Mit dem „Belle-Fest“ zum Maibeginn pflegt der Musikverein „Lyra“ Eggenstein eine lange Tradition bis heute weiter. Schon 1928 gab es laut Vereinschronik Events mit Platzkonzerten. | Foto: Alexander Werner

Die „Belle“ bei Eggenstein

Treffpunkt der tanzenden Jugend

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Mit der „Belle“ besitzt Eggenstein ein beschauliches Plätzchen am Rhein. Seit langer Zeit zieht es Ausflügler an.

Von Alexander Werner

Die 2014 von der Gemeinde vollendete Renaturierung des Albkanals wertete das weitere Areal der „Belle“ noch erheblich auf. Die historische, eiserne „Bellebrücke“ wurde 2013 durch eine Wirtschaftswegbrücke ersetzt. Seit Jahrzehnten veranstaltet der Eggensteiner Musikverein „Lyra“ am Maifeiertag das „Bellefest“. Laut Vereinschronik gab die „Lyra“ schon 1928 Platzkonzerte unter dem Motto „Ausflug an die Belle“.

Frühe Tourismus-Attraktion

Damals ging es dort  bereits ruhiger zu. In den 1890er-Jahren erlebte der Ausflugsbetrieb Höhepunkte. Jetzt recherchierte Zeitungsberichte belegen noch früheren Tourismus. Am 8. September 1857 begab sich der Verein „Liederhalle“ Karlsruhe von Maximiliansau „mit bewimpeltem Schiff“ auf heitere Sängerfahrt zum damals noch kurz „Bell“ genannten „Uferpunkte“. Die „Bell“ sei ein von der Wasser- und Straßenbaudirektion angelegter Stationsplatz für Uferbauten, hieß es in der Karlsruher Zeitung. Es sei ein äußerst idyllischer Punkt mit einem einfachen Haus, Mooshütten und -bänken, Wald- und Gartenanlagen. Bewohnt werde er vom Stationswart, einem würdigen Veteran aus Zeiten der napoleonischen Kriege. Es falle auf, dass dieser schöne Punkt so wenig bekannt und besucht sei. Schon die gewaltige und eigentümliche Pappel, von der der Ort seinen Namen habe, sei eines Besuchs wert. Speziell Schwarzpappeln wurden seit Jahrhunderten „Bellen“ genannt. Zurück nach Karlsruhe ging es von Eggenstein aus per „Omnibus“. Der Begriff war für größere Kutschen gebräuchlich.

 

Erst jüngst wiederentdeckt wurde dieses Foto der „Belle“ von 1920 mit Hütte und Pappel. Zwei Jahre später fällten Sturm und Blitz den 400 Jahre alten Baum.

Hafen Maxau förderte Schifffahrt

Im Juni 1858 tagte der Landwirtschaftliche Bezirksverein Karlsruhe an der „bekannten Rheinbau-Hütte“. Start war an der Rheinbrücke mit drei großen, festlich beflaggten Schiffen. Erwartet wurde die Gesellschaft an der „Bell“ von einer großen Menge von Mitgliedern und Einwohnern umliegender Ortschaften, so die Karlsruher Zeitung. Im Juli 1859 unternahm der Bürgerverein Karlsruhe bei mittlerweile wohl regerem Betrieb per Schiff einen Vergnügungsausflug. Ab 1862 förderte zudem der neue Hafen Maxau die Schifffahrt ab Karlsruhe. An der „Belle“ kündigte im März 1861 die Bezirksforstei eine Holzversteigerung am Rheinbauhäuschen an. Dort gab es auch eine Baumschule. Im Herbst 1865 offerierte der Rheinbauwächter Birn-, Apfel- und Nussbäume. Zwischen 1882 und 1893 fanden im Umfeld Militärgefechtsübungen statt.

Badeanstalt für die „Belle“

Am 17. Juni 1883 feierte der Karlsruher Ruderclub „Salamander“ nach munterer Rheinfahrt an der „Belle“. Zurück ging es zu Fuß und mit der 1870 eingeweihten Rheintalbahn. Im Aufschwung beantragte Krämer Karl Kollum 1886 für die „Belle“ eine Badeanstalt. Involviert ins „Belle“-Geschäft war auch sein Onkel, der Kaiserwirt Jakob Kollum. Ende Juli 1888 ersuchte Brauhauswirtswitwe Christine Schnürer mit dem „Zur Krone“-Brauer Ludwig Bolz um die Konzession für den Wirtschaftsbetrieb. Wie auch mit dem  Brauer Jakob Friedrich Schnürer II. waren dort durchweg Eggensteiner Wirte aktiv.

