Bücherwissen sei gegen die weibliche Natur, hieß es im 19. Jahrhundert. Doch 1893 wurde in Karlsruhe das erste Mädchengymnasium gegründet.
Einst mussten Frauen um das Recht auf Bildung kämpfen. Vor 125 Jahren wurde in Karlsruhe das erste Mädchengymnasium gegründet. | Foto: © phokrates – stock.adobe.com

In Karlsruhe ging’s los

125 Jahre Mädchengymnasium – Badens Beispiel hat Schule gemacht

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Ein Mädchengymnasium gründen – sonst noch was? Reihenweise kassierte der Verein „Frauenbildungs-Reform“ Absagen. Junge Damen sollten Haushaltsführung und Sticken lernen, statt ihre hübschen Köpfchen  mit Latein und Griechisch zu belasten. Mit ihrem Anliegen bissen Hedwig Kettler und ihr 1888 in Weimar gegründeter Frauenverein in vielen deutschen Ländern auf Granit. Nur in Baden wollte man den Versuch wagen. In Karlsruhe wurde 1893 das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet – mit 28 Schülerinnen in der Eingangsklasse.

„Wider die weibliche Natur“

Dass 125 Jahre später nahezu jede zweite Frau im Land ihre Schullaufbahn mit dem Abitur abschließen würde: Hätte das zur Gründungszeit des Mädchengymnasiums jemand prophezeit, wären ihm Hohn und Spott gewiss gewesen. Nicht nur, weil die höhere Schulbildung damals eine sehr exklusive Angelegenheit war. Es herrschte die Meinung vor, dass zu viel Denken „wider die weibliche Natur“ sei.

Das Mädchengymnasium in Karlsruhe – ein Experiment

Das zunächst vom Verein „Frauenbildungs-Reform“ betriebene Mädchengymnasium war ein Experiment. Die Schule stand unter Beobachtung. Immerhin stellte der Oberschulrat fest, dass die Gymnasiastinnen „wohlgesittet“ seien und „keinerlei Anwandlungen zur Emanzipationslust“ zeigten. Das erleichterte dem Karlsruher Stadtrat die Entscheidung, das von Finanznöten gebeutelte Gymnasium in eine städtische Einrichtung umzuwandeln. Es wurde 1898 als Mädchen-Gymnasialabteilung der benachbarten Höheren Töchterschule angegliedert – dem heutigen Fichte-Gymnasium in der Sophienstraße.

Vier junge Frauen halten durch bis zum Abitur 1899

Ein Jahr später legten die ersten Gymnasiastinnen die Reifeprüfung ab. Nur vier junge Frauen hatten bis zum Abitur durchgehalten. Als beste Absolventin hielt die Karlsruherin Rahel Goitein 1899 die Abiturrede. Sie betonte, wie bedeutungsvoll dieser Augenblick nicht nur für die Karlsruher Anstalt, sondern für ganz Deutschland sei.  „Ist es doch das erste Mal, dass Schülerinnen eines regelrechten Gymnasiums in unserem Vaterland das Abitur machen durften“, sagte sie.

Jetzt geht es um das Recht auf ein ordentliches Studium

Nach dem Abi galt es, als nächste Festung die Universitäten zu stürmen. Die hatten allerdings überhaupt keine Lust, sich als „Frauen-Hochschulen“ belächeln zu lassen und warnten die badische Regierung vor einem Alleingang. Eine ordentliche Immatrikulation kam nicht in Frage – allenfalls als „Hörerinnen“ in einzelnen Fächer wollten die Professoren die Abiturientinnen dulden. So hatten sie es schon in früheren Jahren vereinzelt mit ambitionierten Damen gehalten – den Gemahlinnen von Kollegen etwa, Frauen mit Lehrerinnen-Examen oder solchen, die in der Schweiz die Reifeprüfung abgelegt hatten.

Die Professoren sagen „Nein“, das Kultusministerium sagt „Ja“

Johanna Kappes, eine Karlsruher Abiturientin von 1899, die in Freiburg Medizin studieren wollte, mochte sich nicht mit dem Hörerinnen-Status abfinden. Sie reichte eine Petition ein, die prompt vom Senat der Uni Freiburg abgeschmettert wurde. Beim Kultusministerium in Karlsruhe fand Johanna Kappes jedoch Gehör: Im Februar 1900 erging ein Erlass, wonach die badischen Universitäten Frauen mit deutschen Reifezeugnis zum Studium zuzulassen hatten – zunächst „versuchs- und probeweise“. Also wieder ein Experiment, mit dem Baden zum Vorreiter wurde. Württemberg öffnete seine Hochschulen 1904 für Frauen, Preußen zog 1908 nach.

