Vor einer der alles einschließenden Betonwände – 60 Meter lang und jeweils 20 Meter breit und hoch – sprach EU-Kommissar Günther Oettinger zum Richtfest des neuen Laborflügels am Joint Research Venture. | Foto: Klaus Müller

Richtfest am KIT Campus Nord

Symbol für ein funktionierendes Europa

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Von einem „eindrucksvollen Gebäude“ sprach EU-Kommissar Günther Oettinger. In der Tat, was sich seitlich vom Kommissar für Haushalt und Personal auftat, was sich in unmittelbarer Nähe zum Rednerpult auftürmte, besticht durch seine Größe und durch seine alles einschließenden Betonwände.

Von Klaus Müller

Kaum zu glauben, dass es sich – ganz profan ausgedrückt – um einen „Laborflügel“ handelt. Als nichts anderes ist der 60 Meter lange und jeweils 20 Meter breite wie hohe Betonkoloss auf dem Gelände des KIT Campus Nord bei Leopoldshafen gedacht: ein neuer Laborflügel am Joint Research Centre (JRC), in der Region bekannter als Institut für Transurane.

2016 wurde das Projekt mit dem Spatenstich auf den Weg gebracht. Nun stand das Richtfest an. Zuvor sorgte der Laborflügel für viel Diskussionsstoff und für viele Einwendungen. Es gab sogar 2011 eine Mediation, verbunden mit Befürchtungen, dort würde man – obwohl Deutschland aus der Kernenergie aussteige – Forschungen an Kernreaktoren der vierten Generation (Flüssigsalzreaktoren) betreiben. Das JRC ist allerdings keine deutsche Einrichtung, sondern eine der Europäischen Kommission.

Forschung für Sicherheit

Man könne zum Thema Kernenergie so oder so stehen – solange es aber Kernkraftwerke gebe, sei es wichtig, sie auf dem höchsten Sicherheitsniveau zu betreiben, betonte Oettinger (CDU). Und genau darum gehe es am JRC, um die Erforschung und Verbesserung der Sicherheitstechnologie. Die dortige bedeutsame Forschungsarbeit für die Sicherheit von Kernkraftwerken hob gleichfalls Tibor Navracsics, ungarischer EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, hervor.

Bekenntnis zum JRC

Ein Bekenntnis für das JRC – insbesondere mit Blick auf die Sicherheitsforschung im Bereich der Brennelemente – legte ebenfalls Andre Baumann (Grüne), Staatssekretär im baden-württembergischen Umweltministerium, ab. Mit einer Einschränkung freilich: „Anwendungsorientierte Forschung lehnen wir ab.“ Und damit auch explizit Entwicklungsarbeit für und an neuen Reaktoren. Gleichzeitig werde seine Partei weiter für einen europaweiten Ausstieg aus der Kernenergie werben.

Sicherheit wird groß geschrieben

Für die Grußwortredner steht das Projekt für ein funktionierendes Europa, für dessen Souveränität und Zusammenarbeit. Europa zeige sich hier, wie es besonders gut funktioniere, befand Susanne Burger vom Bundesbildungsministerium (Abteilung Europa). Dabei entstand laut Vladimir Sucha, Generaldirektor der europaweiten JRC-Einrichtungen, das sicherste Gebäude, das jemals vom JRC gebaut wurde – und wahrscheinlich das sicherste Gebäude seiner Art in ganz Europa.

Wände sind 1,80 Meter dick

Ein Blick auf die nackten Gebäudedaten dürfte diese Einschätzung belegen: 1,80 Meter dicke Wände, Decken und Böden sollen nach Auskunft von Projektleiter Bernhard Latzko dem Einschlag eines Militärflugzeuges standhalten. Müssen sie auch, zumal im neuen Laborflügel, der Ende 2020 bezugsfertig sein soll, mit hoch radioaktiven Stoffen, darunter Plutonium, gearbeitet wird. Gleichzeitig dient der Flügel als bundesweite Lagerstätte für sichergestelltes hoch radioaktives Material.

Kosten von 64 Millionen Euro

64 Millionen Euro kostet das Großprojekt Laborflügel M. Bislang seien 4 700 Tonnen Stahl und 24 000 Kubikmeter Beton verbaut worden, informierte Gerald Lanzenberger von der Züblin-Direktion Karlsruhe. Und es soll auf dem JRC-Gelände weitere Modernisierungen geben. Das jedenfalls stellte Oettinger in Aussicht.