Ständige Herausforderung: Hauptkommissarin Silke Reich, Leiterin des Polizeipostens Pfinztal, und ihre Kollegen haben mitunter 35 "Fälle" gleichzeitig zu bearbeiten. | Foto: Manfred Spitz

BNN im Polizeiposten Pfinztal

Ganz anders als „Tatort“ oder „Soko“

Mit „Tatort“ oder irgend einer „Soko“ aus dem Fernsehen hat Polizeiarbeit auf dem Land nur wenig zu tun. Die BNN waren beim Polizeiposten Pfinztal und schauten der Leiterin, Hauptkommissarin Silke Reich, und ihren Kollegen über die Schultern.

Wo ist die Zelle für die „bösen Jungs“?

Die wichtigste Frage zuerst: Wo ist denn die Zelle für die „bösen Jungs“? Silke Reich lacht. „Wir haben keine“, sagt die Leiterin des Polizeipostens Pfinztal in Berghausen. „Das gibt der Platz nicht her. Es wäre aber auch organisatorisch unmöglich. Dann müsste der Posten rund um die Uhr besetzt sein. Wegen der Bewachung“, klärt sie auf und fügt hinzu: „Wir haben aber auch gar nicht so viele Festnahmen, die eine Arrestzelle rechtfertigen würden.“ Und wenn doch? „Dann wird der oder die Betroffene auf das Polizeirevier Durlach gebracht.“ In dessen Zuständigkeit fällt der Posten Pfinztal, außerdem der in Grünwetterbach. „Oder ins Zentralgewahrsam nach Karlsruhe beziehungsweise gleich in eine Justizvollzugsanstalt“, so Silke Reich.

Hauptkommissarin Reich leitet Polizeiposten Pfinztal

Vier Beamte arbeiten auf dem Polizeiposten Pfinztal, der für 18 500 Einwohner in den Ortsteilen Berghausen, Kleinsteinbach, Söllingen und Wöschbach – der einwohnerstärksten Gemeinde Baden-Württembergs ohne Stadtrecht – zuständig ist: Polizeihauptkommissarin Reich, Polizeioberkommissar Uwe Schumacher sowie die Polizeikommissare Andreas Knebel und Harry Behr. Montags bis freitags von 7.30 Uhr bis 16.15 Uhr teilen sie sich die Diensträume im Gebäude mit der ins Auge stechenden roten Fassade in der Alten Pfarrhausgasse – wenn sie nicht gerade im Einsatz sind. An diesem Morgen bei einem Feuerwehreinsatz beim Martinshaus, der sich als Fehlalarm entpuppt. Und bei einem Unfall, wieder einmal.

Ein Gewehr wird abgegeben

Am „Tresen“ gleich hinter der großen Glastür, die nach dem Klingeln von den Beamten geöffnet werden muss, nimmt Silke Reich ein Gewehr entgegen. „Ein Fund“, sagt sie. „Ein älterer Herr hat gefragt, was er damit machen soll, und es dann zu uns gebracht.“ Das Gewehr wandert in den Tresorraum im Keller, wird dort  sicher verwahrt, bis es von der zuständigen Waffenbehörde abgeholt und dann vernichtet wird.

Es kommt ständig jemand vorbei

Durch die zentrale Lage des Postens in der Ortsmitte von Berghausen habe man „viel Kundenverkehr“, verdeutlicht Silke Reich: „Es kommt eigentlich ständig jemand vorbei, der etwas anzeigen oder fragen will.“ Gerade sitzt ein Mann wegen einer „Auto-Geschichte“ im Büro von Andreas Knebel. Und eine Frau meint, ihre Mutter sei von Reinigungskräften übers Ohr gehauen worden. Silke Reich nimmt sich Zeit, hört zu, gibt dann aber zu verstehen, dass da nichts zu machen sei.

Akzeptanz bei Bevölkerung groß

Die Akzeptanz bei der Bevölkerung sei groß, das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern „sehr freundschaftlich und kooperativ, in der Regel klappt das wunderbar, auch mit der Gemeinde.“ Auf dem Land kenne man sich eben. Und die Hemmschwelle zur Polizei zu kommen, sei nicht so hoch.  „Natürlich versuchen wir zu helfen, und können schon mal einen Tipp mitgeben“, so Reich. Die Leute müssten aber auch lernen, sich um ihre Sachen zu kümmern.

