Zerstörtes Schloss
AUSGEBOMBT: Das Schloss ist im September 1944 nach einem Luftangriff ausgebrannt. Hinter der Fassade gähnt die Leere. Auch der Turm ist eine Ruine. Der Schlossplatz wird vorübergehend zum Gemüsegarten, der nun auch in der Fächerstadt notleidenden Zivilbevölkerung. Nur Großherzog Karl Friedrich steht noch auf dem Sockel, als wäre nichts geschehen. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Gedenktage 2019 in Karlsruhe

75 Jahre nach den Bombennächten

Anzeige

Freude und Trauer bestimmen das Erinnern in Karlsruhe 2019 besonders. Da sind Geburtstage wie 50 Jahre Bundesverfassungsgericht beim Schloss oder 100 Jahre Demokratie und damit Frauenwahlrecht. Anlässe zum Feiern. Dagegen bieten die vier großen Bombenangriffe von 1944 Anlass nach 75 Jahren der Toten und der weitgehenden Zerstörung der Fächerstadt im durch Nazi-Deutschland entfachten Weltkrieg zu gedenken. Runde Geburtstage feiern Staatstheater, Jazzclub und ZKM.

Das Jahr ist noch ganz jung: Der rechte Zeitpunkt also, um an Altes von Bedeutung zu erinnern – an längst Vergangenes oder noch immer Bestehendes aus der Stadtgeschichte.

Es sind zwar noch 96 Jahre bis zum 400. Stadtgeburtstag, aber auch 2019 bietet einige herausragende Jubiläen für Einrichtungen und Gebäude oder Gedenktage für Ereignisse und Persönlichkeiten. Angelika Sauer vom Stadtarchiv hat die „Gedenk- und Jubiläumsliste 2019“ zusammengestellt.

Die immer – ob durch Intoleranz und Gewalt oder durch Elend und Krieg – gefährdete Demokratie kann feiern. Nach der Revolution von 1918 mit dem Ende der Fürstenherrschaft auch im Karlsruher Schloss brachte das Jahr 1919 den Aufbruch der Demokratie.

Welche Hoffnungen verbanden sich vor 100 Jahren mit den Wahlen zur verfassungsgebenden badischen Nationalversammlung am 5. Januar 1919. Endlich freie Wahlen für alle. Auch Karlsruhe gedenkt dabei besonders dem Sprung in der auch heute noch nicht abgeschlossenen Emanzipationsbewegung. „100 Jahre Frauenwahlrecht“, ein Anlass für viele Diskussionen, Vorträge und Kunstveranstaltungen.

Zehn Tage später, am 15. Januar vor 100 Jahren, tagte diese badische Nationalversammlung erstmals im Karlsruher Ständehaus. Das traditionell relativ liberale Baden hatte auch damals die Nase vorne: Das ganze Volk wählte erst am 19. Januar 1919 die verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung.

Schließlich gipfeln die Demokratie-Feiern 2019 am 21. März: Dann geht es um 100 Jahre „Festakt zur Weihe der neuen badischen Verfassung“. Schon gut drei Wochen später folgt am 13. April: „100 Jahre Volksabstimmung über die badische Verfassung.“

Bei all diesen Jahrestagen wird auch den schweren Zeiten für die junge deutsche Demokratie in der Weimarer Republik gedacht werden – und ihrem endgültigen Scheitern in der Machtübernahme 1933 durch Adolf Hitler und sein braunes Terrorregime.

Vier schwere Bombenangriffe der Alliierten brachten der Fächerstadt vor 75 Jahren nie gekannte Zerstörung und Leid. Ein Großteil des „alten“ Karlsruhes ging in den Feuernächten des Luftkriegs kaputt.

In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 trafen die Bomben Hagsfeld, Rintheim und Grötzingen. Einen Monat später, am 27. Mai 1944, wurden die Oststadt mit Schloss Gottesaue, der Rangierbahnhof und die Südstadt in Trümmer gelegt.

 

Bombenangriff auf Oststadt
GETROFFEN von den Fliegerbomben wird im Mai vor 75 Jahren die Oststadt: Schloss Gottesaue ist eine Ruine, dahinter ragen die Türme von St. Bernhard (Mitte) und der Lutherkirche (rechts) auf. Auch das Gaswerk beim Schlachthof ist schwer beschädigt. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

 

Der dritte Luftschlag kommt 27. September 1944: Weite Teile der Innenstadt – darunter das Schloss, das Staatstheater am Schlossplatz, die Kunsthalle, das Rathaus sowie die Evangelische Stadtkirche am Marktplatz und das katholische St. Stephan werden zerstört.

