Eine ausgediente Lebkuchendose hat Siegfried Bürger aus Eggenstein-Leopoldshafen zur Lochkamera weiterentwickelt. Diese eher archaische Form des "Bildermachens" hat es ihm angetan. | Foto: Tanja Mori Montero

Leidenschaft für alte Methode

Siegfried Bürger baut seine Lochkameras nach eigenen Konstruktionsplänen

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Eine schwarze Mappe liegt auf dem Tisch. Eine Dose, die ziemlich nach ehemals weihnachtlichem Inhalt aussieht, steht daneben. Auf einem Stativ ist ein rechteckiger Karton befestigt: Utensilien, die für Siegfried Bürger wichtig sind. Im Ordner hat er Fotografien gesammelt. Dose und Karton sind seine Aufnahmegeräte, mit denen eben diese Fotos entstanden sind. Siegfried Bürger ist leidenschaftlicher Fotograf, seine Kameras baut er selbst, nach geradezu vorsintflutlichen Baumustern. Es sind Lochkameras, die ihn faszinieren.

Ich habe immer viel gebastelt und ausprobiert

„Technik hat mich schon immer begeistert, und ich habe immer viel gebastelt und ausprobiert“, erzählt der Mann, der 1961 in der Nähe von Minden (Region Ostwestfalen-Lippe in Nordrhein-Westfalen) geboren ist. Er hat in Braunschweig gelebt und Maschinenbau studiert.

1989 nach Karlsruhe

„1989 bin ich aus beruflichen Gründen ins Musterländle der Elektronik gekommen“, sagt Bürger, der in Karlsruhe bei einer Elektronikfirma arbeitet und dort die Hardware-Entwicklung leitet. Er bastle viel elektronisch, erzählt Bürger, und deutet auf eine ungewöhnliche Uhr an der Wand. Die nämlich zeigt die Zeit in Worten an. Auch einen Rechner habe er selbst gebaut, als es noch keine Computer auf dem Markt gab: „Ich war schon immer ziemlich nah an der Physik“, meint er. Seine Elektronik-Bastelei sieht er selber als kreativ-kulturell und irgendwie auch „alternativ“. Die Begeisterung ist aus jedem Satz herauszuhören.

Viel Fachliteratur

„Ich lese viel technische Fachliteratur und gehe dazu in die Bibliothek, weil ich so viele Fachzeitschriften gar nicht kaufen kann“, sagt Bürger. So kam er zur Lochfotografie, eine uralte Technik, die mit ganz einfachen Mittel durchaus bemerkenswerte Bilder liefern kann. Aber: „Man muss viel ausprobieren, man braucht Geduld.“ Die hat Bürger zweifellos, wenn er sich in seine Versuche versenkt. Immer wieder nimmt er dieselben Motive vor das winzige Loch seiner selbst gebauten Kameras, immer mit dem Ziel, ein noch besseres Ergebnis zu bekommen – manchmal auch, um überhaupt erst ein ansehnliches solches zu erzielen.

Nicht immer gelingt die Aufnahme

Sein jüngstes Objekt nennt er „Flowers in Motion“: „Dafür habe ich fünf verschiedene gelbe Blüten gepflückt, die derzeit gerade am Blühen sind.“ Zwei Stunden hat die Belichtungszeit gedauert, in der Zeit waren die Blüten verwelkt. Ja, man braucht schon Mut und Geduld, wenn man immer wieder Ausschuss produziert.

Lebkuchendosenkamera

Die Lebkuchendose ist eine seiner Kameras. Auf einer Seite im Inneren ist Platz für das zu belichtende Fotopapier, das sich Siegfried Bürger aus größeren Bogen passgerecht schneidet. Und gegenüber ist das winzige Löchlein – so etwa 0,24 Millimeter –, durch das das Licht aufs beschichtete Papier fällt. Das so entstandene Negativ (wie man es vom klassischen Schwarz-Weiß-Film kennt) lässt sich handwerklich in ein Positiv (einen Abzug) verwandeln. Bürger zeigt einige seiner Versuche, die er zu verschiedenen Jahreszeiten, unter verschiedenen Lichtsituationen aufgenommen hat. „Ich habe dabei zum Beispiel gelernt, dass sich Bäume im Winter, wenn sie kahl sind, viel besser ablichten lassen als mit dichtem Blätterwerk im Sommer.“

Bewegte Motive funktionieren nicht

Seine Motive sind statisch. „Bewegte Motive funktionieren nicht. Es gibt keine Belichtung, die kürzer wäre als 20 Sekunden“, berichtet Bürger von seinen Erfahrungen. Die Spannbreite reicht bis zwei Stunden, bisweilen noch länger: „Da kann man durchaus zwischenzeitlich zum Einkaufen gehen, wenn die Kamera auf das Motiv ausgerichtet und das Lichteinfallsloch geöffnet ist.“

0,24 Millimeter für optimalen Lichteinfall

Apropos „Loch“: Die genannten 0,24 Millimeter gelten unter Experten (so arg viele gibt es davon gar nicht, aber es gibt dennoch echte Fachliteratur) als optimale Lochgröße, um die bestmögliche Schärfe für eine Aufnahme zu erzielen: Generell gilt, je kleiner das Loch, desto schärfer die Abbildung. „Wir haben ja keine Linse“, merkt Bürger an. Und man kann solche „Löcher“ sogar im Internet kaufen. In einer etwa drei mal drei Zentimeter großen, dünnen Kupferfolie ist mit einer Nadelspitze das begehrte Loch gestochen. Die Unebenheit, die beim Stich entsteht, wird ganz vorsichtig abgeschliffen.

Erste Kamera aus Karton

Zwei, drei Jahre sei es her, erzählt Siegfried Bürger, dass er zur Lochkamera gekommen ist. Begeisterter Fotograf ist er indessen schon viel länger. Die erste eigene Lochkamera hat er sich aus Karton gebaut, ein rechteckiges Exemplar, mit dem quadratische Bilder entstehen, ein bisschen vergleichbar mit solchen, die mit einer „Box“ in der früheren Zeit der Fotografie so um die 1950er, 1960er Jahre gebräuchlich waren. Sein erstes Bild war eine Aufnahme vom Prinz-Max-Palais. „Versuchsweise habe ich mit 30 Sekunden Belichtung begonnen, und seither habe ich viele Aufnahmen ausprobiert.“ Die, die er als Schwarz-weiß-Positiv vorlegt, kann sich mehr als sehen lassen, scharf und kontrastreich.

Robustes Exemplar aus Abwasserrohr

Die Lebkuchendosenkamera hat Bürger ebenfalls selbst gebaut, und ein etwas robusteres Exemplar entstand aus einem Abwasserrohr, das er sich für seine Zwecke in einem Baumarkt gekauft hat. „Ich habe auch mal eine Stereokamera entwickelt, selber geplant und alle Bauteile selbst zugeschnitten.“ Aber: „Der Stereo-Effekt ist nicht so ganz gelungen“, gibt er zu. Siegfried Bürger benutzt – natürlich, möchte man sagen – auch eine ganz normale Digitalkamera. Handy-Fotos mag er aber nicht wirklich. „Lochfotografie ist ein bisschen exotisch, ein bisschen Ausbrechen aus dem Alltag.“