Drei der vier Karlsruher Abiturientinnen von 1899 haben studiert.
Johanna Kappes studierte Medizin an der Universität Freiburg,
Rahel Goitein ebenfalls Medizin an der Universität Heidelberg
Magdalena Meub Pharmazie an der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Das ging damals am heutigen KIT.
Alle drei haben ihren Beruf anschließend auch ausgeübt.

… und das Mädchengymnasium?

Was aber wurde aus dem ersten deutschen Mädchengymnasium? In der Fichteschule in der Sophienstraße 14 herrschte wegen hoher Schülerinnenzahlen bald Platzmangel. 1911 zogen mehrere Klassen, darunter die Gymnasialabteilung, in ein neues Gebäude in der Sophienstraße 147 um – das heutige Lessing-Gymnasium. So kommt es, dass zwei Karlsruher Gymnasien den Anspruch erheben können, als „erstes“ in Deutschland Frauen ein ordentliches Abitur ermöglicht und ihnen den Weg in die Hochschulen geebnet zu haben. Das Jubiläum „125 Jahre Mädchengymnasium“ feiern sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern. Denn seit langem lernen an beiden Gymnasien Mädchen und Jungen Seite an Seite.

Das Fichte- und das Lessing-Gymnasium Karlsruhe feiern am 3. Mai gemeinsam das Jubiläum „125 Jahre Mädchengymnasium“, als dessen Nachfolgeinstitutionen sich beide Schulen sehen.
Die Feierlichkeiten finden im Rahmen der Europäischen Kulturtage Karlsruhe statt. Die stehen in diesem Jahr passender Weise unter dem Motto „Umbrüche, Aufbrüche. Gleiche Rechte für alle“.
Am 3. Mai soll die Sophienstraße sichtlich zur „Achse der Mädchenbildung“ werden. Zudem gibt es ein Fest in der Nottingham-Anlage. Mehr dazu gibt es hier.

Frauenbildung heute

Abiturientinnen und Abiturienten

Mädchen haben heute – was die gymnasiale Bildung angeht – die Nase vorn. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. 48,3 Prozent der jungen Frauen in Baden-Württemberg (18- bis unter 21-Jährige) konnten 2016 das Abitur vorweisen. Bei den gleichaltrigen Männern waren es lediglich 36,8 Prozent.

Im Jahr 1990 war der Abiturienten-Anteil an der Gesamtbevölkerung noch wesentlich kleiner – damals machten 25,6 Prozent der Männer Abitur. Damit lagen sie damals noch vor den Frauen, bei denen der Abiturientinnen-Anteil 24 Prozent betrug. Zahlen aus weiteren Jahren finden Sie  hier.

Frauen an den Hochschulen

47 Prozent der fast 360 000 Studierenden an baden-württembergischen Hochschulen waren im Wintersemester 2016/17 weiblich, heißt es beim Statistischen Landesamt. An den Pädagogischen Hochschulen (Frauenanteil: 78 Prozent), den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften der Verwaltung (Frauenanteil: 63 Prozent) sowie den Kunsthochschulen (Frauenanteil: 56 Prozent) überstieg die Anzahl der Studentinnen die Anzahl der Studenten. An den Universitäten entsprach der Frauenanteil mit 47 Prozent genau dem Durchschnitt. An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (Frauenanteil 43 Prozent) und den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (Frauenanteil 41 Prozent) überwogen männliche Studenten.

Was Frauen am liebsten studieren

Das beliebteste Studienfach von Frauen (aber auch von Männern) in Baden-Württemberg ist Betriebswirtschaftslehre. Bei den Studentinnen folgen im Beliebtheits-Ranking danach Germanistik/Deutsch, Medizin, Erziehungswissenschaften/Pädagogik, Psychologie, Rechtswissenschaften sowie Biologie.

Wo Frauen stark/schwach vertreten sind

Die Fächergruppen mit den höchsten Frauenanteilen an den Hochschulen Baden-Württembergs im Wintersemester 2016/17 waren Geisteswissenschaften (69 Prozent), Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften (63 Prozent) sowie Kunst/Kunstwissenschaften (63 Prozent). Deutlich unterrepräsentiert waren Studentinnen hingegen in den Ingenieurswissenschaften mit einem Anteil von 23 Prozent. In den MINT-Studienfächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) schwankt der Frauenanteil seit über zehn Jahren zwischen 27 und 29 Prozent.

Mehr Infos zu Frauen an den Hochschulen gibt es beim Statistischen Landesamt Baden-Württemberg.