Vierfacher Torschütze: Edgar Schmitt bejubelt seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 für dem KSC. Nach dem Abpfiff steht es 7:0.
Vierfacher Torschütze: Edgar Schmitt bejubelt seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 für dem KSC. | Foto: GES

Der Tag, als Karlsruhe bebte

25 Jahre nach dem „Wunder vom Wildpark“

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Wie die Zeit vergeht. Auf den Tag genau 25 Jahre ist es an diesem Freitag her, dass Edgar Schmitt seine „Sternstunde“ im Wildparkstadion hatte. Das 7:0 gegen den FC Valencia in der zweiten Runde des Uefa-Pokals der Saison 1993/1994 gilt als das legendärste Fußballspiel, das im 1955 erbauten Wildparkstadion ausgetragen wurde. „Jeder weiß noch, wo er damals war“, sagt Michael Witter, der damals als Libero vor dem jungen Torwart Oliver Kahn für eine dichte Abwehr beim KSC sorgte.

Was ist aus den Helden des „Wunders vom Wildpark“ geworden? Wie erinnern sie sich an den Tag und überhaupt an die Zeit, als der Fußball noch Typen und Persönlichkeiten hervorbrachte? BNN-Sportchef René Dankert hat mit ihnen gesprochen: mit dem Trainer Winfried Schäfer, mit „Euro Eddie“, Oliver Kahn, Rainer Schütterle, Michael Wittwer, Eberhard Carl, Sergej Kiriakow, Rainer Krieg, Manfred Bender und Wolfgang Rolff.

Außerdem traf er sich mit Burkhard Reich, der im Spiel der Spiele gesperrt war und doch seinen Anteil am Spielverlauf hatte, und mit dem damaligen Präsidenten Roland Schmider, der von 1974 bis 2000, als ewiger KSC-Boss quasi, die Geschicke des Vereins mit seinen vielen Aufs und Abs prägte.

Winfried Schäfer erinnert sich noch lebhaft an das „Wunder vom Wildpark“

Das Langzeitgedächtnis von Winfried Schäfer, 68, funktioniert erstaunlich gut. In Details sogar besser als das der 15 bis 20 Jahre jüngeren Spieler beim sogenannten „Wunder vom Wildpark“. Die Geschichten und Vorgeschichten zum 7:0, welches sich als Monument in die Historie des Karlsruher SC eingravieren sollte, kommen dem Trainer-Globetrotter mit Dienstadresse in Teheran auch ein Vierteljahrhundert später nahe und sehr lebendig über die Lippen.

So ein Spiel kann man einfach nicht vergessen

Dann klingt er wie eh und je – eindringlich und leicht heiser. „So ein Spiel kann man einfach nicht vergessen, weil es ein Spiel des Glaubens war“, sagt der Mann, den alle beim KSC immer nur „Winnie“ riefen. In den 1970ern kam der Weisweiler-Schüler als Spieler hierher, 1986 als Trainer zurück. Beliebt war er nicht nur bei denen, die es lieben, wenn einer nicht still sein, nicht stillstehen und nicht verlieren will oder kann. Bis heute will „Winnie“ das nicht.

Große Freude bei KSC-Trainer Winfried Schäfer nach dem "Wunder vom Wildpark".
Große Freude bei KSC-Trainer Winfried Schäfer nach dem „Wunder vom Wildpark“. | Foto: GES

Stummfilmkino im Ritter

Vor Schäfers geistigem Auge werden Bilder wach. Dann sieht er: sich selbst. Damals, Anfang November  1993. Wie er bei der Abschlussbesprechung im Gemeinschaftsraum des Hotels Ritter erst den Ton und dann die Farbe aus dem Fernsehbild nahm. Die Kassette im surrenden VHS-Rekorder gab die Bilder von der 1:3-Niederlage aus dem Hinspiel wieder. Die galt es wettzumachen, sonst wäre die erste Europapokal-Tournee des KSC in der Saison 1993/1994 schon nach dem erfreulichen Auftakt gegen den PSV Eindhoven mit der zweiten Reise beendet gewesen.

