Im Weinberg Zuhause: Simona Maier ist zwischen Reben aufgewachsen. Zielstrebig arbeitet sie daraufhin, eines Tages von ihrem eigenen Wein leben zu können – auch wenn ihr Bekenntnis zum Lebens als Frau es manchmal nicht einfacher macht.
Im Weinberg Zuhause: Simona Maier ist zwischen Reben aufgewachsen. Zielstrebig arbeitet sie daraufhin, eines Tages von ihrem eigenen Wein leben zu können – auch wenn ihr Bekenntnis zum Lebens als Frau es manchmal nicht einfacher macht. | Foto: pr

Kraichgau

Weinprinzessin Simona wurde als Junge geboren

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Dass sie tatsächlich zur Weinprinzessin des Kraichgaus gewählt werden könnte, daran hat Simona Maier selbst nicht so recht geglaubt. Dabei hatte sie – zumindest fachlich – nichts zu befürchten. Ihre Winzerlehre schloss sie 2013 als bester Azubi Baden-Württembergs ab, holte im gleichen Jahr auch noch den Bundessieg. 2015 räumte sie unter den Meistern ab: Beste in Baden-Württemberg, Dritte deutschlandweit. Das Problem: Damals hieß Simona noch Simon, damals war die junge Frau noch ein Mann.

Weinbauverband zeigt sich aufgeschlossen

„Ich war mir nicht sicher, ob der Weinbauverband bereit ist, eine Transfrau zur Weinprinzessin zu küren, ob nicht versucht wird, meine Wahl abzuwenden. Die Branche ist noch sehr konservativ geprägt“, sagt die 27-Jährige aus Mühlhausen im Rhein-Neckar-Kreis. Doch der Weinbauverband war bereit. Die Mehrheit der zehn Jurymitglieder, die während des Weinfestivals im Wieslocher Palatin-Hotel Mitte April über die neuen Bereichshoheiten für den Kraichgau und die Badische Bergstraße zu entscheiden hatten, stimmte für Simona Maier. Für die junge Frau ging ein Traum in Erfüllung. „Ich habe schon mit drei Jahren verkündet, dass ich einmal Weinprinzessin werden möchte. Andere Jungs wollten Feuerwehrmann oder Bauarbeiter werden, ich wollte Weinprinzessin sein.“ Die wichtigste Voraussetzung dafür findet sich in ihrem Personalausweis: Seit November weist sie dieser als „weiblich“ aus, gerade erst hat sie sich geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen.

Plötzlich musste ich den Betrieb übernehmen

Dass sie anders ist, hat Simona Maier früh bemerkt. Schon in der Schule war sie hauptsächlich mit Mädchen befreundet, schwierig wurde es in der Pubertät. „Plötzlich wollen Mädchen und Jungs nichts mehr voneinander wissen. Und mit den Jungs konnte ich mich nicht identifizieren.“ Dass sie sich trotzdem erst im Alter von 26 Jahren zu ihrer Identität als Frau bekannte, hatte verschiedene Gründe. Zunächst wollte sie das Abitur hinter sich bringen. Als das geschafft war, hatte sie den überraschenden Tod ihres Vaters zu verdauen. „Ich hatte noch nicht einmal mit der Winzerausbildung angefangen, da musste ich plötzlich den Betrieb übernehmen“, erzählt sie. Seitdem ist viel passiert: Simona Maier absolvierte ihre Ausbildung, gründete 2014 die Weinmanufaktur am Heiligenstein.

Stolz auf „Bunte Liebe“

Vier der fünf Hektar Weinberge, die die Familie auf eben jenem Heiligenstein in Mühlhausen besitzt, liefert sie an die Winzer von Baden, die Winzergenossenschaft in Wiesloch. Der Rest fließt in ihre eigenen Weine. In den Eichenfässern in der Garage lagern Sauvignon Blanc, Riesling und Spätburgunder. Besonders stolz ist sie auf ihre beiden Seccos: „Bunte Liebe“ und „Rosa Liebe“ stehen für ihre Geschichte. Wenn die Zeit reif ist, will sich Simona Maier ganz auf die eigene Produktion konzentrieren. „Jetzt stand erst einmal meine persönliche Entwicklung im Vordergrund.“

Kunden haben ihr den Rücken gekehrt

Drei Tage die Woche steht sie in den eigenen Weinbergen, drei Tage in der Woche arbeitet sie als Kellermeisterin eines Weinguts in Heidelberg. Und am Sonntag ist sie als Weinprinzessin unterwegs oder engagiert sich für den Christopher Street Day, die Hamburgische Regenbogenstiftung oder Travestie für Deutschland. Den Kontakt zu anderen Transgendern sucht sie ganz bewusst. Denn neben vielen positiven Reaktionen – einige Winzerkollegen aus der Region unterstützen sie auch nach ihrem Outing tatkräftig – gibt es auch negative Erlebnisse. „Seit ich offen als Frau lebe, haben mir viele Kunden hier aus der Region den Rücken gekehrt“, erzählt Maier. Dafür sei Kundschaft aus ganz Deutschland hinzugekommen.

Von Zickenkrieg keine Spur

Und auch in ihrem Amt als Weinprinzessin erfährt sie viel Zuspruch. Im Juni eröffnete sie das Weindorf in Kürnbach, im Juli das Bürgerfest in ihrem Heimatort Mühlhausen und das Freiburger Weinfest – gemeinsam mit den anderen sechs Bereichsprinzessinnen des Badischen Weinbauverbands. „Ich war schon ein bisschen skeptisch, wie mich die anderen Mädels so aufnehmen. Aber das klappt super“, freut sich Simona Maier. Von Zickenkrieg keine Spur.