Reich: Es gibt nichts, das es nicht gibt

Für Polizeiposten wie in Pfinztal gibt es zunächst keine Unterscheidung zwischen Verkehrs- oder Kriminalpolizei. Silke Reich und ihre Kollegen sind erst mal für alles zuständig was anfällt. Unfälle, Körperverletzungen, Diebstähle, Einbrüche, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Schwarzfahrer, Verstöße gegen Asylauflagen, und, und, und… Reich: „Es gibt nichts, das es nicht gibt.“  Von der Katze auf dem Dach bis zum Flitzer an der Pfinz – da ist alles dabei: „Wenn man denkt, man hat alles gesehen, dann kommt wieder was Neues.“

Präsenz zeigen und Prävention

Auch Präsenz zeigen gehört zu den Aufgaben der Beamten des Pfinztaler Postens. „Demnächst beim Feuerwehr-Jubiläum in Berghausen sind alle im Einsatz“, verdeutlicht Silke Reich. Polizeikommissar Andreas Knebel ist neben dem „normalen“ Postendienst noch als Jugendsachbearbeiter in den Schulen „präventiv unterwegs“.  Es geht um Drogen, Alkohol, Cyber-Mobbing, aber auch ums Schule schwänzen:  Vorbeugung und Aufklärung „in allen Facetten“, so die Intention.  „Um Bewusstsein zu schaffen“, wie er sagt. 70 bis 80 Prozent seiner Arbeit mache das aus, verdeutlicht Knebel, der dafür eine Zusatzausbildung absolviert hat. „Das ist viel, aber es macht Spaß. Weil es auch eine Abwechslung zum Alltagsgeschäft ist.“

Knöllchen verteilt der Gemeindevollzugsdienst

Was Silke Reich und ihre Kollegen nicht tun: Knöllchen verteilen. „Nein“, sagt sie, „der ruhende Verkehr ist in Pfinztal Sache des Gemeindevollzugsdienstes.“ Auch Radarkontrollen und Streifenfahrten gehören „nicht primär“ zum Aufgabengebiet. „Dafür“, sagt Reich, die oft auch noch bei  KSC-Spielen  in der Strafverfolgung im Einsatz ist, „hätten wir gar nicht das Personal.“

Viel Ermittlungsarbeit

Bei schweren Verkehrsunfällen kommt der Streifendienst aus Durlach. „Aber die kleineren Sachen, wie den Kratzer auf dem Supermarkt-Parkplatz, die übernehmen wir“, macht Silke Reich deutlich. Auch Unfallfluchten, die berühmten abgefahrenen Außenspiegel. Und sonst? Viel Ermittlungsarbeit. Das laufe nicht wie bei der Kripo, mit ihren Dezernaten für die unterschiedlichen Bereiche. „Wir bearbeiten alles und wir machen alles auch zu Ende“, sagt sie.

Manchmal 35 „Fälle“ gleichzeitig

Silke Reich hat 1996 als Polizeikommissaranwärterin beim Land Baden-Württemberg ihren Dienst begonnen. Zum Posten Pfinztal ist die gebürtige Ostfriesin Anfang 2015 gekommen, im März 2017 wurde sie zur Leiterin ernannt. „Wir haben gut zu tun. Das ist eine Herausforderung, Tag für Tag“, macht die Hauptkommissarin deutlich. 35 Vorgänge gleichzeitig zu bearbeiten sei keine Seltenheit. Kontrollen, Fahrerermittlungen, Vorführbefehle vollstrecken, „aus dem ganzen Bundesgebiet kommen Ersuchen“.

Silke Reich begann 1996 als Polizeikommissaranwärterin beim Land Baden-Württemberg ihren Dienst. Nach dem Studium an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen war sie zunächst am damalige Polizeirevier Karlsruhe-Mühlburg als stellvertretende, später als Dienstgruppenleiterin. Der Wechsel als Dienstgruppenleiterin zum Polizeirevier Karlsruhe-Durlach folgte 2007. Zum Polizeiposten Pfinztal  kam die gebürtige Ostfriesen im Februar 2015. Nach der Verabschiedung von Jürgen Ensinger (Ende 2016) hatte Silke Reich die Postenleitung kommissarisch inne. Seit März 2017 steht die Hauptkommissarin der Dienststelle vor.

