BLICK IN DIE REINRAUM-PRODUKTION: Endosmart in Stutensee produziert Instrumente für die minimalinvasive Chirurgie. Mediziner in aller Welt verwenden sie. Allein 80 000 Einweg-Steinfangkörbchen stellt das wachstumsstarke Unternehmen pro Jahr her. | Foto: Endosmart

Endosmart aus Stutensee

Zauberhaftes Material für Mediziner der Welt

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Das grenzt an Zauberei: Bernd Vogel hält einen herzförmigen Draht zwischen seinen Fingern. Dann verbiegt er ihn wild in verschiedene Richtungen – um kurz danach die Flamme seines Feuerzeugs daran zu halten. Nach nur wenigen Sekunden ist die Herzform wieder da.

Nun ist Vogel von Beruf kein Zauberer, sondern promovierter Maschinenbauingenieur. Die Zauberei funktioniert, weil der Draht aus Nitinol besteht – und diese Nickel-Titan-Verbindung hat ein sogenanntes Formgedächtnis. „Auch der verbiegbare Löffel von Uri Geller war aus Nitinol“, sagt Karl G. Linder, der wie Vogel Geschäftsführender Gesellschafter der Endosmart Gesellschaft für Medizintechnik mbH (Stutensee) ist.

Einer der Pioniere der Nitinol-Anwendung in der Medizin

Endosmart schreibt sich auf die Fahnen, einer der Pioniere bei Nitinol-Anwendungen im medizintechnischen Bereich zu sein. „Wir wollen den Chirurgen das bestmögliche Werkzeug in die Hand geben“, sagt Linder. Die operieren weltweit mit den Produkten made in Stutensee, auch wenn nicht Endosmart drauf steht – das Unternehmen fungiert als Erstausrüster für Weltkonzerne, deren Namen es öffentlich nicht nennen darf. „Wir sind wie Foxconn, der für Apple die Smartphones produziert“, erklärt Linder.

„Allein 80 000 Einweg-Steinfangkörbchen von uns werden pro Jahr verkauft“, verdeutlicht Vogel die Dimensionen des umsatz- und ergebnisstarken Unternehmens. Einwegprodukte für die minimalinvasive Chirurgie machen 80 Prozent der Umsatzerlöse aus; vor allem in der Urologie kommen die Endosmart-Produkte zum Einsatz.

Verletzungsrisiko beim Patienten minimiert

Denn dieses zauberhafte Material Nitinol hat eine weitere Eigenschaft: Es ist extrem elastisch. Vogel demonstriert, wie das Ende eines Nitinol-Drahts mit wenigen Handbewegungen zu einem Körbchen wird, mit dem der Chirurg Nierensteine entfernen kann. Endosmart hält mehrere Patente. Das Körbchen ist spitzenlos, ein kleiner Punkt hält die Drähte zusammen. Dadurch minimiere der Operateur das Verletzungsrisiko beim Patienten. Es gehe „nicht um das billigste, sondern um das beste“ Instrument, so Linder. Entwickelt würden die medizintechnischen Geräte mit den ärztlichen Koryphäen und Meinungsführern ihres Fachs. „Wir sind flexibler als Weltkonzerne“, unterstreicht Linder, der als Gründer mehrerer Firmen aus dem Life-Science-Segment reichlich Branchenexpertise hat.

Rasantes Wachstum

Sein Geschäftspartner Vogel war am Forschungszentrum Karlsruhe (dem jetzigen KIT) Nitinol-Spezialist, gründete 2002 die heutige Endosmart. Mit zwei Mitarbeitern ging es los. Mittlerweile sind es 63. Für 2018 sind 100 geplant. 2016 wurden nach Unternehmensangaben 4,67 Millionen Euro erlöst – davon 60 Prozent im Ausland. Für dieses Jahr sind sechs Millionen Umsatz angepeilt. Linder weiter: „Wir haben für 2020 das Ziel, mit 150 Mitarbeitern zehn Millionen Umsatz zu erzielen – oder früher.“ Das rasante Wachstum könne man meistern. „Unsere internationale Strategie hat gezündet“, sagt der Unternehmer. Erst kürzlich wurde rund eine halbe Million Euro in die Erweiterung der Reinraum-Produktion investiert.

Neben Deutschland sind vor allem die USA, Brasilien und Argentinien wichtige Märkte für Endosmart. Auch wegen der dortigen Ernährungsgewohnheiten: Im Körper von Menschen, die viel Fleisch essen, entwickeln sich laut Linder auch eher Steinchen.

Warum sind die Endosmart-Manager so zuversichtlich? Die beiden Chefs weisen darauf hin, dass das Unternehmen ein Spezialist mit großer Expertise beim Material Nitinol sei. Für die Produktion habe man beispielsweise eigene Maschinen entwickelt. Hinzu komme, dass man mittlerweile rund 100 Kunden in der Welt habe, Risiken also streue. „Und wir haben noch nicht einen verloren“, so Linder. Ein weiteres wichtiges Argument: Minimalinvasive Eingriffe liegen nach Angaben der Unternehmer nach wie vor im Trend. Sie sind ihren Worten zufolge schneller, schonender, risikoärmer und kostengünstiger als viele klassische Operations- und Untersuchungsmethoden.

Auch wenn Instrumente für die Urologie noch eine Domäne von Endosmart sind, sehe man beispielsweise in der Herzchirurgie große Chancen. HNO-Heilkunde, Augenheilkunde und Wirbelsäulchenchirurgie seien weitere Wirkungsfelder. So hat Endosmart neben den genannten Steinfangkörbchen auch gelenklose chirurgische Instrumente für den Einsatz von Lasern entwickelt. Sonden sind weitere Produkte des Stutenseer Unternehmens. Auch hier verwendet es das zauberhafte Material Nitinol.