Es folgt noch der Angriff vom 4. Dezember 1944: Jetzt wird erneut die Innenstadt schwer getroffen, ebenso wieder die Weststadt, nun aber auch Mühlburg, Grünwinkel und Daxlanden.

Ungetrübt von der braunen Schreckensperiode 1933 bis 1945 und den Bombennächten mit vielen Toten besonders im Jahr 1944 ist wenigstens der 200. Jahrestag der Eröffnung des ersten badischen Landtags am 22. April 1819 im Karlsruher Schloss durch Großherzog Ludwig. Gleiches gilt für die Schlüsselübergabe für das Bundesverfassungsgericht beim Schlossplatz am 6. Mai vor 50 Jahren.

Trotz Brexit ist auch die Städtepartnerschaft zwischen Karlsruhe und Nottingham nach 50 Jahren noch ein Grund zum Feiern.
Einiger bedeutender Männer für Karlsruhe oder die ganze Welt wird 2019 gedacht, in den meisten Fällen jährt sich ihr Todestag in einer runden Zahl. Der Neujahrstag machte den Anfang: Vor 125 Jahren, am 1. Januar 1894, starb Heinrich Hertz, der Entdecker der elektromagnetischen Wellen. Der Physiker wirkte von 1885 bis 1889 als Professor an der Technischen Hochschule in der Kaiserstraße. Dort gelangen ihm seine die Welt verändernden Experimente im heute nach ihm benannten Institutssaal.

Am 4. März vor 100 Jahren starb der Brauereibesitzer Karl Schrempp. Die Stadt gedenkt dieses Unternehmers, Kommunalpolitikers und Ehrenbürgers wegen seiner wohltätigen Stiftungen.

Wie akut die Wohnungsnot vor 100 Jahren in der Fächerstadt war, belegt die Gründung der Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung am 4. März 1919. Gerade hatte der Erste Weltkrieg auch schon mit Luftangriffen die damalige Industriestadt getroffen, nun versuchten besonders Politiker wie der Genossenschaftsgründer Albert Braun den Sozialen Wohnungsbau anzukurbeln.

Auf diesem Feld versucht sich die Hardtwaldsiedlung auch in ihrem Jubiläumsjahr 2019 mit dem bei den Anwohnern auf starke Ablehnung treffenden Nachverdichtungsprojekt in ihrer Oststadt-Siedlung am Fasanengarten.

Am 3. April jährt sich zum 100. Mal der Todestag des Architekten Josef Durm. Dieser gebürtige Karlsruher hat mit seinem epigonalen Kolossalstil um 1900 in das Stadtbild eingegriffen. Noch heute prägt seine Architektur manch prominente Stelle: das Prinz-Max-Palais an der Karlstraße, die Kapelle des Hauptfriedhofs oder das Vierordtbad.

Durm
BAUMEISTER Josef Durm hat viele Spuren im Stadtbild hinterlassen. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

 

Einen runden Geburtstag gibt es auch: Carl Benz wurde am 25. November vor 175 Jahren in Mühlburg geboren. Übrigens starb der Erfinder des Automobils vor 90 Jahren im April 1929 in Ladenburg.

Am 2. Mai vor 100 Jahren wurde Gustav Landauer ermordet. Der Karlsruher war eine der Hauptfiguren der Münchener Räterepublik. Der Linksintellektuelle, ob libertärer Sozialist oder utopischer Anarchist, meinte ausgerechnet in Bayerns Hauptstadt den idealen Staat wahr werden zu lassen. Rechtsradikale Freikorps-Soldaten folterten und ermordeten den Gefangenen.

Gustav Landauer
REVOLUTIONÄR Gustav Landauer aus Karlsruhe wurde in München ermordet. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

 

Große Geburtstagsfeten stehen 2019 bei drei Karlsruher Gymnasien im Kalender: Ihr goldenes Jubiläum feiern das Otto-Hahn-Gymnasium in der Waldstadt, das Humboldt-Gymnasium in der Nordweststadt und das Gymnasium Neureut. Einige Stürme hat in einem halben Jahrhundert auch der Jazzclub Karlsruhe überstanden.

Auf eine sechsmal größere Tradition beruft sich 2019 das Badische Staatstheater. Die Gründung eines Vorgängerensembles vor 300 Jahren am damals vierjährigen Hofe zu Karlsruhe von Markgraf Karl Wilhelm im Jahre 1719 nutzt der Vorstellungsbetrieb zum Feiern.

Mit einer Null weniger prunkt auch das ZKM. Doch bei nur 30 Jahre Stiftungsgründung lässt sich die Fächerstadt nicht lumpen. Gleichmal 100 000 Euro hat die Stadtpolitik jüngst per Haushaltsbeschluss zur ZKM-Inszenierung etwa mit dem Festival „30 Jahre ZKM“ locker gemacht.