„Ein Spiel. Schwarz-weiß. Ohne Ton. Katastrophe!“, erzählt Schäfer, wie er den Kickern beim Stummfilmkino in Büchenau die Augen dafür öffnen wollte, dass die Jungs vom damaligen spanischen Spitzenreiter Valencia C.F. in ihrem Fußball-Theater Estadio Mestalla gar nicht so respekteinflößend waren.

Und gegen diese Blinden wollen wir jetzt ausscheiden?

Und vor einer Dynamik voller Irrwitz waren auch die im Weltfußball jener Tage klingenden Namen aus Guus Hiddinks Reihen nicht gefeit, kein Predrag Mijatovic, kein Juan Pizzi und auch nicht Fernando. „Der Erste, der das begriffen hat, war der Oliver Kahn“, erinnert sich Schäfer. Der habe gegen Ende der Vorführung auf den Tisch gehauen und gesagt: „Und gegen diese Blinden wollen wir jetzt ausscheiden?“

Schäfer unter dem Tisch

Der angebliche Abwehrreflex des jungen Torwarts gegen das drohende Scheitern habe sich dann auf die anderen übertragen, berichtet Schäfer. Neben allem Starkreden und Emotionalisieren war der auch damit beschäftigt gewesen, das Kontaktverbot zur Mannschaft, das ihm die Uefa auferlegt hatte, zu umgehen.

Wegen angeblicher verbaler Entgleisungen in Eindhoven hatten die Funktionäre ihm einen Tribünenplatz zugewiesen, die Kabine war für ihn tabu. Doch Schäfer nutzte die Nebentür seines Trainerkabuffs, um sich doch vor Anpfiff noch zu den Spielern zu stehlen. Draußen flirrte das Flutlicht, die Ränge waren längst lückenlos mit Erwartungsfreude gefüllt.

Das erste von vier Toren: Edgar "Euro Eddie" Schmitt bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen Valencia.
Das erste von vier Toren: Edgar „Euro Eddie“ Schmitt bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen Valencia. | Foto: GES

Zeugwart Huseyin Cayoglu in geheimer Mission

In der Kabine stand Schäfer, präsent und heiser wie immer, als eine hektische Stimme vor dem nahenden Uefa-Aufseher Alfred Ludwig warnte. Das KSC-Lager hatte im Vorfeld den Zeugwart Huseyin Cayoglu als den am unverdächtigsten „Spezialagenten“ ausgemacht.

Über ihn blieben Schäfers Assistenten Edmund Becker und Rainer Ulrich an der Seitenlinie verbotenerweise mit Schäfers Direktiven versorgt. Der Türke Cayoglu, im KSC-Universum schon damals aller „Hans“, trug an jenem 2. November 1993 als Funker etwas Warmes ums Herz und einen Knopf im Ohr.

Aufgeregt war er wie alle, als der Österreicher Ludwig die Kabine zu entern drohte. Schäfer dachte in erster Panik an eine Tarnung unter dem Tisch, warf sich dann eine Winterjacke über den Kopf und verharrte, starr, hinter der Tür. So flog er nicht auf.

Ganz andere Zeiten

Der spätere Spielausgang erfuhr somit keine fünfte Halbzeit vor Verbandssportgerichten. Alles blieb wahr. Die sieben Tore. Der Einzug in die nächste Runde. Das Weiterkommen dann gegen Boavista Porto. Der Einzug in das Halbfinale – Folge des Coups gegen Girondins Bordeaux, seinerzeit mit Zinédine Zidane und Bixente Lizarazu. Die Energie in der Stadt, greifbar.

Den Stecker zog ihr dann das biedere Casino Salzburg (0:0, 1:1), das erzielte Auswärtstor entschied. Die beiden weiteren KSC-Jahre im Europapokal, das verlorene DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern. Nie war die Fußball-Region so beseelt wie in jenen 1990ern. Und „Valencia“ wurde in der Stadt zu einem Synonym für ihre Fußball-Sehnsüchte, für ein Lebensgefühl.