„Lustfahrten“ im Motorboot

Für seinen „Fulder-Ausflug“ am 15. Juni 1890 versprach der „Liederkranz“ Karlsruhe gute Restauration und Musik nach Fahrt mit reserviertem Salondampfer ab Maxau. Einen Monat später und nochmals 1892 tourte der Kaufmännische Verein „Merkur“ per Dampfboot zur „Belle“. Ende Mai 1894 bat Magdalena, „Kaiserwirtin Jakob Kollum Witwe“, um die Wirtschaftkonzession. 1896 wurde der Stein für Hochwasserstände an der „Belle“ erstellt. Am 2. Mai 1897 begann die „Dora“ ihre Lust- und Vergnügungsfahrten. Im Karlsruher Tagblatt informierte Kaufmann Jakob Wegele darüber, dass das zwölfeinhalb Meter lange, 50 Personen fassende, sechspferdige Benzinmotorboot im Hafen von Maxau eingesetzt wurde. Ab Nachmittag werde es ununterbrochen nach der „Belle“ hin- und zurückfahren. Wirtin Kollum warb für diesen Sonntag mit Musik, vorzüglichem Bier aus der Brauerei Bolz und guten Speisen.

Ein beliebtes Ausflugsziel ist bis heute das Areal, das ab 1897 einen touristischen Höhepunkt mit regelmäßigem Pendelverkehr per Motorboot erlebte.

Konkurrenz durch den Rheinhafen

Für den Pendeldienst setzte Wegele mit der „Maximilian“ ab Mai 1897 noch ein zweites Boot ein. Anfang Juli 1897 wies er darauf hin, dass beide Boote jeden Sonntag und Mittwoch fahren. Vermutlich endeten die Fahrten schon mit Abschluss der Saison. Sicher ist, dass Wegele später Probleme mit der „Dora“ bekam. Er konzentrierte sich auf den 1901 eröffneten Karlsruher Rheinhafen. Spätestens ab 1902 waren wegen des Stichkanals bei Karlsruhe regelmäßige Ausflugsfahrten mit Raddampfern Richtung Mannheim nicht mehr möglich. Erst das Motorschiff „Freiherr von Stein“ bot 1928 wieder vergleichbare Fahrten an. Otto Bräunche führt das in „Rheinhafen Karlsruhe 1901-2001“ aus.

Ausgedehnte Sonderfahrten

Der Hafen Maxau verlor 1901 seine Bedeutung. Wegele vermietete die „Dora“ ein halbes Jahr für Rundfahrten im Karlsruher Hafen. Im September 1901 löste das Hafenamt den Vertrag wegen schlechter Manövrierfähigkeit des Boots. In Eigenregie bot Wegele dann auch Ausflugfahrten bis Maxau an. Wegen Betriebsuntauglichkeit wurde ihm das ab 1908 untersagt und die „Dora“ nach der Saison 1910 aus dem Verkehr gezogen. Im Mai 1906 steuerte der Gartenbauverein Karlsruhe die Restauration auf der „Belle“ per Bahn an. Der Sängerbund „Vorwärts Karlsruhe“ verlegte sich 1910 trotz Regens mit 100 Personen ganz aufs Wandern. An der „Belle“ versorgte sie Lammwirt Ludwig Endle. Zurück ging es wie bei der nächsten Tour im Mai 1911 mit dreimal so vielen Leuten mit dem „Dampfross“. April 1913 zogen die Naturfreunde Karlsruhe über Neureut zur „Belle“. Ende Juni verkündete der „Volksfreund“, dass das das seit Mai von der Stadt betriebene Motorboot „Rhein“ seine Sonderfahrten ausgedehnt habe. Ein Karlsruher Verein habe etwa eine gut gelungene Fahrt zur „Bell“ unternommen. 1914 profitierten Motorbootfahrten im Hafen noch mehr über die mögliche Verbindung mit Ausflügen in die Rheinwälder. Vom Ausbau des Straßenbahnnetzes erwartete das SPD-Blatt „Volksfreund“ für 1915 eine große Erleichterung für den Ausflugsverkehr. Damit dürften Gebiete bis zur „Belle“ wieder zu beliebten Ausflugsplätzen der Karlsruher werden.