Auch für Silke Reich und ihr Team verlagert sich der „Tatort“ immer öfter in den Internetbereich. „Betrugsstraftaten gehen in die Höhe“, sagt sie. Mit Geschädigten durch falsche oder beschädigte Ebay-Ware bekomme man es sehr häufig zu tun. Zurzeit besonders „in“ sei die Microsoft-Kundendienst-Masche. Dabei nutzen Betrüger die Angst vor Computer-Viren, kapern PCs und zocken die Nutzer ab. Meist kommen die Anrufe aus dem Ausland und die Cyber-Gauner reden mehr oder weniger schlecht Englisch. Ruhe bewahren und nicht darauf eingehen, empfiehlt die Polizei.

Akten, Akten, Akten…

Ein abwechslungsreicher Job also. „Jein“, meint Silke Reich. „Wegen der überwiegenden Ermittlungsarbeit weiß ich morgens wenn ich reinkomme, es geht mit den Akten weiter, die auf meinem Schreibtisch liegen. Dann schaue ich, was der Tag sonst noch so bringt.“  Ihr spektakulärster Fall in jüngster Zeit? Silke Reich überlegt. „Vielleicht der Sperrmüllsammler, der uns bei einer Kontrolle in die Lappen gegangen ist. In seinem Transporter haben wir teure Marken-Fahrräder im Gesamtwert von fast 40000 Euro entdeckt.“ Wie sich herausstellte, stand der durch die Beamten des Polizeipostens Pfinztal Aufgeflogene mit einer Einbruchserie im Schwäbischen in Verbindung. Der Fall ging sogar durch die Medien.  Aber das ist die Ausnahme.

Ich schaue keine Polizei-Sendungen

Es gebe schon Schicksale, die einen beschäftigen, erzählt Silke Reich. Natürlich reflektiere man immer, „habe ich alles richtig und gut gemacht“. Reich: „In der Regel aber beginnt, wenn ich abends hier rausgehe und die Uniform ausziehe, die Freizeit.  Dann steht die Familie im Mittelpunkt. Bei dem einen klappt das mehr, bei dem anderen weniger.“  Und noch etwas verrät sie: „Ich schaue mir keine Polizei-Sendungen im Fernsehen an. Keine einzige.“

Kommentar – Ganz anders als im „Tatort“: Das Interesse an der Arbeit der Polizei ist groß – zumindest im Fernsehen, was die tägliche Flut an Krimi-Serien zeigt. Doch ganz gleich ob Tatort, Polizeiruf oder irgendeine der mittlerweile unzähligen Sokos in einer x-beliebigen Stadt, die Auftritte der TV-Gesetzeshüter zur Primetime unterscheiden sich nur zu oft signifikant vom wirklichen Polizeialltag. Diebstahl, Betrug, Wohnungseinbrüche, Blechschäden, viel Klein- und noch mehr Schreibarbeit, das ist es, mit dem es die Beamten gerade auch in den kleinen Polizeiposten zu tun haben. Nicht zu vergessen: Präsenzarbeit und Prävention. Telegen in Szene gesetzte Verbrecherjagd, das ist eine Sache für die Einschaltquote. Polizeialltag auf dem Land eine ganz andere. Konflikte und Straftaten vorbeugen, mit Rat zur Seite stehen: da verstehen sich die Polizisten auch als Dienstleister. Ob in Berghausen, Wössingen, Weingarten, Leopoldshafen, Blankenloch oder Neudorf, das spielt keine Rolle. „Die Polizei leistet täglich tolle Arbeit, die eigentlich immer mehr wird. Sie verdient größten Respekt, der ein bisschen verloren gegangen ist“, schrieb eine BNN-Leserin aus Stutensee in einem Brief an die Redaktion, in dem sie die ihrer Meinung nach fehlende Wertschätzung bedauerte. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Oder doch unbeliebter Prügelknabe? So widersprüchlich es klingen mag: Auch wenn der Respekt gegenüber den Ordnungshütern – nicht nur gegenüber ihnen – mehr und mehr sinkt und die Gewalt gegen Polizisten (verbal wie körperlich) steigt, bei Umfragen gehören sie nach wie vor zu den Berufsgruppen, die in Deutschland mit das höchste Ansehen und Vertrauen genießen. Und: In Zeiten mit wachsendem Gefährdungspotenzial längst nicht mehr nur in den Metropolen ein Gefühl von Sicherheit zu geben, zu wissen, dass es im Ort einen Polizeiposten gibt, das haben viele Bürger anscheinend als Selbstverständlichkeit verinnerlicht.