Der Knielinger See liegt mitten im Naturschutzgebiet Burgau, dem mit fast 300 Hektar größten auf Gemarkung der Stadt. Für Besucher des Gebiets gelten strenge Regeln.
Der Knielinger See liegt mitten im Naturschutzgebiet Burgau, dem mit fast 300 Hektar größten auf Gemarkung der Stadt. Für Besucher des Gebiets gelten strenge Regeln. | Foto: jodo

Naturschutz

40 Prozent der Karlsruher Stadtfläche stehen unter besonderem Schutz

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Karlsruhe wächst seit Jahren – die vorhandenen Flächen werden aber nicht größer. Trotzdem hat sich die Stadt auf die Fahne geschrieben, jährlich ein weiteres Schutzgebiet auszuzeichnen. Rund 40 Prozent der Karlsruher Natur stehen derzeit unter besonderem Schutz. Das führt an verschiedenen Stellen zu Konflikten.

Eine Platane vor dem Naturkundemuseum steht seit 2013 unter besonderem Schutz. Die Nördlichen Rheinauen in der jetzigen Form seit 1975. Und fast 700.000 Quadratmeter des Alten Flugplatzes seit zehn Jahren.

Liste der Schutzgebiete hat über 100 Einträge

Die Liste der Schutzgebiete auf Karlsruher Gemarkung umfasst mittlerweile 115 Einträge – vom einzelnen Baum bis zu riesigen Wald- und Wiesenarealen. Für 40 Prozent der Stadtfläche gelten besondere Regeln. Sie sind vor dem Zugriff für Wohn- oder Gewerbegebiete geschützt.

Um jeden nicht verplanten Meter wird teils über Jahre hart gekämpft und abgewogen. Doch auch wenn sich der Umweltschutz in einem Gebiet durchgesetzt hat, sind Konflikte häufig und Verstöße an der Tagesordnung.

Riesige Flächen lassen sich kaum überwachen

„Das ist leider ein Massengeschäft“, sagt Norbert Hacker, Leiter des Amtes für Umwelt- und Arbeitsschutz. Freilaufende Hunde, wild entsorgter Müll oder illegal gebaute Zäune und Hütten sind drei der häufigsten Regelübertretungen, aber bei weitem nicht die einzigen.

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Kontrollieren lässt sich die Einhaltung der Vorgaben auf den riesigen Flächen kaum, der Personalaufwand wäre zu groß. Deshalb setzt man im Amt darauf, die Menschen zu sensibilisieren und mitzunehmen. „Der Alte Flugplatz ist dafür ein schönes Beispiel“, sagt die Leiterin des Bereichs Ökologie, Ulrike Rohde. „Dort informieren Tafeln und viele Ehrenamtliche helfen mit und achten darauf, dass die Regeln eingehalten werden.“

Doch auch wenn sich die soziale Kontrolle in den vergangenen Jahren verstärkt hat, bleibt viel zu tun. Oft sei den Menschen nicht bewusst, dass scheinbar kleine Fehltritte große Folgen haben können, so Rohde. Ein typisches Beispiel ist die Entsorgung von Gartenabfällen irgendwo in der Natur. Darin scheine kein großer Widerspruch zu stecken, doch „so können sich Pflanzen ausbreiten, die dort gar nicht vorkommen“.

Früher gab es „Käseglocken-Naturschutz“

Die Umweltbehörde steht teilweise vor einem schwierigen Spagat. In den Anfangszeiten habe man „Käseglocken-Naturschutz“ betrieben, sagt Rohde. Gebiete wurden komplett abgeriegelt, Menschen blieben außen vor. Heute ist das nicht mehr gewollt. „Es geht darum, Schutzgebiete erschließbar zu machen – allerdings kontrolliert.“

Besonders streng sind dabei die Regeln in den neun Naturschutzgebieten, für die ein Verbotskatalog gilt: Nichts mitnehmen, keine Hunde von der Leine, die Wege nicht verlassen.

