Wanderschäfer Christoph Abel mit seinem Hund Rex kommt bei seinem Zug von der Winterweide in Calw nach Stutensee-Büchig auch an Wössingen vorbei. Im Hintergrund ist die Weinbrennerkirche zu sehen.
Wanderschäfer Christoph Abel mit seinem Hund Rex kommt bei seinem Zug von der Winterweide in Calw nach Stutensee-Büchig auch an Wössingen vorbei. Im Hintergrund ist die Weinbrennerkirche zu sehen. | Foto: Arnd Waidelich

Landwirtschaft

Walzbachtaler Schäfer verkauft mehr Lämmer zu Ramadan als zu Ostern

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Ein Bild der Harmonie – der Schäfer in Eintracht mit Herde und Hunden. Naive und Landschaftsmaler haben sich dieser Idylle immer wieder bedient. So idyllisch ist der Alltag eines Schäfers indes keineswegs. Christoph Abel kann davon ein Lied singen. Der Wanderschäfer zieht seit mehr als 35 Jahren von Calw zu seiner Winterweide nach Stutensee-Büchig.

Von unserem Mitarbeiter Arnd Waidelich

Und erregt immer wieder Aufmerksamkeit. Mal besucht ein Papa, mal eine Mama mit dem neugierigen Nachwuchs die Herde und bestaunt die nur scheinbare Idylle. Doch beim Wort Romantik rollt Abel mit den Augen: „Das gibt es in der Schäferei nicht.“ Zwar hat er zum Sinnieren schon mal Zeit. „Aber das ist ein knallharter Beruf. Da brauchst du ein dickes Fell.“

Bürokratie und der Wolf machen dem Schäfer Schwierigkeiten

Und schon beginnt er von Schwierigkeiten und Stolperfallen zu erzählen, die seinen Weg säumen. Die EU-Bürokratie ist ihm wie vielen Landwirten ein Dorn im Auge. Die Billigkonkurrenz aus Neuseeland und einigen europäischen Nachbarstaaten dränge auf den deutschen Markt.

Öfters gebe es Streit mit Grundstücksbesitzern, die sich im wahrsten Sinne des Wortes übergangen fühlten. „Ich kann doch nicht jeden vorher fragen, ob ich über sein Land darf“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Seit etwa fünf Jahren kommt ein weiteres Problem hinzu: der Wolf. Rüde GW852m treibt im Nordschwarzwald sein Unwesen und hat 2018 allein nahe Bad Wildbad, nicht weit von Abels Sommerweide, 43 Schafe gerissen. Die Schafe, die der Wolf reißt, sind für Abel nicht das größte Problem dabei. Eine in Panik ausbrechende Herde jedoch könne schon mal vor einen Zug laufen oder vor ein Auto. Die dabei entstehenden versicherungsrechtlichen Probleme seien längst nicht geklärt.

Urlaub ist so viel Stress, dass sich die paar Tage für mich nicht rentieren.

Ein Jammertal ist die Schäferei für ihn indessen nicht. „Ich wollte Bauer werden“, beschreibt er seinen Traumjob. Das Kleingeld fehlte, so wich er auf die Schäferei aus. Eine Arbeit, die ihn erfüllt, aber alles von ihm verlangt. Während Gewerkschaften und Arbeitgeber über Arbeitszeitverkürzungen streiten, ist er von Siebentagewoche und Zwölfstundentag weit entfernt.

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Urlaub hat er sich nur selten gegönnt. Er vermisst ihn nicht. „Urlaub ist mit Vorbereitung und Aufarbeitung so viel Stress, dass sich die paar Tage für mich nicht rentieren.“

Lehre dauert drei Jahre

Viel lieber ist ihm das Kommando über seine Schafe. Das verlangt einiges. Der Schäfer ist nicht von ungefähr ein Lehrberuf mit Gesellen- und Meisterabschluss nach dreijähriger Lehrzeit. Denn Hüten will gelernt sein. Lässig auf die Schäferschaufel gestützt verharren, ist nur der schöne äußere Schein. Der trügt.