Spieler und Fans quatschten im Karlsruher La Cage

So viel Emotion. So voller Möglichkeiten. Spieler quatschten mit Fans an Tischen im La Cage. TV-Leute, die Schäfer im Abschlusstraining mitkicken ließ, gehörten zum Sound jener Tage wie deren Wetten mit der Karlsruher Fußballprominenz.

Der damalige Sat.1-Mann Jörg Wontorra, als jemand „mit Igel in der Tasche“ verschrien, irrte sich schwer, als er gegen den KSC als Halbfinalisten tippte – und zur Strafe die Mannschaft dafür ins Ludwigs zum Essen einladen musste.

Rainer Schütterle lacht und erzählt von seiner Gewohnheit, „im Januar nie Alkohol“ zu trinken. Wontorras Sause trug sich dann just im Januar des Jahres 1994 zu, „16 große, alkoholfreie Biere“ habe Schütterle getrunken, „und die anderen haben ehrliche Arbeit abgeliefert. Wir wollten es dem Kollegen Wontorra dann auch so machen, dass er ein bisschen etwas zu bezahlen hat.“

Schmiders Känguru-Sprünge

Leistung fürs Geld brachte die Schäfer-Truppe auch am Arbeitsplatz. Das 7:0 gegen Valencia aber hatte nicht nur mit den 25.000 Augenzeugen im Stadion etwas gemacht. Mit der Masse verlor selbst der für Sat.1 live kommentierende Jörg Dahlmann die Fassung.

Ich habe mich da selbst nicht mehr in der Gewalt gehabt

Der ewige KSC-Präses Roland Schmider (1974 bis 2000) war wie von Sinnen. „Ich habe mich da selbst nicht mehr in der Gewalt gehabt. Da bin ich wirklich wie ein Känguru auf den Platz gesprungen“, erinnert sich Schmider.

Das 7:0 machte aber vor allem etwas mit jenen Menschen, die noch heute ab und an im Team der KSC-Allstars für gute Zwecke kicken: Michael Wittwer etwa, Eberhard Carl, Rainer Krieg zum Beispiel, manchmal auch Dirk Schuster.

Der Nachwuchs fehle etwas, bedauert Burkhard Reich, „Präsident“ der Allstars. Er war an jenem Novemberabend 1993 nur für die Fernsehleute im Einsatz. Der Abwehrchef hatte sich im Hinspiel eine Gelb-Sperre eingehandelt, in dessen Schlussphase aber auch Anteil daran, dass sich Valencias Weltklassestürmer Lyuboslav Penev zum Foul gegen ihn mit derselben Folge verleiten ließ.

Der Titan nach dem "Wunder vom Wildpark": Oliver Kahn hält gegen Valencia seinen Kasten sauber.
Der Titan nach dem Abpfiff: Oliver Kahn hält gegen Valencia seinen Kasten sauber. | Foto: GES

„Euro Eddies“ Geburtsstunde

Untrennbar ist die Valencia-Dramaturgie verbunden mit Edgar Schmitt, der seine Geburtsstunde als „Euro Eddie“ erlebte. Schon der späte Treffer im Hinspiel war sein Werk. „Da hätten wir eigentlich vorher schon sieben Stück kriegen müssen“, erinnert sich Calli Rühl, der in jenen Tagen Manager des KSC war. Ein Kölner.

Valencias Trainer Hiddink, das erzählt Rühl und lacht herzlich, habe den KSC vor dem Rückspiel noch bei dessen DFB-Pokalpartie in Düsseldorf gegen Mönchengladbach (0:1) beobachtet. „Hinterher fragte mich Hiddink, der in Eindhoven lebte, ob ich ihn bis nach Köln mit zurücknehmen könne“, weiß Rühl noch. Das tat er dann auch, Hiddink habe „die ganze Fahrt immer wieder recht mitleidig über den KSC gesprochen“.

Autounfall wenige Tage vor dem Spiel

Eine andere Autofahrt zwischen den beiden Valencia-Spielen wurde in der Legendenschreibung bekannter. Wenige Tage vor dem zweiten Treffen nämlich hatte Edgar Schmitt bei Freisen auf Glatteis die Kontrolle über seinen Wagen verloren und sich darin überschlagen. Angeblich viermal. Für jedes Tor ein Looping, hieß es prompt. „Wenn sich einer mehrmals mit einer hohen Geschwindigkeit überschlägt mit dem Auto, zählt er nicht mit, wie oft es war“, sagt Schmitt dazu.

