Bis zu 20 Kilo Honig pro Volk erntet Erwin Gärtner in Pfinztal. Er hat eine der 50 Flächen erhalten, die die Bahn in Baden-Württemberg vergeben hat. | Foto: Sylvia Ganz

Projekt „Bienen bei der Bahn“

Neben den Gleisen summt und brummt es

Anzeige

Auf dem Wiesengelände an der B10 kurz nach dem Ortsausgang Söllingen Richtung Kleinsteinbach, unweit der Bahngleise, summt und brummt es mächtig. Verborgen hinter Brombeerhecken stehen vier große Bienenkästen. Hobby-Imker Erwin Gärtner aus Durlach hat einen der Kästen geöffnet und verteilt Rauch aus einem Räucherkännchen über die voll besetzte Wabe. „Das beruhigt die Bienen. Sie fressen dann und stechen nicht.“

Projekt „Bienen bei der Bahn“

Gärtner hält etwa 120 000 Bienen. Um das Wiesengelände und die Obstbäume muss sich Gärtner, der als Systemadministrator bei einer Genossenschaftsbank arbeitet, nicht kümmern – das macht die Deutsche Bahn. Gärtners Bienen sind nämlich „Teilnehmer“ des seit 2016 laufenden Bahn-Projekts „Bienen bei der Bahn“, eines von über 100 „Das ist grün“-Projekten, mit denen die Bahn sich für die Umwelt engagiert.
300 Mitarbeiter hat der Konzern dafür im Einsatz, 18 000 Maßnahmen werden deutschlandweit betreut. Michael Greschniok, Bahn-Sprecher Baden-Württemberg, erklärt, worum es geht: „Die Bahn hat über 30 000 Kilometer Streckennetz in Deutschland und über eine Milliarde Quadratmeter Betriebsfläche neben den Gleisen. Diese Flächen werden nicht weiter genutzt, es werden nur Vegetationsarbeiten von unseren eigenen Forstwirten ausgeführt. Da macht es Sinn, diese Flächen für private Imker zur Verfügung zu stellen. Das Ziel ist, die Bienen zu erhalten, denn seit 1985 ist die Bienenpopulation um 25 Prozent zurückgegangen.“

Honig für die Bordrestaurants

Erwin Gärtner ist einer von 1 400 Imkern, die sich deutschlandweit beim Projekt „Bienen bei der Bahn“ um eine der 750 Bahnflächen als Standort für ihre Bienen beworben haben. In Baden-Württemberg gibt es laut Greschniok 220 Anfragen von Imkern. 50 Flächen im Land sind vergeben. Etwa 30 Millionen Bienen sind deutschlandweit auf Flächen der Bahn angesiedelt, ihr Honig wird in den Bordrestaurants der Bahn unter dem Namen „Gleisgold“ angeboten.
Gärtner konnte noch keinen Honig an die Bahn verkaufen, er ist erst seit Frühjahr vorigen Jahres auf dem Gelände und überhaupt erst seit vier Jahren Imker. „Ich hatte Angst vor Bienen. Das war der Grund, warum ich angefangen habe“, erzählt der 51-Jährige, der einen Imkeranzug mit Kopfschutz trägt. „Ich bin vorsichtig. Am Anfang haben mich mal 20 Bienen gestochen, aber jetzt schon lange nicht mehr.“

Idealer Standort

Zunächst hatte er seine Völker in Ettlingen beim Hedwigshof stehen, bis er auf der Facebook-Seite einer Imkergruppe auf einen Zeitungsartikel aufmerksam wurde, der über das Bahn-Projekt berichtete. Er bewarb sich und hatte Glück. „Ich fühle mich wohl hier. Es ist ein idealer Standort, weil ich mit dem Auto heranfahren kann.“ Auch die Auswahl an Pflanzen und damit die Nahrungsgrundlage der Bienen ist ideal: Da Bienen bis zu drei Kilometer im Radius fliegen, erreichen sie auch den 2,5 Kilometer entfernten Obsthof Wenz mit seinen großen Apfelplantagen.

Ein teures Hobby

Mittlerweile erntet Gärtner bis zu 20 Kilo Honig pro Volk. „Dieses Jahr war ein sehr gutes Jahr. Es war schönes Wetter und dazu ein Mastjahr mit viel Blütenstaub.“ Den Honig verschenkt er häufig und kann gerade so seine Kosten decken. „Es ist ein teures Hobby. Ein Volk kostet 150 Euro, eine Beute (das Haus eines Bienenvolks) 200 Euro.“
Dennoch lohnt es sich für ihn voll und ganz: „Ich komme einfach runter nach dem stressigen Alltag. Wenn ich nach Hause komme, sieht meine Frau an mir, wie es den Bienen geht.“

 

Von Sylvia Ganz