Die Tiere müssen sich in kürzest möglicher Zeit so viel Fleisch wie möglich auf die Rippen fressen. Die Wiese auszusuchen, die das garantiert, ist nicht so leicht und eines der Geheimnisse der Schäferei. Auf Stilllegungen fressen die Schafe am liebsten. Aber die – und da fängt Abel wieder, an auf die Europäische Union zu schimpfen – sollen ja möglichst unbeeinträchtigt liegen bleiben. Die Hinterlassenschaften seiner Blöktiere gelten in Brüssel als Dünger. Stilllegungen sind für ihn somit tabu.

Schäfer müssen Allround-Talente sein

Hüten ist allerdings nicht der zeitaufwendigste Teil seiner Arbeit. Schlachten, Scheren, Heu machen, all die Dinge, die mit der Gesundheitsvorsorge zu tun haben, fressen sehr viel Zeit. So ein Schäfer muss also ein rechter Allrounder sein: Metzger, Landwirt, Meteorologe, Arzt sind nur einige seiner wichtigsten Rollen.

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Zwar schaut alle zehn Tage der Amtsveterinär zur Kontrolle vorbei, doch im Umgang mit Antibiotika und Penicillinspritze ist Abel genauso virtuos wie mit der Schäferschaufel. In der Regel lässt er aber die Hände von seinen Schafen. Die Natur hilft sich selbst, lautet sein Motto – meistens jedenfalls.

Ein dickes Fell haben nicht nur die Schafe, auch der Schäfer selbst braucht eines. Scheren und Schlachten sind ebenfalls Teil seiner Arbeit.
Ein dickes Fell haben nicht nur die Schafe, auch der Schäfer selbst braucht eines. Scheren und Schlachten sind ebenfalls Teil seiner Arbeit. | Foto: Arnd Waidelich

Ein Schäfer darf nicht zart besaitet sein. Sein Schaf aber auch nicht. Der Umgang mit verendeten Tieren und der Gang zum Abdecker gehören zum Alltag. „Schafe sind nicht so empfindlich“, meint er, packt ein Lamm zur Markierung an den Hinterbeinen, schleift es hinter sich her, während er ein leises Blöken ausstößt. „Das wirkt beruhigend“, sagt er dabei.

Das Lamm soll als Lockvogel für die Mutter dienen. Die will zu Hilfe eilen und wird umgehend selbst zum Opfer. Mit der Zange wird eine tiefe Kerbe ins Ohr gezwickt. Das Kleine wackelt noch nicht mal aufgeregt mit seinem Schwänzchen über die Grobheit, als es der Mutter hinterher hoppelt.

Bajram-Lämmer bringen mehr Umsatz als Osterlämmer

Wo andere eine konturlose Masse sehen, in der die Schafe einander gleichen, sieht Abel Individuen. Aus Gesichts- und Körperform, Alter, Fell, Gang, Augen, Gesundheitszustand filtert er Einzeltiere heraus. Und denen geht’s – so leid es ihm auch tun mag – an die Wolle, beziehungsweise an den Kragen. Diese Zeit steht mit Ostern jetzt vor der Tür.

Doch auch dabei hat sich viel verändert. Abels Hauptgeschäft sind längst nicht mehr die Osterlämmer. „Bajram“-Lämmer bringen viel mehr Umsatz. Der islamische Feiertag am Ende des Fastenmonats Ramadan ist inzwischen einer der Grundpfeiler seines Geschäfts.

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Dem von vielen Kollegen befürchteten Aussterben der Schäferei setzt er seinen Sohn Mathias entgegen. „Ich hüte seit meinem siebten Lebensjahr Schafe und habe es schon immer gerne gemacht,“ sagt der. Er habe schon von Kindesbeinen an gewusst, dass er die Tradition fortsetzt.