Das Stadtquartier „Karlsruhe Südost“, amtlich Südstadt-Ost, gilt bei Sozialpolitikern als monoton. Dort habe man es versäumt, für eine soziale Durchmischung zu sorgen und nur Eigentumswohnungen entstehen lassen, wird kritisiert.
Das Stadtquartier „Karlsruhe Südost“, amtlich Südstadt-Ost, gilt bei Sozialpolitikern als monoton. Dort habe man es versäumt, für eine soziale Durchmischung zu sorgen und nur Eigentumswohnungen entstehen lassen, wird kritisiert. | Foto: Sandbiller

Gute Sozialpolitik

74 Städte im Test: Karlsruhe gute soziale Durchmischung bescheinigt

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Segregation gilt als Gefahr für die Stadtgesellschaft. Wenn die soziale Durchmischung in den Quartieren fehlt, Altbauviertel oder Trabantensiedlungen zu Ghettos verkommen, dann droht Zerfall. Nun haben Sozialforscher des Wissenschaftszentrums Berlin durch wiederholte Erhebungen für 74 deutsche Städte eine Zunahme der Segregation festgestellt. Und wie sieht es in Karlsruhe aus?

„Die soziale Segregation in deutschen Städten ist zwischen 2005 und 2014 um 10,5 Prozent angestiegen“, haben die Wissenschaftler ermittelt. Diese Entwicklung, die Spaltung der Städte, sei bereits seit 25 Jahren zu beobachten. Doch diese alarmierende Botschaft für die Sozialpolitiker trifft nicht auf das weiter wohlsituierte und stark wachsende Karlsruhe zu.

„Soziale Architektur stimmt“

Sozialbürgermeister Martin Lenz und seine Experten freuen sich darüber, dass „die soziale Architektur“ der Fächerstadt hält. Sie sehen Karlsruhes Spitzenstellung hinsichtlich der sozialen Homogenität vor allem in ihrer eigenen Sozialpolitik begründet. Präventiv ausgleichend wirke man auf die soziale Entwicklung ein – und das seit 50 Jahren, meint Lenz.

Platz 69 für Karlsruhe

Strukturstärke und Wirtschaftskraft alleine könnten den geringen Segregationsgrad für Karlsruhe nicht erklären. Schneiden doch andere prosperierende Städte wie etwa Stuttgart deutlich schwächer ab. Im Bundesvergleich ist Karlsruhe 2014 ohnehin spitze: Mit einem Segregation-Index von nur 17,4 nimmt die Fächerstadt unter 74 Städten den 69. Rang ein, schneidet also als sechstbeste ab.

Mannheim und Stuttgart schneiden schlechter ab

In Baden-Württemberg haben alle anderen einen höheren Index: Stuttgart 22,8, und Mannheim 26,3. Der höchste Wert in Deutschland liegt bei 40, Berlin hat einen Index von 31,3. Lenz und Regina Heibrock, Sozialplanerin in Karlsruhes Sozial- und Jugendbehörde, sind deshalb bei Krisenstädten in Nordrhein-Westfalen gefragte Leute, wenn es um die „Stabilisierung sozialer Architekturen“ geht. Karlsruhe schneidet übrigens bei der zweiten Erhebung für 2017 noch besser ab. Da liegt ihr Segregationsindex gar nur noch bei 15,6.

Sprudelnde Steuern helfen

Glaubt man den Karlsruher Sozialplanern, dann kommt vieles zusammen, was den Erfolg einer aktiven Strukturpolitik ausmacht. Barackensiedlungen säumten noch in den 60er Jahren die durch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Fächerstadt. Diese Obdachlosenquartiere wurden wie andernorts auch schon in den 70-er Jahren weitgehend aufgelöst. Doch in Karlsruhe geht die Sozialpolitik auch durch die sprudelnden Steuereinnahmen viel weiter: Alle Armenquartiere wie etwa Kleinseeäcker, das einst isoliert im Feld zwischen Oberreut und Bulach lag, werden abgerissen. Selbst eine Trabantensiedlung wie Oberreut, mit dem Karlsruhe die engen Behausungen im Dörfle, dem einstigen Klein-Karlsruhe für die kleinen Leute, durch Wohnblöcke auf der grünen Wiese ersetzte, weist heute keinen sehr hohen Segregationsgrad auf.

„Soziale Ungleichheit gering“

Lenz verweist auf ein segensreiches Wirken der stadteigenen Volkswohnung und der rund 25 Baugenossenschaften für den Sozialen Wohnungsbau in Karlsruhe. Die dezentrale Unterbringung von Obdachlosen seit 1997 sieht Lenz als Karlsruher Erfolgsschlüssel, um „das Maß der sozialen Ungleichheit“ in der Stadt relativ gering zu halten. Gerade bei der Obdachlosenunterbringung gelinge in Karlsruhe besonders die Kooperation mit privaten Hausbesitzern, betont Heibrock. Dabei gilt die Karlsruher „Wohnraumakquise durch Kooperation mit privaten Eigentümern“ als modellhaft.

Zur nachhaltigen modernen Stadt

Dank der sozialen Durchmischung wirkten sich Förderprogramme des Bundes und des Landes wie „Die Soziale Stadt“, bei denen Millionen Euro in die Infrastruktur der Stadtteile gesteckt werden, auch sehr positiv aus, meint Lenz. Dagegen verpufften diese Programme in Städten wie Duisburg gerade wegen des hohen Segregationsgrads ohne soziale Wirkung. Demnach können sich nur sozial gut durchmischte Städte nachhaltig zu modernen Stadtgesellschaften entwickeln.

Viele Angebote für Bedürftige

Karlsruhe steuert indessen auch mit gezielten Maßnahmen den sozialen Arbeitsmarkt. So fördert die Fächerstadt den dritten Arbeitsmarkt besonders für Langzeitarbeitslose. Auch der Karlsruher Pass und der Kinderpass, mit denen Bedürftige viele Angebote von Einrichtungen sowie kommunale Leistungen kostenlos oder zu geringen Konditionen nutzen können, gelten als Trümpfe. Auch diese gesellschaftliche Teilhabe, gilt als ein starker Segregationshemmer.

„Gefahr der wachsenden Stadt“

Lenz schwärmt da von „der Passgenauigkeit der Mittel“, die man in Karlsruhe gefunden habe. Allerdings erkennt auch der SPD-Politiker „die Gefahr der wachsenden Stadt“, wo nur noch Leistungsträger wie magnetisiert nach Boomtown strömen und die Einwohnerzahl vielleicht bald 330 000 Menschen und damit rund 50 000 mehr als heute vor 25 Jahren beträgt. Ein nochmals wachsender Verdrängungsdruck kann den bezahlbaren Wohnraum für die vergleichsweise armen Schichten in der Fächerstadt weiter verknappen.