Wie hätte Schmitt seinen Sprint in die Ruhmeshalle der Uefa-Pokal-Geschichte vergessen können? Wie die Leute ihn? Es gab Zeiten, da habe er „den Euro Eddie auch mal verflucht“, gibt er zu. Längst nicht alles war im Leben nach der Kickerkarriere für ihn so glatt gelaufen wie bis zur umtosten Auswechslung am 2. November 1993. Die Ovationen. Der Rausch. Das Schulterklopfen.

Doch die Logik des Lebens außerhalb des Rasenrechtecks erspart keinem die Wahrheit, dass aus stilisierten Helden nach dem Karriereende Menschen werden, die dann hoffentlich echte Freude haben, einen Plan und keine Schulden.

Die Nacht endete in der Funzel

Im Wildpark hatte es an „Euro Eddies“ Geburtstag schon vor Anpfiff ein wenig Folklore gegeben. Schütterle lacht heute, wenn er an den Funzel-Wirt Philipp Leimbeck denkt, der „im Vorprogramm von Tony Marschall“ sein eigenes KSC-Lied intonierte. „Wenn du rauskommst und siehst den da im Wagen durch die Gegend fahren, falsch singend, das war schon interessant.“

Man feixte darüber noch in den Morgenstunden in der Ochsentorstraße. Die Nacht endete dort wie viele andere. „Mit mir am Zapfhahn“, wie Schütterle sagt. Die Funzel gibt’s nicht mehr, heute darin: ein Spanier.

Das "Wunder vom Wildpark" auf der Anzeigetafel.
Das „Wunder“ auf der Anzeigetafel. | Foto: GES

„Schmider, mach die Kohle locker“

So spanisch kam der mögliche Weg in die nächste Runde den Bilics, Carls, und Benders nach der Gehirnwäsche ihres Trainers am Europapokal-Dienstag gar nicht mehr vor. Schiedsrichter Zbigniew Przesmycki musste das Anspiel wiederholen lassen, weil Wolfgang Rolff und Sergej Kiriakow zur Attacke, aber eben zu früh in den Mittelkreis gejagt waren.

Ein überdrehter, chaotischer Haufen

Es sei dann ein abscheuliches Spiel geworden. Voller Dreck und Schmutz. Und die mit Libero und in Manndeckung agierenden Schäfer-Jungs seien „ein überdrehter, chaotischer Haufen“ gewesen“.

Schmitt lacht, wenn er den Verriss beim Taktik-Portal „Spielverlagerung.de“ zitiert. Daran sei nicht alles verkehrt. Ein archaischer Kampf sei es gewesen. Ohne Kompromisse. Schütterle weiß noch, wie sich das auf dem Platz anfühlte, als der K.o. gesetzt war: „Nach dem 4:0, 5:0, da ging es dahin. Dann wussten die gar nicht mehr, wo sie stehen. Da haben wir gesagt, jetzt müssen wir aufpassen, dass von denen nicht noch ein paar bei uns in der Kabine reinlaufen, so schwindelig war denen“.

Dirk Schuster schwenkt riesige KSC-Fahne

Hinterher schwenkte Dirk Schuster eine riesige KSC-Fahne. Sein Oberkörper: nackt. Den KSC-Präsidenten, im Trenchcoat, wusste, was ihn erwartet. „Schmider, mach die Kohle locker. Schmider, mach die Kohle locker“, singt er, was dem heute 78-Jährigen in den Ohren klingt. „Der Wittl vorne dran, das war der erste große Sänger vom Dienst.“

Wittwer oder sonst wer hatte die ausgehandelte Prämie, die auf der Kabinentür geschrieben stand, durchgestrichen und den doppelten Betrag darunter gekritzelt. So was kam häufiger vor. Nie war Schmider aber leichter zu erweichen als damals – am 2. November 1993, beim „Wunder vom Wildpark“.

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