

In Stutensee haben wir beispielsweise fünf Häuser zur Verfügung. Wir haben mit den Gemeindeverwaltungen zusammengearbeitet und sind auch in Linkenheim, Dettenheim, Weingarten und Graben-Neudorf auf große Unterstützung gestoßen, für die wir dankbar sind.

Seit November 2016 ist Jutta Braun-Wingert Leiterin der Musikschule Hardt. | Foto: Hora

Gretchenfrage: Wie sieht es mit der Hygiene aus?

Braun-Wingert: Wir dürfen unterrichten, wenn täglich eine Reinigungskraft reinigt und desinfiziert. Die Lehrer übernehmen auch viel, zum Beispiel bei der Desinfizierung der Instrumente. Allerdings darf man bei einem Klavier kein Desinfektionsmittel benutzen, sondern nur Seife. Ich muss jeden Tag nachweisen, dass eine Reinigungskraft die betroffenen Räume reinigt. Das konnten wir nicht alleine leisten, aber wir wurden von allen Gemeinden unterstützt. Ohne diese Hilfe könnten wir keinen Unterricht machen.

Wie lange war die Schule denn geschlossen?

Braun-Wingert: Also geschlossen hatte die Schule eigentlich nie. Am 13. März kam die Verordnung, dass kein Präsenzunterricht mehr möglich ist. Wir haben dann sowohl die Eltern, als auch die Lehrer informiert. Aber innerhalb weniger Tage haben die Lehrer vermehrt angefangen digital Unterricht gegeben.

Jetzt können wir mehr analog unterrichten.

Bis zum heutigen Tag werden rund 45 Prozent des Unterrichts digital geleistet. Das war sehr erfreulich, weil der Kontakt zu den Schülern nicht abgerissen ist. Jetzt können wir mehr analog unterrichten, entsprechend verringert sich der Anteil am Digitalunterricht.

Mehr zum Thema: Musiker üben in der Corona-Krise den Umgang mit digitalen Medien

Aber es gab aber auch Sparten, in denen Digitalunterricht nicht möglich war …

Braun-Wingert: Die anderen, die keinen Digitalunterricht machen konnten, und das betrifft vor allem die Musikalische Früherziehung, Ballett und alle Gruppenunterrichte, haben in irgendeiner Form miteinander Kontakt, sei es auch per Telefon, gehalten.

Wie wurde der Digital-Unterricht angenommen? Wie war das Feedback?

Braun-Wingert: Es war ganz unterschiedlich. Am Anfang waren die Leute ein wenig skeptisch. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass nicht nur unsere jungen Lehrer, sondern auch die älteren Kollegen die Möglichkeit genutzt haben.

Es ist natürlich eine andere Art des Unterrichts.

Mittlerweile sind die Reaktionen darauf sehr positiv – sowohl von der Seite der Eltern, als auch von Lehrerseite. Es ist natürlich eine andere Art des Unterrichts, hat Vor- und Nachteile, aber man kann ihn so gestalten, dass die Schüler einen Lernfortschritt erzielen.

Welche Regelungen gelten Corona-bedingt?

Braun-Wingert: Wir dürfen in allen Bereichen wieder Präsenzunterricht geben, wenn man sich aber überlegt, dass beispielsweise die Anordnung besteht, dass man Ballettunterricht nur dann geben kann, wenn für jedes Kind 25 Quadratmeter Raum ermöglicht wird und wieder bis zu zehn Kinder teilnehmen dürfen, bräuchten wir Säle von bis zu 250 Quadratmetern. Die haben wir aber nicht.

Es scheitert quasi an den Voraussetzungen. Und bei der Musikalischen Früherziehung müssen die Kindergarten-Gruppen in sich zusammenbleiben. Da wir aber aus verschiedenen Gruppen Kinder betreuen, ist das von vorneherein nicht möglich.

Gibt es Alternativen?

Braun-Wingert: Die Lehrer sind unheimlich kreativ. Eine Lehrerin hat zum Beispiel Videos gedreht und hat den kompletten musikalischen Frühunterricht einschließlich Arbeitsblätter den Eltern zur Verfügung gestellt. Der direkte Unterricht, und das ist meine Überzeugung, bleibt aber die beste Methode, um Musik zu unterrichten.

Welche Regelung galt bei den Gebühren?

Braun-Wingert: Da hat sich der Zweckverband an die Vorgaben des Landes in Bezug auf die Kitas gehalten und ziemlich schnell reagiert. Im April wurden keine Gebühren erhoben – kein Unterricht, also keine Gebühr. Entsprechend haben wir im Mai die Regelung angepasst. Die Leute, die den Digital-Unterricht angenommen haben, haben ganz normal ihren Beitrag bezahlt.

Kein Unterricht heißt aber auch kein Gehalt für den Lehrer …

Braun-Wingert: Unsere Lehrer sind Honorarkräfte. Das heißt im gleichen Zug: kein Unterricht, keine Gebühr, kein Honorar. Ich habe von Anfang an unsere Lehrer auf dem Laufenden gehalten. Ganz wichtig waren die Informationen vom Land in puncto Corona-Hilfe. Ich weiß, dass einige es in Anspruch genommen haben, ich weiß aber auch, dass einige abgelehnt wurden.

Wo liegt da das Problem?

Braun Wingert: Das Problem ist die Ein-Drittel-Regel. Wenn jemand, der weniger als ein Drittel zum Haushaltseinkommen beiträgt, einen Antrag stellt, wird dieser nicht genehmigt. Es ist für viele ein Problem gewesen.

Auch interessant: Musiklehrer komponiert Song über leergefegte Straßen in Bretten

Wenn ein Sparten wegbrechen, gerät auch das finanzielle Konstrukt der Musikschule ins Wanken …

Braun-Wingert: Wir kommen gut durch die Krise, aber wir werden am Ende anders dastehen, als vorher – aber das gilt für alle. Wir sind in keiner Schieflage, aber wir hängen sehr davon ab, Gebühren einzuziehen, um unseren Verpflichtungen, Honorare und Raumkosten, nachzukommen.

Alles in allem bin ich zuversichtlich, was die Zukunft unserer Musikschule betrifft.

Das Land Baden-Württemberg hat meines Wissens nach einen Betrag für Hilfen an Musikschulen bewilligt. Ich hoffe, dass der Zweckverband daran teilhaben kann. Alles in allem bin ich zuversichtlich, was die Zukunft unserer Musikschule betrifft.

Die Musikschule Hardt wurde als Verband im Jahr 1993 ins Leben gerufen. Sie ist eine öffentliche Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Gemeinden Linkenheim-Hochstetten, Graben-Neudorf, Dettenheim, Weingarten und der Großen Kreisstadt Stutensee. Zurzeit unterrichten dort 60 Lehrer 1.300 Schüler, normalerweise in Einzel-, Gruppen- oder Partnerunterricht. Das Angebot ist neben Streich- und Zupfinstrumenten, Holzblasinstrumenten und Blechblasinstrumeten in die Bereiche Tasteninstrumente, Schlaginstrumente, Gesang, Tanz und Musikalische Früherziehung aufgefächert. Für die Unterrichtsziele gelten die Rahmenpläne des Verbandes Deutscher Musikschulen.