Auch für einen Zaun braucht es eine Genehmigung

Diffiziler ist die Lage in Landschaftsschutzgebieten (LSG). Die wurden oft schon genutzt, ehe sie als schützenswert eingestuft wurden – durch Land- und Forstwirtschaft oder auch Sportvereine. Während die ersten beiden Gruppen privilegiert behandelt werden, genießen andere Bestandsschutz. Der gilt aber nur so lange, wie sich nichts an Bebauung und Nutzung ändert.

Das musste zuletzt beispielsweise die Caritas erfahren, die gerne ihr Waldheim saniert und eine Kindertagesstätte dauerhaft dort untergebracht hätte. „Für diese Gebiete gilt ein Bauvorbehalt“, erläutert Alexander Bautz, der sich beim Zentralen Juristischen Dienst der Stadt mit Umweltrecht beschäftigt. Gebaut oder verändert werden darf also nur, was genehmigt ist und einen „Bezug zum Außenbereich“ hat.

Die Salmenwiesen bei Rüppurr werden bei Hochwasser regelmäßig überschwemmt. Sie gehören zum Landschaftsschutzgebiet Südliche Hardt, in dem auch das Rüppurrer Schwimmbad, das Sportgelände der FG Rüppurr und mehrere Bauernhöfe liegen.
Die Salmenwiesen bei Rüppurr werden bei Hochwasser regelmäßig überschwemmt. Sie gehören zum Landschaftsschutzgebiet Südliche Hardt, in dem auch das Rüppurrer Schwimmbad, das Sportgelände der FG Rüppurr und mehrere Bauernhöfe liegen. | Foto: jodo

Die Kontrolle von Kleinbauten wie Zäunen oder Hütten sei Tagesgeschäft, sagt Hacker. Sonst entstehe hier schnell eine Eigendynamik. „Nicht das Einzelne ist negativ, sondern das Gesamte. Hier müssen wir den Gleichbehandlungsgrundsatz im Auge behalten“, so der Amtsleiter.

Bergwaldsiedlung würde heute so nicht mehr geplant

Doch nicht nur im Kleinen gibt es in Karlsruhe jede Menge Bauten, die so heute nicht mehr genehmigt werden würden. Noch in den 1960er Jahren wuchs beispielsweise zwischen Wolfartsweier und Hohenwettersbach die Bergwaldsiedlung, die mittlerweile vom Landschaftsschutzgebiet Bergwald-Rappeneigen umschlossen ist. „Das wäre heute nicht mehr denkbar“, sagt Hacker.

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Bei vielen Planungen stehen sich unterschiedliche Interessen gegenüber, oft hat sich zuletzt der Natur- und Landschaftsschutz durchgesetzt, teils mit Kompromissen. „Oft geht es um die Frage, wer wie viele Federn lässt“, sagt Hacker. So habe man beispielsweise fast zwölf Jahre darüber diskutiert, ehe das LSG Oberwald 2018 bis an die Grenze von Wolfartsweier ausgedehnt wurde.

Stadt will jährlich ein neues Schutzgebiet ausweisen

Bei der Debatte um den Alten Flugplatz musste der Naturschutz kleine Abstriche machen. Das südöstliche Eck des Geländes gehört nicht zum Schutzgebiet, dort sollen Wohnungen entstehen. „Ein klassischer Kompromiss“, sagt Hacker.

Dafür gab es gesetzlich vorgeschriebene Kompensationen im Norden des Geländes. Flächenverluste gibt es in einmal unter Schutz gestellten Gebieten hingegen fast nie. Eine große Ausnahme bildet das Areal um das Wildparkstadion, das für den Neubau aus dem LSG Hardtwald herausgenommen wurde. „Klares Ziel ist hier aber, dass nach dem Neubau das wilde Parken in den umgebenden Alleen unmöglich wird“, so Hacker.

Die Rolle des Natur- und Landschaftsschutzes – daraus macht auch die Rathausspitze keinen Hehl – wird in den nächsten Jahren eher wachsen. Jährlich soll ein weiteres Schutzgebiet dazu kommen, so die Vorgabe an das Umweltamt. Im Visier hat die Behörde beispielsweise die Neureuter Feldflur, die nördlich an das Naturschutzgebiet Alter Flugplatz angrenzt. Geht es nach Hacker und seinem Team, könnte dort bald ein weiteres Landschaftsschutzgebiet ausgezeichnet werden.