Monierte Brücke kam nie

Dann begann der Erste Weltkrieg. Hinweise ergaben sich erst wieder danach, etwa auf einen „Belle“-Ausflug des Naturheilvereins Karlsruhe im Oktober 1921. Ende März 1922 übermittelte der „Volksfreund“ aus „Anglerkreisen“ eine Bitte an die Rheinbauinspektion. Auf der Strecke von der „Belle“ bis zum „Steineck“ an der Albmündung sei vor einigen Jahren an drei Stellen der Damm für einen besseren Altwasserabfluss durchbrochen worden. Zwei Durchbrüche in der Nähe der „Belle“ hätten nun betonierte Brücken erhalten. Nur der Durchbruch beim „Steineck“ sei noch offen, wurde moniert. Die Bitte wurde nie erfüllt.

Sturm fällte die 400 Jahre alte Eiche

Im Mai 1922 wurde bei einem Lichtbildervortrag beim Verkehrsverein Karlsruhe in einer Würdigung heimischer Naturflecken die „Belle“ aufgenommen. Erwähnt werden eine umzäunte Anpflanzung mit Hütte sowie die große kanadische Pappel. Das 30 Meter hohe Wahrzeichen aber sollte bald von Sturm und Blitz gefällt werden. Fritz Köhler fasste das Aufsehen erregende Ereignis Ende 1922 in Poesie. Nur noch der Stumpf sei am Standort des ehrwürdigen Baums geblieben. Sieben Mann hätten ihn kaum umspannen können. Zerrissen vom Sturm habe der einstige Stolz des Waldes am kleinen Hafen an der linken Ecke gelegen. Sechs Männer einschließlich Köhler hatten die Pappel mühsam zerkleinert. Köhler nahm auf, dass der Platz als Ausflugsort bekannt war und dort manch großes Fest gefeiert wurde. Manches Liebespaar habe sich einst im Schatten des Baums geküsst. Im Mai 1924 war dem Karlsruher Tagblatt zu entnehmen, dass die Belle bis zu ihrem Fall der Sammelplatz tanzfreudiger Jugend war.

Seltenes Naturdenkmal

Im Mai 1926 wurde im Botanischen Institut Karlsruhe bei einem Lichtbildervortrag der Bergwacht Schwarzwald die einstige „Belle“ in eine Reihe seltener Naturdenkmäler gestellt. Ins Schwärmen kam ein Autor der „Badischen Presse“ im August 1928. Dort, wo einstmals die große Belle stand, eine 400-jährige, breitkronige Pappel, vermähle sich rauschend das grandiose Altwasser mit dem Rhein. Es sei ein Segen, dass auch Karlsruhe seine Ruheorte habe in seinen Rheinwäldern, in den idyllischen Altwässern, an den Ufern und in und auf den Wassern seines Rheins. Doch müssten alle diese Schönheiten gepflegt, erhalten, geschützt und erschlossen werden.

Französische Treibminen

Allerdings war die Zeit zumindest für größere Ausflugsfahrten nicht günstig. In Karlsruhe gab es Probleme beim Schiffspersonenverkehr. Mit der Weltwirtschaftskrise 1930 gingen die Fahrgastzahlen deutlich zurück. 1931 kam das Ausflugsangebot zwischendurch zum Erliegen. 1929 bis 1935 hatte die „Enderle von Ketsch“ ein gewisses Angebot aufrecht erhalten. Ab 1937 unternahm das Motorschiff „Viktor von Scheffel“ wenig erfolgreich Ausflugsfahrten bis nach Worms. Mit dem Kriegsausbruch endete der Personenverkehr im Hafen. Letzte Fernfahrten gab es ab Juni 1939. Ein wesentlicher Grund war, dass die Franzosen Treibminen ausgesetzt hatten. An der „Belle“ machten sich auswärtige Gruppen schon länger rar. Im August 1944 wanderte der Schwarzwaldverein Karlsruhe von Leopoldshafen zur „Belle“. Belegt ist, dass im Rhein bei der „Belle“ an einem Platz vom Ausfluss des „Bellehafens“ in den Rhein etwa 100 Meter aufwärts gebadet wurde. Die Gemeinde bat 1940 um eine Genehmigung als Freibadeplatz. Der Badebetrieb verlagerte sich dann an einen Platz Richtung Fischerheim. Nach dem Krieg soll es an der „Belle“ keinen Badebetrieb  mehr gegeben haben.

 

Der Musikverein „Lyra“ veranstaltet auf der „Belle“ Eggenstein das jährliche „Bellefest“ am Mittwoch, 1. Mai. Die vier Orchester des Vereins sorgen von 10.30 bis 17.30 Uhr für musikalische Unterhaltung. Ersatztermin bei schlechtem Wetter ist der Himmelfahrtstag, 30. Mai.